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Mutter Lise von Schlaf, Johannes (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.02.2016
  • Verlag: e-artnow
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Mutter Lise

Dieses eBook: 'Mutter Lise' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Die Frau Kommerzienrat entstammte einer adligen Familie, die freilich schon lange auf das Gehalt angewiesen war, das ihre männlichen Mitglieder aus Beamtenstellen zogen; außerdem waren viel Geschwister dagewesen. So hatte sie seinerzeit den Antrag des schwerreichen Großkaufmannes Anton Körber angenommen, der später Kommerzienrat geworden war. In solch einen Lebenskreis war Lise hineinversetzt worden; aus dem Hannöverschen gebürtig, Tochter schlichter Handwerkersleute. Aber sie war eine - wenn auch dem Urteil ihrer Schwiegermutter nach 'zu unverleugbar bäuerische' - Schönheit.' Johannes Schlaf (1862-1941) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler und Übersetzer und bedeutender Vertreter des deutschen Naturalismus. Als Übersetzer trug er entscheidend zur Verbreitung der Werke von Walt Whitman, Émile Verhaeren und Émile Zola im deutschsprachigen Raum bei. Er gilt damit als Begründer des Whitman-Kults in Deutschland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 278
    Erscheinungsdatum: 09.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788026850465
    Verlag: e-artnow
    Größe: 683 kBytes
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Mutter Lise

4
Inhaltsverzeichnis

Als der kleine Tom zwei Jahre geworden, war die Harbingsche Art schon mit aller Unverkennbarkeit an ihm zutage getreten.

Genau wie Anton Körber gelegentlich vorausgesagt, hatte er schwarzes Kraushaar und graue Augen. Auch sein, im übrigen nach dem Körberschen Schlag kräftiger, aber ungewöhnlich wohlgebildeter Körperbau schien zu verraten, daß er sich einst, im Gegensatz zu Detlevchen und Karlchen, die echt stämmige, bedächtig verständige kleine Körbers waren, zu geschmeidiger Schlankheit entwickeln werde.

Außerdem aber fiel es auf, daß er ein sehr lebendiges kleines Quecksilber wurde, das mit unglaublicher Betriebsamkeit, übrigens mit echt Körberscher Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit, auf eigene Faust in allen Ecken und Winkeln herumlief, kroch, wuselte und seine oft schon gefährlichen Entdeckungsreisen bewerkstelligte, von denen er mit naiver Aufrichtigkeit und Wißbegier eine Unmenge so beharrlicher wie stürmischer Fragen ans Tageslicht brachte.

Das wurde seiner Muter, die er mit ihnen bis in ihre Küche hinaus verfolgte und so bei der Arbeit störte, oft recht lästig, so daß sie ihn zuweilen schalt oder kurzerhand hinausschob; ein Verhalten, das er jedoch merkwürdigerweise mehr beachtete und gleichsam beobachtete, als daß er es übel aufnahm oder gar zu heulen anfing, außer wenn es ihm gelegentlich durchaus darauf ankam, eine Antwort zu bekommen.

Im allgemeinen war in diesem Wesen aber nichts, was Lise eigentlich befremdet hätte, da sie ja außerdem bei ihrer gesunden Art und ihren prächtigen Nerven über die echte mütterliche Geduld verfügte. Aber es kam doch vor, daß der Kleine Fragen stellte, die sie verwunderten, manchmal auch in Verlegenheit versetzten, weil sie sie von Detlevchen und Karlchen nicht gewohnt, ihre Intelligenz wohl auch nicht immer geschmeidig genug war, sie zu beantworten.

Direkt befremdet fühlte sie sich zuweilen wohl auch durch die stilleren und nachdenklicheren Augenblicke des Kleinen; befremdet bis zu einem wirklichen, wunderlichen, kleinen Gefühl von Fremdheit und anderer Art.

Der kleine Tom hatte solche Augenblicke aber gar nicht selten.

So kam es etwa vor, daß er minutenlang ganz still vor ihr stand oder saß, oder aus einem Winkel von seinem Spielzeug her unverwandt stumm forschend zu ihr hinblickte. Oder er hockte, das Gesicht auf den Fäustchen, auf einem Stuhl am offenen Fenster und beobachtete mit weiten, aufmerksamen Augen irgend etwas unten im Garten; oder auch er hielt die Augen gen Himmel aufgerichtet und vertiefte sich, was er besonders gern zu tun schien, minutenlang ins wolkenlose Blau, oder verfolgte mit dem Blick eine weiße Wolke. Oft fand Lise ihn auch in einer Ecke, wo er mit nachdenklicher Aufmerksamkeit eine Spinne oder sonst etwas beobachtete. Zuweilen aber saß er auch bloß so ganz still und in sich versunken da.

Und dann geschah es denn wohl auch, daß er mit einer ganz besonders wunderlichen Frage zum Vorschein kam, die - ja, die sie manchmal direkt erschrecken konnte.

So hatte er sie eines Tages aus solch einer Versunkenheit hervor ganz plötzlich mit seiner, besonders wenn er eifrig war, etwas zu schnellen und sich überstürzenden Sprechweise gefragt:

»Ma'! Ma'sen! Wo B'itzeding, mach' imma 'ack - 'ack - 'ack - 'ack?«

Lise hatte von ihrer Arbeit aufgeblickt und ihn verwundert angesehen, sich Mühe gebend zu erraten, was er meinte. Schließlich war sie auf den Gedanken gekommen, er meine die Standuhr, und hatte gelacht, mit der Hand auf die Uhr gezeigt und gesagt:

»Na, du Dummer! Da is sie doch? Die Uhr?«

Aber ganz gegen seine gescheite Art hatte er Mutter nur eine ganze Zeit, ohne irgendwelche Aufmerksamkeit zur Uhr hinzuwenden, verwundert und verständnislos angestarrt, bis er sich mit einem Male eifrig zwischen seinem Spielzeug vom Boden in die Höhe gemacht, mit vor Eifer blitzenden Augen und hochroten Pausbäckchen zu ihr hergelaufe

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