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Letzte Nacht in Sierpc von Korbus, Jens (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.01.2017
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Letzte Nacht in Sierpc

Eddi Köhl, ein Ostpreuße, verstrickt sich in Nordpolen in die Besatzerszene und gerät 1945 mit siebenundzwanzig Jahren in russische Gefangenschaft. 1948 entlassen, gründet er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Rheinland eine neue Existenz. Wie sich der Ostpreuße mit seinen Kindern und Enkelkindern im Rheinland zurechtfindet und welche Schranken sich ihm in den Weg stellen, davon erzählt Jens Korbus in seinem spannenden Buch.

Jens Korbus, 1943 in Ostpreußen geboren. Studierte Germanistik und Philosophie und unterrichtete, nach einem Zwischenspiel als Assistent an der Düsseldorfer Uni, an einem Koblenzer Gymnasium. 1988 erhielt er aus der Hand des rheinland-pfälzischen Kultusministers den Fachinger Kulturpreis für seinen Brief an Goethe. Er veröffentlichte bis heute 17 Bücher.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 168
    Erscheinungsdatum: 10.01.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783743129733
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 659kBytes
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Letzte Nacht in Sierpc

2. BIS DASS DER TOD ...

W ährend ihrer Studienzeit in Hannover hatte Eddi ihr lange Briefe geschrieben, unterschrieben mit "Dein Edwin". Wie konnte man einen Jungen nur Edwin nennen! Liebe, Eifersucht und Misstrauen wechselten sich darin ab. Er, der Disponent, der das Einjährige auf einer Privatschule in einem Jahr nachgeholt hatte, konnte sein Glück, das er mit der Studentin Elvira gehabt hatte, gar nicht fassen. Aber noch waren sie nicht verheiratet, und Hannover lag tausend Kilometer entfernt. Er hatte ihr schon vorher viel geschrieben, denn sie hatte vor dem Arbeitsdienst ein paar Monate als Hauslehrerin auf einem Rittergut im Norden Ostpreußens gearbeitet. Eddi wechselte die Arbeitsstellen bei Raiffeisen, zog von Masuren nach Mittelostpreußen, dann ganz in den Osten des Landes. Er las die Unterhaltungsliteratur seiner Zeit, arbeitete im Geschäft manchmal bis abends um neun, wechselte die Pensionen, weil sie zu teuer oder das Essen zu schlecht war. Er verdiente dreihundert Reichsmark brutto, Abzüge fünfzig bis sechzig Reichsmark. Ein Sündengeld, "das man dem Staat in den Rachen schmiss". Wenn ihm abends langweilig wurde, ging er nach gegenüber in die Kneipe Buzikowski, las dort die Zeitschriften und trank ein oder zwei Bier. Einmal fiel ihm ein Artikel über die Psychologie der Liebe in die Hand. Aber er konnte dabei nur an Elvira denken. Er hatte ja das Briefeschreiben, das seine Abende ausfüllte. Schöne lange Briefe in gestochen scharfer Handschrift, mit toller Rechtschreibung und überhaupt kaum Fehlern.

Er schrieb ihr in den Arbeitsdienst nach Tussainen, wo sie sich, nach den vielen Marmeladenbroten, nach den "heimatlichen Fleischtöpfen" sehnen würde. "Eure Kost scheint ja nicht gerade eine Mastkur zu sein. Damit du aber nicht ganz als Leiche erscheinst, gehen dir mit gleicher Post einige Täfelchen Schokolade zu. Von der Ecke einer Tafel habe ich ein Stückchen abgebissen und einen langen Kuss raufgedrückt. Dass es bei euch kalt ist, ist ja sehr bedauerlich, schreibt er im Jarnuar 1937, bei uns ist es infolge Zentralheizung immer zu warm. Sehr trockene Luft. Hier in unserem Mädchenpensionat ist Zuwachs eingetroffen. Zwei Studienassessoren sind neu hinzugekommen. Wir haben sehr viele gemeinsame Bekannte entdeckt, und sie sind begierig zu erfahren, wie sich Verschiedenes in Wirtschaft, Handel etc. abspielt. Sie sind nämlich in dieser Beziehung von der allergrößten Naivität. Ich habe ihnen bereits klargemacht, was doch ein Studienrat eigentlich für ein unwissender Mensch ist, dafür kann er sicher besser griechisch wie ich. Der andere ist katholisch und schon längere Jahre in Rößel, war früher Vorbeter bei den Katholischen. Komischer Kauz.

Diesen Samstag ist Pressefest in Königsberg. Mein Nachbar Dr. Bretzler wollte mit mir zusammen hin, aber was soll ich da ohne dich? Und wenn du diesen Tag frei hast, komme ich natürlich viel lieber dich besuchen. Nachmittags war ich zum ersten Mal Schlittschuhlaufen. Ich war fast der einzige Ausgewachsene, sonst lauter lütte Bälger. Euren blödsinnigen Frühsport könntet ihr jetzt in der Hundekälte auch aufgeben. Ihr werdet euch noch alle Rheumatismus holen.

Dass du eine Stelle als Hauslehrerin hast, ist ja toll. Ich gratuliere. Aber du hättest mir ja ruhig darüber schreiben können. Wie du dazu kamst, was man da so verdient usw. Denn das interessiert mich doch außerordentlich.

Hoffentlich ist dir der bunte Abend gut bekommen. Habt ihr tüchtig getanzt? Ich war heute vormittags mit dem Wagen in Rastenburg, hatte einige Kleinigkeiten zu besorgen. Sonst nichts Wesentliches zu berichten. Los ist hier nichts Besonderes, nur ein dreckiges Sauwetter, Schnee, Regen etc. Ein Glück, dass ich wasserdichte Stiefel habe. Gestern war ich im Kino. Das schöne Fräulein Schragg.

Von Gumbinnen bin ich angenehm enttäuscht. Fünfundzwanzigtausend Einwohner, aber außerordentlich rege und betriebsam. Es macht einen

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