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Wo die Vergangenheit beginnt Erinnerungen von Tan, Amy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.09.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Wo die Vergangenheit beginnt

Nach dem weltweiten Erfolg ihrer Romane schlägt die große amerikanische Bestsellerautorin Amy Tan in ihrem neuesten Werk persönliche Töne an und entführt die Leser tief in ihre Vergangenheit. Sie erinnert sich an ihre traumatische Kindheit, berichtet über quälende Selbstzweifel im Prozess des Schreibens und offenbart schockierende Wahrheiten über ihre Familie. Zum ersten Mal schreibt sie offen über die Beziehung zu ihrem Vater, der starb, als sie 15 war - all dies Ereignisse, die sie nie losließen und die die Grundlage für ihre Romane bildeten. Aufrichtig, offenherzig und auch humorvoll porträtiert 'Wo die Vergangenheit beginnt' ein außergewöhnliches Schriftstellerleben, das von einem blühenden Vorstellungsvermögen und der tiefen Wahrheit eines gelebten Lebens geprägt ist. Amy Tan wurde 1952 als Tochter chinesischer Auswanderer in Oakland, Kalifornien, geboren. Ihr Vater und ihr Bruder starben, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ihre Mutter, Tochter einer wohlhabenden Familie in Shanghai, musste drei Töchter aus erster Ehe in China zurücklassen. Mittlerweile gehört Amy Tan zu den erfolgreichsten amerikanischen Schriftstellerinnen. Mit ihren Büchern "Töchter des Himmels" und "Die Frau des Feuergottes", die in 35 Sprachen übersetzt wurden, erreichte sie ein Millionenpublikum. Amy Tan lebt mit ihrem Mann in San Francisco und New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 24.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641232429
    Verlag: Goldmann
    Originaltitel: Where the Past Begins
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Wo die Vergangenheit beginnt

KAPITEL EINS

Eine überbordende Fantasie

V on frühester Kindheit an war ich überzeugt, ganz besonders viel Fantasie zu besitzen. Diese Einschätzung stammte gar nicht von mir selbst. Mehrere Leute hatten mir gesagt, ich hätte eine künstlerische Vorstellungsgabe, weil ich eine Katze malen konnte, die aussah wie eine Katze, und ein Pferd, das aussah wie ein Pferd. Sie lobten mich, weil ich ein Haus mit einer Tür malte, das im Größenverhältnis zu den Menschen passte, die daneben standen. Sie bewunderten den Baum neben dem Haus, seinen dicken Stamm und die kleineren Äste mit den winzigen grünen Blättern. Sie fanden es kreativ, dass ich noch einen Vogel in den Baum gesetzt hatte. Die Leute bestaunten kopfschüttelnd meine Zeichnungen und sagten, ich hätte ein großartiges Vorstellungsvermögen.

Zu Anfang fragte ich mich, warum andere nicht konnten, was mir ganz einfach zufiel. Man musste doch nur zeichnen, was man mit den eigenen Augen sah, sei es eine echte Katze oder eine Katze auf einem Foto, und wenn man es ein paar Mal gezeichnet hatte, dann war es ein Leichtes, es aus dem Gedächtnis zu tun. Mit zwölf konnte ich so gut zeichnen, dass mich mein Klavierlehrer im Austausch für meine Klavierstunden bat, seiner achtjährigen Tochter Malunterricht zu geben. Wahrscheinlich gab ich dem Mädchen Tipps wie: Die Augen solltest du in die Mitte malen und die Nase dazwischen, nicht auf die Stirn, so wie du es hier gemacht hast. Zeichne es einfach so, wie es ist.

Später merkte ich, dass ein gutes Auge nicht dasselbe ist wie gutes Vorstellungsvermögen. Mein Kunstlehrer auf der Highschool, selbst ein Künstler, schrieb in mein Abschlusszeugnis: "Bewundernswerte zeichnerische Fähigkeiten, aber es mangelt ihr an Fantasie oder Schwung. Beides ist nötig, um eine tiefere kreative Ebene zu erreichen." Dieser Kommentar kränkte mich damals zutiefst. Er sagte nicht, ich solle meine Fantasie stärker zum Ausdruck bringen. Er sagte einfach, es mangle mir an Fantasie - an Fantasie und an Tiefe.

Nach meinem letzten Jahr an der Highschool lagen meine künstlerischen Neigungen brach, gelegentlich zeichnete oder kritzelte ich etwas. Hätte ich weitergemacht, ich hätte mich sicher nicht in Richtung abstrakte Kunst weiterentwickelt, das weiß ich. Noch heute stellt mich die abstrakte Kunst häufig vor ein Rätsel - diese drei Meter hohen Bilder mit einem winzigen Farbklecks oder Kringeln darauf. In Museen stecken mein Mann und ich gern die Köpfe zusammen und reden im Spaß wie zwei Kulturbanausen: "Das soll Kunst sein?" Ich erinnere mich heute, dass wir an mehreren Nachmittagen im Unterricht ein Bild malen sollten, das nur aus bunten Formen bestand. Was auch immer ich versuchte, wahrscheinlich hat meinen Kunstlehrer das nur in seiner Meinung bestätigt, dass es mir an Fantasie und Tiefe mangelte, zumindest hinsichtlich der Komplexität von abstrakter Kunst. Und das war genau die Kunst, die er machte, wie ich mich jetzt entsinne.

Erst kürzlich habe ich wieder mit dem Zeichnen begonnen, als ich bei einem Naturzeichenkurs mitmachte, der einmal im Monat stattfand. Dabei ging es genauso um die naturgetreue Darstellung wie um das Zeichnen unter freiem Himmel. Ich begann damit, Vögel zu zeichnen. Wieder höre ich dieselben Komplimente von Freunden und Familienmitgliedern: dass ich ein gutes Auge hätte. Ich kann einen Vogel zeichnen, der aussieht wie ein Vogel. Doch heute erkenne ich, dass meine Fähigkeiten hier aufhören. Ich kann ein Abbild zeichnen, aber es fällt mir nicht leicht, einen Hintergrund zu gestalten, der komplexer ist als ein Zweig mit ein paar Blättern. Ich kann keinen neuen Kontext hinzufügen - umstürzende Gebäude oder schmelzende Polkappen - oder irgendetwas anderes, das der figürlichen Darstellung einen ideellen Wert beimengen würde, zum Beispiel die Erderwärmung mit den Augen eines Raben gesehen. Wie sich herausstellte, verfügten alle Teilnehmer des Kurses über

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