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Otto Richter - Jungenderinnerungen - DRESDEN 1869-1879 Lehrjahre eines Kopfarbeiters [Band 2 von 2]. von Richter, Otto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.12.2014
  • Verlag: Rockstuhl
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Otto Richter - Jungenderinnerungen - DRESDEN 1869-1879

Autor: Prof. Dr. Otto Richter, Archivar und Bibliothekar in Dresden, Taschenbuch, neu gesetzte Ausgabe, Reprint 1925/2015, 98 Seiten

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 98
    Erscheinungsdatum: 22.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867778015
    Verlag: Rockstuhl
    Größe: 2442kBytes
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Otto Richter - Jungenderinnerungen - DRESDEN 1869-1879

Tisch- und Bettgeheimnisse.

Es war mir nicht schwer gefallen, mich in Dresden einzugewöhnen. Meine Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse hatten sich hier auch nicht üppiger gestaltet als daheim bei den Eltern. Auf ein Zeitungsangebot hin war ich zu einer Lehrerswitwe auf der Alaungasse gezogen, einer sehr gefühlvollen und zartbesaiteten Frau, die viel auf guten Ton hielt: für ein freies, naturwüchsiges Wort konnte man bei ihr leicht einen wahrhaft vernichtenden Blick ernten. Die Bedauernswerte befand sich in ewiger Geldklemme: ihr einziger, von ihr sehr bewunderter Sohn, ein junger Eisenbahningenieur, lag ihr immer schwer auf der Tasche und kränkte sie obendrein oft bei Tische durch Vorwürfe über die dürftige Kost. Er fühlte sich berufen, an der Erziehung der mütterlichen Pfleglinge tatkräftig mitzuwirken. Mir hat er dabei wenigstens insofern genützt, als er manche Erfahrungen seines Lebenswandels mir zugute kommen ließ und sich somit unbewußt als warnendes Beispiel darbot. Wenn der selbstgefällige Herr uns den rechten Begriff von seiner angesehenen Stellung geben wollte, ließ er sich Sonntag vormittags frisieren und den Schnurrbart wichsen, zog seinen besten Dienstrock nebst weißen Handschuhen an und ging, von den verwundert aus ihren Häuschen heraustretenden Bahnwärtern ehrerbietig gegrüßt, mit uns auf den Bahndämmen spazieren, offenbar in der Meinung, daß wir das sonst jedermann streng verbotene Stolpern über die Schwellen als hohe Vergünstigung zu schätzen wissen würden.

Die Wohnung teilte mit mir ein Schulkamerad aus der nächsthöheren Klasse, Richard Hänsel, ein strebsamer und liebenswerter Mensch, der mir sehr bald Herzensfreund wurde. Nach dem frühen Tode seines Vaters, eines Postverwalters in Dohna, hatte er das Glück, die Mittel zu seiner Weiterbildung von meinem Bruder August vorgestreckt zu erhalten, sonst aber war ihm, außer einer treuen Schwester, wenig Genuß des Schicksals beschieden. Während meines letzten Schuljahres diente er als Einjähriger bei den Leibgrenadieren. Seine zarte Natur zeigte sich den Anstrengungen des Waffenhandwerks nicht gewachsen, trotzdem wurde er bei der Unerbittlichkeit des militärischen Zwanges nicht eher entlassen, als bis er schweren Schaden an der Gesundheit genommen hatte. Er litt an stets zunehmender Lähmung der Glieder und ist nach leidensvollen Jahrzehnten als Ingenieur in Leipzig gestorben.

August Richter

Zunächst aber hing uns beiden der Himmel voller Geigen. Das Fenster unserer Schlafkammer eröffnete die Aussicht auf eine Gärtnerei. Hier standen wir an klaren Herbstabenden, schwelgten in der Schönheit der Sternenwelt und schwärmten in Zukunftshoffnungen auf eine Milchstraße des Lebens. Eine junge Gärtnerin suchte unsere Aufmerksamkeit durch lockenden Gesang auf sich zu lenken, aber wir ließen uns auf solche nicht unbedingt zu unserer Ausbildung gehörige Beziehungen nicht ein, zumal da wir nicht feststellen konnten, wem von uns beiden die Sirenenklänge galten. Während des Winters verschlossen wir unsere Gefühle abgekühlt im Innern und schliefen nach Erledigung der Schularbeiten den Schlaf der Gerechten. Aber als der Frühling kam - wehe! Da entfaltete sich nachts in der Kammer eine unheimliche Geschäftigkeit. Kleine braune Teufelchen aus der verrufenen Familie cimex lectularius tauchten erst vereinzelt, dann in immer wachsender Zahl aus Türpfosten und Ritzen auf, kletterten an den Wänden empor, ließen sich in kühnem Schwunge von der Decke auf die Betten herabfallen, krochen blutsaugerisch zu uns in die Kissen und schufen uns in lauen Nächten die Qualen der Hölle. Frühmorgens sah man sie wie eine Flotte brauner Ruderboote im Waschbecken herumgondeln und selbst in der Wohnstube hielten sie auf den Sophakissen ihre Turnübungen ab, um unversehens auf den Menschen überzuspringen. Das vermochten auch so gutherzige Jünglinge wie wir, die jedem Tierchen ein anständiges Vergnügen gönnten, au

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