text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Mit dem Herzen einer Tigerin Ein bewegendes Schicksal aus Indien von Amila (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.12.2015
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Mit dem Herzen einer Tigerin

Ohne zu ahnen, welcher Albtraum sie erwartet, schicken ihre Eltern Amila im Alter von neun Jahren nach Neu-Delhi. Eine Mittlerin soll sie einem wohlhabenden Mann vorstellen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr: Nach zwei Jahren als Arbeitssklavin wird sie mit einem deutlich älteren Mann zwangsverheiratet. Die heute 24-Jährige ist mittlerweile Mutter von fünf Kindern - harte körperliche Arbeit, Sex auf Kommando und Prügel sind ihr tägliches Los. Doch sie gibt nicht auf ... Die Geschichte einer mutigen Frau, die jeden Tag stärker wird und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verloren hat.

Katharina Finke, geboren 1985, ist eine freie Korrespondentin und berichtet von verschiedenen Orten auf der Welt (u.a. China, Indien, Ozeanien, Portugal, USA). Ihre Schwerpunkte sind Reise, Nachhaltigkeit, Kultur und Gesellschaft, mit Fokus auf Menschenrechtsthemen. ?Sie arbeitet für Print- und Onlinemedien sowie fürs deutschsprachige Fernsehen (u.a. freitag, Spiegel, taz, Zeit, ARD, ORF, SF).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 14.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641179632
    Verlag: Heyne
    Größe: 4809 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Mit dem Herzen einer Tigerin

I ch hatte Angst. Angst, Akhtar zu treffen. Einen Mann, dem ich noch nie begegnet war und mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen sollte. Dabei war ich gerade mal elf Jahre alt und sollte einen wildfremden Mann heiraten. Ich konnte nicht schlafen, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Ich schloss die Augen. Meine Lider waren schwer, weil ich noch so müde war. Aber mein Herz schlug schnell. Mir wurde heiß. Ich fragte mich: Was ist das für ein Mann? Wird er mich mögen? Wird er mich mit einem Lathi schlagen? Mit dem langen, dünnen Schlagstock aus Bambus?

Noch bevor die Sonne aufging, lief ich zum Brunnen, um Wasser für den ganzen Tag zu holen. Auf der Wasseroberfläche spiegelte sich das Mondlicht. Das kühle Wasser war angenehm erfrischend, als ich den Eimer darin eintauchte und dadurch das Spiegelbild des Monds zerstörte. Danach setzte ich den Eimer auf den Kopf und balancierte ihn zurück zum Haus. Obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war, spürte ich, wie warm der Tag werden würde. Sand und Staub wehten durch die Luft, legten sich auf alles, auch auf meine Haut.

Ich musste mit dem Eimer mehrmals zum Brunnen und wieder zurückgehen, bis ich genügend Wasser geholt hatte. Dann fegte ich das Haus und setzte Chai auf. Den Schwarztee trinkt man in ganz Indien. Meist wird er mit einem Schuss Milch und viel Zucker in einem Topf aufgekocht. Dazu kommen je nach Region verschiedene Gewürze ( Masala ), wie Kardamom, Zimt, Ingwer, Nelken, Muskat oder Lorbeerblätter. Ich nahm nur etwas Ingwer und Zimt für den Chai und brühte ihn mit wenig Zucker, dafür umso mehr Milch, auf. Dann brachte ich ihn der Frau, für die ich seit zwei Jahren arbeitete.

Weil sie so fett war und ich sie verabscheute, nannte ich sie Moti - auf Hindi ist das die umgangssprachliche und abschätzige Bezeichnung für dicke Frauen. Noch bevor Moti den ersten Schluck getrunken hatte, brüllte sie mich an: "Wie siehst du wieder aus? Völlig eingestaubt! Wasch dich und mach dich schön! Heute ist ein sehr wichtiger Tag!"

Ich nahm das verdreckte Küchentuch und wischte mir den Staub von der Haut. Dann ging ich zum Wassereimer und hockte mich davor, um mir Gesicht und Haare zu waschen. Ohne Seife, denn die war nur für Moti vorgesehen. Anschließend ging ich ins Haus und zog das schönste Salwar Kameez an, das ich hatte. Es ist die traditionelle Kleidung von einigen Inderinnen und besteht aus einem Kameez, einem längeren Hemd, das locker über eine Salwar, eine weite Hose, getragen wird, und einem Schal, der Dupatta. Mein Kameez war hellorange mit großen weißen Blumen. Sie ähnelten den Orchideen, die in meiner Heimat Assam wachsen. Und den Farben von Tigern, die es dort gibt. Nur eben nicht wild gestreift, sondern mit Blüten. Dieses Salwar Kameez werde ich nie vergessen. Heute würde es mir nicht mehr passen. Doch damals war ich viel dünner. Aber nicht schlank und hübsch, sondern abgemagert und schwach.

Wenige Tage zuvor war ein alter Herr gekommen, um mit Moti und ihrem Mann zu sprechen. Er wollte mich mit seinem Sohn Akthar verheiraten, wie mir Moti später erzählte. Heute war der Tag, an dem ich diesem wildfremden Mann, dessen Frau ich werden sollte, zum ersten Mal begegnen würde. Ich betete an diesem Morgen ausgiebig. Wird er mich mögen, überlegte ich, oder wird er mich so schlecht behandeln, wie Moti es getan hatte. All die Gedanken meiner schlaflosen Nacht kreisten wieder in meinem Kopf. Moti und ihr Mann brachten mich mit dem Sammeltaxi in ein fremdes Dorf, etwa vierzig Minuten von der Stadt entfernt. Sie lieferten mich bei meinem zukünftigen Mann und seiner Familie ab. Moti sagte bloß: "Sie heißt Amila." Dann verabschiedeten sie und ihr Mann sich von der Familie - aber nicht von mir - und fuhren einfach weg.

Es war komisch. Abdul, der bei Moti zu Besuch gewesen

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen