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Tschechow lesen Eine literarische Reise von Malcolm, Janet (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.10.2010
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Tschechow lesen

Janet Malcolms Reise auf den Spuren Anton Tschechows beginnt mit einem Desaster: Am ukrainischen Flughafen von Simferopol verschwindet ihr Koffer mit einem Unbekannten. Als sie sich anschließend von einer Fremdenführerin zu jener Bank begleiten lässt, von der die beiden Liebenden in Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen' auf Jalta blicken, wird ihr klar, dass die Aussicht nicht im Entferntesten so hübsch ist wie erwartet. Aber so schnell gibt Janet Malcolm nicht auf. Sie reist nach St. Petersburg, Jalta und Moskau, die Orte in Tschechows Leben, recherchiert über seine Kindheit, seine Beziehungen, die frühen Triumphe, seine literarischen Figuren und Themen - in einerunwiderstehlichen Mischung aus Essay, Reportage und Reisebericht. Auf superbem Niveau verwebt sie Leben und Werk und beantwortet die einfachs -ten und zugleich kompliziertesten Fragen: Warum gestehen sich Tschechows Figuren ihre Liebe meist in verwunschenen Gärten? Warum mochte Tschechow keine Hochzeiten? Und was ist die Wahrheit hinter dem Mythos seines Todes, den er angeblich mit einem Glas Champagner in der Hand erwartet hat? Man kann alles über Tschechow wissen - oder nichts. So oder so wird man Janet Malcolm für dieses Buch lieben.

Janet Malcolm, geboren 1934 in Prag, wuchs in New York auf. Sie zählt zu den renommiertesten Essayistinnen Amerikas und schreibt für den New Yorker. Veröffentlichungen zu Gertrude Stein, Sylvia Plath und der Psychoanalyse.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 09.10.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827071590
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 1033 kBytes
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Tschechow lesen

I

Nachdem sie zum ersten Mal miteinander geschlafen haben, fahren Dmitri Dmitritsch Gurow und Anna Sergejewna von Diederitz, der Held und die Heldin in Anton Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen" (1899), im Morgengrauen zu einem Dorf bei Jalta, das Oreanda heißt. Dort setzen sie sich auf eine Bank in der Nähe der Kirche und blicken aufs Meer hinunter. "Jalta war kaum zu sehen durch den Morgennebel, über den Gipfeln der Berge standen reglos weiße Wolken", schreibt Tschechow an der berühmten Stelle, die so weitergeht:

Kein Blatt rührte sich an den Bäumen, die Zikaden sangen, und das eintönige, dumpfe Rauschen des Meeres, das von unten heraufdrang, sprach von der Ruhe, vom ewigen Schlaf, der uns erwartet. So hat es unten gerauscht, als hier noch kein Jalta war, kein Oreanda, so rauscht es heute und wird noch genauso gleichgültig und dumpf rauschen, wenn wir einmal nicht mehr sind. Und in dieser Beständigkeit, in der vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben und Tod eines jeden von uns liegt vielleicht das Unterpfand unserer ewigen Rettung verborgen, der unaufhörlichen Bewegung des Lebens auf der Erde, der unaufhörlichen Vollendung. Neben einer jungen Frau sitzend, die im Morgenlicht so schön erschien, besänftigt und bezaubert von dieser märchenhaften Umgebung - dem Meer, den Bergen, den Wolken, dem weiten Himmel, dachte Gurow, daß im Grunde, wenn man es sich recht überlegte, auf dieser Welt alles schön sei, alles, außer dem, was wir denken und tun, wenn wir die höchsten Ziele des Daseins vergessen, unsere menschliche Würde.

Heute sitze ich auf derselben Bank bei der Kirche und habe denselben Ausblick. Neben mir sitzt meine Englisch sprechende Reiseleiterin Nina (ich kann kein Russisch), und ein paar hundert Meter entfernt wartet der Fahrer Jewgeni in seinem Auto am Beginn des Fußweges, der zu dem Aussichtspunkt führt, wo Gurow und Anna saßen, als sie sich der großen Liebe, die vor ihnen lag, noch nicht bewußt waren. Ich bin eine Figur in einem neuartigen Drama: in der absurden Farce einer literarischen Pilgerreise, die die magischen Seiten des Werks eines Genies verläßt und sich zur "Urszene" aufmacht, die hinter den Erwartungen nur zurückbleiben kann. Weil aber Nina und Jewgeni sich einige Mühe gemacht haben, um den Aussichtspunkt zu finden, tue ich so, als ob ich begeistert wäre. Nina - eine großgewachsene Frau Ende Sechzig, mit kurzen, glatten Haaren, vergißmeinnichtblauen Augen und einer unverkennbar leidenschaftlichen Natur - weiß das zu schätzen. Sie fängt an zu singen. "Es ist eine große, weite, wunderbare Welt, in der wir leben", singt sie und fragt dann: "Kennen Sie dieses Lied?" Als ich es bejahe, erzählt sie mir, daß Deanna Durbin es 1948 in dem Film For the Love of Mary gesungen hat.

"Mögen Sie Deanna Durbin?" fragt sie. Ich sage ja.

"Ich verehre Deanna Durbin", sagt Nina. "Ich verehre sie seit meiner Jugend."

Sie erzählt mir von einer zufälligen Begegnung in der Kirche von Jalta vor zwei Jahren mit einer Engländerin namens Muriel, die sich ebenfalls als Verehrerin von Deanna Durbin erwies und sie infolgedessen zu der jährlichen Konferenz einer Organisation einlud, die sich Deanna-Durbin-Gesellschaft nannte und dieses Jahr in Scarborough in England tagte. Nina besitzt Videos aller Filme von Deanna Durbin und kennt alle ihre Lieder. Sie will mir die Adresse der Deanna-Durbin-Gesellschaft geben.

Nina wurde im heutigen St. Petersburg geboren, wo sie auch aufwuchs, und nachdem sie dort an der Universität Sprachen studiert hatte, wurde sie Reiseleiterin bei Intourist, derzeit zuständig für Jalta. Sie ist in Rente gegangen, und wie alle Rentner in der ehemaligen Sowjetunion kann sie von ihrer Rente nicht leben. Sie arbeitet jetzt als selbständige Reiseleiterin und wartet auf Aufträge vom Hotel Jalta, das gegenwärtig das einzige Hotel in der Stadt ist, in dem man wohnen kann. Meine Reise nach Jalta war für sie ein Glückstreffer; s

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