text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Mein Glück kennt nicht nur helle Tage Wie mein behindertes Kind mir beibrachte, die Welt mit anderen Augen zu sehen von Noack, Gabriele (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2016
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Mein Glück kennt nicht nur helle Tage

Voller Freude erwartet Gabriele Noack die Geburt ihres zweiten Sohnes, doch das Glück wird erschüttert: Der kleine Julius ist schwer behindert. Für die junge Mutter bricht eine Welt zusammen, ihr Traum vom perfekten Familienleben scheint in unerreichbare Ferne gerückt. Warum bloß hat es ausgerechnet ihr Kind getroffen? Sie fühlt sich Julius Krankheit nicht gewachsen, Scham und Schuldgefühle rauben ihr die Kraft. Gleichzeitig spürt sie tiefe Liebe und eine besondere Verbindung zu ihrem Sohn. Langsam und vorsichtig findet sie sich in ihrem neuen Alltag ein und entwickelt durch die erzwungene Entschleunigung einen völlig anderen Blick auf die Welt ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 220
    Erscheinungsdatum: 13.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732523733
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1205kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Mein Glück kennt nicht nur helle Tage

4. April 2008

Sechs Jahre vorher

Ich feiere zum vierunddreißigsten Mal meinen Geburtstag. Aber zum allerersten Mal mit einem Kind in meinem Bauch.

Auf dem Glastisch vor mir stapeln sich, neben zerknüllten Geschenkpapierfetzen, nagelneue DVD -Boxen. "Greys Anatomy" - die komplette zweite Staffel, "Friends - Episode 1-10", "Emergency room" - Staffel 1. Keine Klamotten, keine Schals, Parfumflacons oder gar Unterwäsche. Die mitgebrachten Präsente meiner zwei Freundinnen sind eher zweckmäßig. Ich muss noch über acht Wochen mit meinem dicken Bauch auf dem Sofa ausharren.

Seit sieben Monaten wächst ein Kind in mir heran. Seit sieben Monaten mache ich mir Sorgen und Gedanken, wie wohl alles werden wird. Gedanken, die ich mir nie machen wollte.

Wird Michael mich mit Kind noch attraktiv finden? Sind wir womöglich doch schon zu alt? Werden wir als Eltern alles richtig machen?

Kann das Kind in mir schlafen, auch wenn ich mal wieder vor lauter Grübeleien in der Nacht kein Auge zumache? Geht es ihm gut, auch wenn ich furchtbar aufgeregt bin? Hat es womöglich rote Haare wie ich? Was hatte ich als kleines Mädchen unter meinem Kupferdach gelitten!

"Guter Hoffnung sein" kann man meinen Zustand nicht unbedingt nennen. Michael hatte recht, ich mache mir viele Gedanken, viel zu viele Gedanken. So viele, dass sie mich beunruhigen. Am allermeisten verunsichern mich diese Wehen, die ich schon seit Wochen habe. Meine Frauenärztin hat mir Schonung verordnet, sieht aber sonst keinen Handlungsbedarf.

"Ich merke, Sie denken zu viel nach! Aber nun bleiben Sie eben zu Hause und ruhen sich aus. Ich schreib Sie jetzt krank, das tut Ihnen vielleicht gut!", meinte sie vor einigen Wochen, nachdem ich wieder einmal kurzfristig wegen Bauchschmerzen außerhalb der normalen Vorsorgeuntersuchungen bei ihr in der Praxis erschien.

"Diese ganzen zusätzlichen Untersuchungen bekommen wir alle von der Krankenkasse nicht bezahlt!", erklärte mir die Arzthelferin mit einem Lächeln und einem reizenden Augenaufschlag. "Die sind auch oft unnötig." Sie hat schon drei Kinder auf die Welt gebracht und weiß Bescheid, das hatte sie mir stolz bereits beim vorletzten Besuch mitgeteilt. Ich war mir sicher, in ihren Augen den Ausdruck "hysterische Erstgebärende" lesen zu können.

Seither verbringe ich fast den ganzen Tag auf dem Sofa. Ich schlage die Zeit mit dem Glotzen von hirnlosen Daily Soaps und Kochsendungen tot. Das Grinsen von Johann Lafer hat sich bereits in meinem Gehirn festgefressen. In meinen naiven Träumen von einer Schwangerschaft habe ich mich in hübschen Umstandskleidchen und mit rosiger Gesichtsfarbe bei der Arbeit gesehen. Jetzt trage ich täglich dieselben schwarzen Leggings und ein weites Schlabber-Shirt. Das Haus verlasse ich kaum noch.

Michael ist erst vor ein paar Monaten bei mir eingezogen. Er renoviert gerade noch einen Bereich im Obergeschoss für sich. Schließlich braucht sein Klavier, besser gesagt: sein Flügel, eine würdige Bleibe. Ich (und wahrscheinlich der Rest meiner Nachbarschaft) werde den Tag nie vergessen, als sich ein riesiger Schwerlastkran in unsere kleine Sackgasse zu meiner Doppelhaushälfte zwängte. Der LKW mit dem wertvollen Piano im Laderaum versperrte bereits die komplette Straße von der entgegengesetzten Seite aus.

Kurz darauf versammelte sich in meinem beschaulichen schwäbischen Dorf, in meinem idyllischen Sträßchen, eine nicht geringe Menschentraube, und fassungslose Gesichter starrten mit offenen Mündern in den Himmel. Man hätte vermuten können, sie beobachteten gerade, wie sich E.T., der Außerirdische mit dem Fahrrad, über die Dächer ihrer Häuser hinweg auf den Weg nach Hause macht.

Hier aber schwebte ein Kawaiflügel, festgehalten von ein paar Zurrgurten, hoch in den Himmel, wurde immer kleiner und kleiner, ehe er in der Balkontür des dritten Obergeschosses meines Hauses verschwand.

Jetzt verst

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen