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Spätsommerhimmel in Sanssouci Lebensabschnitte einer Vierteljüdin von Schmidt-Bernhardt, Angela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.07.2013
  • Verlag: Größenwahn Verlag
eBook (ePUB)
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Spätsommerhimmel in Sanssouci

'Dresden, 30. Januar 1933. Ich sehe es vor mir, wie Vati mich weckte und sagte, es sei etwas Ungewöhnliches geschehen. Wir sahen einen großen Fackelzug. Die Nazis feierten ihre Machtergreifung ...' Kurz vor ihrem Tod erzählt die 85-jährige Puti von ihren Jugendjahren in Nazideutschland. Angela Schmidt-Bernhardt, Tochter und Autorin, kannte sie als eine Frau, die ein Leben lang ihre Identität verbarg und mit der Scham lebte, zu den Überlebenden zu gehören, die sich selbst nicht wichtig nahm, weil sie so viel anderes Leid gesehen hatte. Eine Frau, die nur ein einziges Mal wagte, über ihre 'Abstammung' zu sprechen - auf einem Spaziergang durch den verdämmernden Park von Sanssouci. Damals, im Spätsommer 1943, als die große Liebe kam, mitten im Krieg, öffnete sie ihr Herz: der Vater Halbjude, sie Vierteljüdin. Danach, und in der Nachkriegszeit, folgten das große Schweigen - und das immer wiederkehrende Erschrecken über Neonazis mitten in Deutschland. Angela Schmidt-Bernhardt notiert die Erzählungen ihrer Mutter, findet Briefe und Tagebucheintragungen aus jener Zeit und nähert sich dem Erleben und den Gefühlen einer in der gewaltsamen Atmosphäre Nazideutschlands verstummten Frau.

Angela Schmidt-Bernhardt wurde 1951 in Schleswig geboren - zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder. Sie studierte Romanistik und Sozialwissenschaften in Bochum, danach unterrichtete sie Deutsch in Frankreich, zu-nächst an einer Schule in Dax, dann an der Universität in Bordeaux. Ihre Lehrerinnenausbildung schloss sie in Frankfurt am Main mit dem Referendariat ab und unterrichtete danach am Hessenkolleg Französisch und Gemeinschaftskunde. In den 1990er Jahren bildete sie sich am Institut für Gruppenanalyse in Heidelberg in den Berufsfeldern 'Beratung und Supervision' weiter. 2007 promovierte sie an der Universität Marburg zum Thema 'Jugendliche Spätaussiedlerinnen. Bildungserfolg im Verborgenen'; die Dissertation erschien 2008 im Tectum-Verlag, Marburg. Heute arbeitet sie an der Philipps-Universität Marburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften mit Lehramtsstudierenden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind 'interkulturelles Lernen', 'Förderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung' und 'kreatives Schreiben'. Als Autorin beschäftigt sie sich vorrangig mit den Verbindungen zwischen individuellen, persönlichen Schicksalen und zeitgeschichtlichen Entwicklungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 94
    Erscheinungsdatum: 18.07.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783942223478
    Verlag: Größenwahn Verlag
    Größe: 1462 kBytes
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Spätsommerhimmel in Sanssouci

VORWORT
"Es ist doch nichts Besonderes!"
"Wie ist es, wenn man weder zu den einen noch zu den anderen gehört?" In der Antwort meiner Mutter verbarg sich ihr Lebensmotto: "Es ist doch nichts Besonderes!"
"Hauptsache Schweigen"1, "Mischling zweiten Grades"2, "Der halbe Stern"3, so lauten Buchtitel, hinter denen sich Schicksale von Halbjuden und Vierteljuden verbergen. Alle entstanden im neuen Jahrtausend. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis das Schweigen gebrochen wurde. Das Schweigen derer, die immer dazwischenstanden, die lebten, die überlebten.
Das leise Trauma, das Leiden, das keinen interessierte, schon gar nicht sie selbst, dieses Trauma verbarg sich hinter dem Schweigen. Sich selbst nicht zu ernst nehmen; schlimm erging es den anderen, unerträglich der Gedanke an die Mitschülerinnen, an die Freundinnen, an die Gäste der Eltern, an den Onkel in Berlin, die nicht dieses zweite Leben in der neuen Zeit erleben konnten; sie wurden verhaftet, erschossen, abtransportiert, zusammengepfercht, vergast.
Nach Auschwitz keine Gedichte mehr - nach Auschwitz keine Tränen für das eigene, für das geringere Leiden, das Leiden der Überlebenden - nach Auschwitz kein Mitleid mit den Überlebenden - keine Innenschau, keine Seelenverwandtschaft, kein Selbstmitleid, nein, das schon ganz und gar nicht; die Schuld, zu den Überlebenden zu gehören, die Scham des "Mischlings" - wo findet sich im "Weder-noch" die Identität?
Im Juli 2006 musste meine fünfundachtzigjährige Mutter ins Krankenhaus. Zwei Wochen später - nach intensiver Diagnostik und einem großen Bauchschnitt - kam die Nachricht der Ärzte: "Es bleiben ihr noch sieben Monate."
In dieser Zeit erzählte sie - die es immer abgelehnt hatte, etwas aus ihrem Leben aufzuschreiben - mir manches. So versuche ich aus den Notizen, die ich mir in einer Schulkladde machte, etwas von ihren Erinnerungen festzuhalten und weiterzugeben.

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