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Maos eisernes Mädchen Bewährungsprobe in den Wirren der Kulturrevolution in meiner Pekinger Schule. von Vom Hofe, Benjaporn (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.01.2015
  • Verlag: Engelsdorfer Verlag
eBook (ePUB)
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Maos eisernes Mädchen

Aus Sicht einer Schülerin des wohl bedeutendsten Gymnasiums in Peking lesen sich die hier dargestellten Erinnerungen als Schlaglichter auf die verwirrenden Ereignisse der chinesischen Kulturrevolution. Die Autorin, Tochter des Schuldirektors, erzählt selbsterlebte Geschehnisse, die sie damals als etwa zehnjähriges Mädchen unfreiwillig und mit ratlosem Erstaunen wahrnehmen musste. Die Besonderheit dieses Buchs besteht darin, dass der Leser hier mit authentischen Erlebnissen und mit einem Panorama irrsinniger Beobachtungen auf dem Gelände des Schulkomplexes konfrontiert wird. Man wird auf Szenen gestoßen, die in den Augen eines neugierigen Kindes fassungsloses Entsetzen hervorgerufen und in Hilflosigkeit noch weitgehend naiv hingenommen wurden. Aber der Augenzeugin sind dabei doch die grotesk-komischen Seiten solcher fragwürdigen Szenen nicht ganz entgangen, so dass der Leser trotz mancher offenkundig absurden und brutalen Geschehnisse nicht umhin kann, darüber auch ein wenig zu schmunzeln. Der Eifer, mit dem das hier erlebende Mädchen dem Gebot Maos nachzustreben bemüht ist, erweist sich als ein geradezu rührender, aber eben auch schon ironischer Versuch eines konformen Verhaltens.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 248
    Erscheinungsdatum: 23.01.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957446664
    Verlag: Engelsdorfer Verlag
    Größe: 1047kBytes
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Maos eisernes Mädchen

RUHE VOR DEM STURM

Meine frühe Kindheit erscheint mir immer in der glücklichsten Erinnerung. Das darf ich dankbar sagen. Jedenfalls gilt dies für die Zeit bis zu meinem neunten Lebensjahr, also bis zum Jahr 1966, in dem in China die Kulturrevolution begann. Soweit meine Erinnerung zurückreicht, habe ich in einem wahren Kindheitsparadies leben dürfen. Unser Wohnort in Beijing war ein großflächiger, mit hohen Mauern umgebener Schulkomplex, der früher ein Teil der Anlage des Himmelstempels gewesen ist. Mittlerweile heißt jedoch nur noch der zentrale Park mit dem Wahrzeichen der Stadt Himmelstempel. Ursprünglich aber war die ganze Anlage mit ihrer symbolischen Kultstätte viel viel größer. Im Himmelstempel hatte früher der Kaiser mehrmals im Jahr um gute Ernte gebetet und "Zwiesprache mit dem Himmel" gehalten, von dem er schließlich sein "Mandat", seine Legitimation als Herrscher empfangen hatte. Man war der Überzeugung, dass auf der Erde nur dann Harmonie und damit auch Wohlstand einkehren konnten, wenn auch im Makrokosmos Harmonie herrschte. Diese musste aber der Kaiser beschwören, damit die übermächtige Natur den Menschen kein Ungemach durch Unwetter, Überschwemmungen und Dürreperioden bereitete. Nur wenn die Natur für vorteilhaftes Wetter sorgte, konnten gute Ernten eingefahren werden, die den Menschen das Überleben garantierten und ihnen zu Wohlstand verhalfen.

In dem Teil, in dem meine Schule lag, befand sich auf einer hektargroßen Fläche früher ein Tempel für Agrarkultur. Dieser war im 15. Jahrhundert gebaut worden und unterteilt in zwei Tempelanlagen, von denen die eine den irdischen Göttern bestimmt war, denen man die Sorge für eine gute Ernte zuschrieb. Damit waren alle vergöttlichten Elemente aufgerufen, denen man eine entscheidende Bedeutung, ja die Verbürgung einer reichen Ernte zumaß. Verehrt wurden hier also zum Beispiel Agrargötter oder Wassergötter, die wesentlich diese Hoffnung verbürgten. Die hier in Rede stehende Anlage bestand aus vielen Hallen mit Altären für die genannten Götter, mit Innenhöfen und Aufenthaltsräumen, in denen der Kaiser mit seinem Gefolge zwischen den ebenso feierlichen wie aufwendigen Zeremonien ausruhen konnte. In der Mitte der ganzen Anlage ragte eine zwanzig Meter lange quadratische Rampe hervor, eine beinahe zwei Meter hohe Bühne, eingerahmt von Marmorsäulen, verziert mit Wolkenmustern. Auf dieser Bühne zelebrierte der Kaiser zwei Mal im Jahr, jeweils im Frühling und im Herbst, ein Aussaatfest, wo um eine gute Ernte gebetet, und ein Erntefest, auf dem für eine reichliche Ernte gedankt wurde. Das Stück Ackerland, das die genannte Rampe oder Bühne unmittelbar umgab, galt als das dem Kaiser persönlich anvertraute Terrain. Hier kündigte er nämlich beim Frühlingsgebet symbolisch an einem Pflug mit drei Schritten den Beginn der Aussaatzeit an. Danach schaute der Kaiser auf der Rampe oder Bühne seinen hohen Beamten zu, wie diese das ihm bestimmte Stück Ackerland ebenfalls symbolisch pflügten.

Im Herbst wiederholte sich diese kaiserliche Zeremonie mit Dankgebeten für die Ernte und mit Opfergaben. Das speziell auf dem kaiserlichen Feld geerntete Getreide wurde dann in die verschiedenen Tempel Pekings und in verschiedene nahe gelegene Klöster als Opfergabe geliefert.

Die andere Anlage des früher auf dem Gelände meiner Schule gelegenen Tempels war den himmlischen Göttern gewidmet und bestand aus Altären für numinose Personifikationen aller Naturphänomene. Für jede der Wettererscheinungen, für Regen und Schnee, Blitz und Donner, Hagel und Wind gab es jeweils einen Altar aus zwei Meter hohem weißen Marmor, verziert mit symbolischen Mustern. Alle Jahre wieder, nachdem der Kaiser im Tempel für die Agrarkultur mit drei symbolischen Schritten hinter einem Pflug die "Frühlingsaussaat" eröffnete, betete er an den einzelnen Altären der Wettererscheinungen unter vielen Opfergaben darum, die Götter möchten den Bauern immer die

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