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Victoria 100 Tage Kaiserin von Schulz, Helmut H. (eBook)

  • Verlag: neobooks Self-Publishing
eBook (ePUB)
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Victoria

Wer daran glaubt, dass Geschichte von Menschen gemacht wird, dem wird mit diesen nicht-chronologischen Streifzügen womöglich das zwiespältige Gefühl geboten, das uns beschleicht, wenn wir meinen, es hätte besser gemacht werden können. Diese vorletzte Kaiserin war eine bemerkenswert starke Frau, im Guten wie im bösen, eine große Hasserin, und eine der auffallendsten Persönlichkeiten unter den aussterbenden Monarchinnen. Bis in die letzten Stunden ihres sterbenden Gatten hinein blieb sie in jedem Zoll: Kaiserin Friedrich Wilhelm, Royal Princess Victoria. Und sie fühlte sich um den Glanz betrogen, denn hundert Tage Kaiserin sind etwas mager, angesichts einer so langen Wartezeit. Als das Ziel erreicht war, dauerte es nur etwas mehr als drei Monate, genau solange wie Friedrich als deutscher Kaiser auf dem Thron mehr dahinsiechte als regierte.

Helmut H. Schulz, Jahrgang 1931. Von Mitte der 1950er Jahre an publizierte er zahlreiche Aufsätze und Kurzprosa in Zeitschriften und Zeitungen der literarischen Szene in der DDR. Seit 1974 führt er eine Existenz als freier Schriftsteller. Er lebt heute in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 279
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783847668763
    Verlag: neobooks Self-Publishing
    Größe: 817kBytes
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Victoria

DIE KENSINGTON BANDE

Als sich die Queen zur Irlandreise rüstete, war ihre Stellung gefestigt, und nicht nur im Äußerlichen, im Stil und in der Tradition; die konstitutionelle Monarchie englischen Typs war tatsächlich etwas Besonderes . Im Europa des 19. Jahrhunderts hatten sich keine neuen Herrscherdynastien mehr bilden können. Vakante Throne und Kronen wurden sozusagen ausgeschrieben wie Stellen von Handlungsgehilfen. Das führte zu Rückgriffen auf fragwürdige Nebenfiguren aus den Restbeständen des Hochadels. Gegen die trübe Herkunft der englischen Königin war die ihres Gatten geradezu musterhaft, wenn auch deutsch und kleinstaatlich. Mittlerweile gibt es verschiedene Theorien über die Familienabstammung der Queen Victoria; ihre Ahnenreihe soll bis hinunter zu den Teilnehmern der Schlacht bei Hastings 1066 reichen, wo einiges, das heißt alles für das Inselreich entschieden wurde, nach anderen Quellen reichte die Abkunft Victorias sogar bis zum biblischen König David.

Geboren wurde die Mutter unserer Victoria, Royal Princess, am 24. Mai 1819, und zwar als erste Tochter eines vierten Sohnes König Georg III., was bedeutet, dass die nun amtierende Queen eine stattliche Liste Bewerber um den Thron vor sich hatte, sämtliche royalistischen Onkel und natürlich auch noch den skandalösen Papa. Victoria hat ihn nicht gekannt. Er starb in ihrem ersten Lebensjahr. Dieser Herzog von Kent, wie sein offizieller Titel lautete, befand sich mit seiner schwangeren Frau auf einer Deutschlandtournee; und zwar in der Gegend um Heidelberg. Was das Paar dort tat, bleibe dahingestellt. Nun entfaltete der Herzog allerdings Eile, um rechtzeitig nach Hause zu kommen; denn nach englischen Recht, dem Territorialrecht, mussten kleine Engländer, Knabe oder Mädchen, auf der Insel geboren werden, wenn er oder sie sofort in die vollen Bürgerrechte eintreten wollten. Hierin unterlag selbst die Aristokratie dem Gesetz. Eventuell aber hat der Herzog auch noch Verwicklungen bei der Durchsetzung seiner privaten Ansprüche befürchtet, wenn das Kind noch in Deutschland und überdies von einer deutschstämmigen Mutter geboren worden wäre. Das Paar reiste also so schnell wie möglich mit immerhin elf Wagen rheinaufwärts, der werdende Vater betätigte sich als Kutscher seiner Frau. Die saß in einem so genannten Phaeton, in bildlicher Nähe zum Sonnengott, einem bequemen und gut gefederten Gefährt, soweit Kutschen bequem sein können. Die Herzogin befand sich bereits im achten Monat ihrer Schwangerschaft. Allein zimperlich durfte in jenen Tagen nicht mal eine Herzogin sein. Alles ging gut; von Ende März bis Mitte April 1819 hatte der Reisezug ein tüchtiges Wegstück hinter sich gebracht, die Hafenstadt Calais erreicht, und wartete nun auf eine Gelegenheit zum Übersetzen nach Dover.

Der Herzog zählte 51 Jahre und ist eine so originelle und vorurteilslose wie bemerkenswert abstoßende Persönlichkeit gewesen. So pflegte er Kontakte zum utopischen Sozialisten Robert Owen, was vielleicht wenig bedeutet, denn Utopisten sind für gewöhnlich bloße Denker. Owen allerdings experimentierte auch real mit quasi-kommunistischen Kolonien, mit allerdings negativem Resultat. Dies mag das Interesse des Herzogs ebenso geweckt haben, wie die Inspirationen Owens. Der Herzog hatte übrigens ein beträchtliches Stück der damaligen Welt gesehen und wechselte seine Urteile und Vorurteile nach Bedarf. Er gab sich in der Frage der Sklaverei, die in den englischen Überseekolonien als Wirtschaftsgrundlage galt, heftig liberal. Andererseits zählte er Katholiken zu seinen Freunden und befürwortet deren Emanzipation, ihre staatliche Gleichstellung im Königreich. Er betrieb einen unerhört aufwendigen persönlichen Lebensstil, den eines Aristokraten des 18. Jahrhunderts, dem alles erlaubt ist. Von Berufs wegen war er Soldat, sogar Feldmarschall, letzteres freilich eher formal und ehrenhalber, um ihn über den Verlust eines realen Kommandos zu trösten. Über

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