text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Annette, ein Heldinnenepos von Weber, Anne (eBook)

  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Annette, ein Heldinnenepos

Was für ein Leben! Geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher - wofür sie von Yad Vashem später den Ehrentitel 'Gerechte unter den Völkern' erhalten wird -, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung... und noch heute an Schulen ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsams. Anne Weber erzählt das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir in einem brillanten biografischen Heldinnenepos. Die mit großer Sprachkraft geschilderten Szenen werfen viele Fragen auf: Was treibt jemanden in den Widerstand? Was opfert er dafür? Wie weit darf er gehen? Was kann er erreichen? Annette, ein Heldinnenepos erzählt von einer wahren Heldin, die uns etwas angeht.

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u.a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras). Ihre eigenen Büchern schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Beim S. Fischer Verlag sind u.a. erschienen: Luft und Liebe, Ahnen und Kirio. Bei Matthes & Seitz Berlin sind ihre Übersetzungen der Werke von Georges Perros erschienen: Luftschnappen war sein Beruf und Klebebilder.

Produktinformationen

    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 310
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783751800136
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 1483 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Annette, ein Heldinnenepos

Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen.

Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf

diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch

Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs.

Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie.

Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.

Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will,

ist sie zugleich noch ungeboren. Heute,

da sie fünfundneunzig ist, kommt sie

auf diesem weißen Blatt zur Welt -

in eine undurchdringliche Leere, in die sie

lange runde Maulwurfblicke wirft und die sich

nach und nach mit Formen und mit Farben,

mit Vater Mutter Himmel Wasser Erde füllt.

Himmel und Erde sind bleibende Erscheinungen,

das Wasser aber kommt und geht, es strömt

ins trockne Bett des Flusses Arguenon, wo es

zweimal am Tag die Boote aufrichtet, die schon seit

Stunden auf der Flanke liegen. Zweimal am Tag

zieht sichs ins Meer zurück, Ärmelkanal

nennt man es hier, auch kurz La Manche, Der

Ärmel, obwohl es kein Kanal und auch kein Ärmel ist,

nichts Hohles also, eher schon ein Arm: der

Meeresarm, den der Atlantik zur

Nordsee rüberstreckt. Sachte legen sich die

Boote wieder seitlich auf den Bauch.

Im All des Zimmers, dem noch unbewohnten,

schwimmen vier und auch manchmal sechs

glänzende Gestirne oder Augen. Wie in der Dunkelkammer

langsam Konturen aus dem Nichts aufsteigen,

beginnen sich um die Gestirne

Gesichter abzuzeichnen. Mutter. Großmutter.

Vater. Das Kind, das Anne heißt und alle

Annette nennen (sprich Annett) bringt diese

Planeten zum Kreisen.

Von Annette ist Anne (die Heutige) dem Alter nach

doppelt so weit entfernt, wie ihre

Großmutter es damals war, aber irgendwo

erstaunlich fern und nah

gibt es noch dieses Kind. Es ist eins mit ihr,

ist nicht verkümmert und nicht tot, es schläft,

es ist noch da.

Geboren wird Annette in einer Sackgasse,

und das nicht bloß im übertragnen Sinne

wie wir alle. Das Haus der Großmutter schließt

eine Reihe unverputzter Fischerhäuschen ab, die

mit ihm unvermittelt endet vor dem Fluss.

Ein jedes Häuschen hat unten einen Wohnraum

und rechts und links eine Kammer unterm Dach.

»Das Haus der Großmutter« heißt nicht, dass es

das ihre wäre. Sie wohnt zur Miete. Die Unterkunft

ist kümmerlich, und dementsprechend

niedrig ist die Miete, doch das Geringe ist

noch viel für sie, die früh verwitwet ihre Kinder

mit dem Ertrag der pêche à pied oder des

Fischens ohne Boot herangezogen hat:

Tag für Tag macht sie sich bei Ebbe auf den Weg

und stöbert ausdauernd im nassen Sand allerlei

Meeresgetier auf: Venusmuscheln Strandkrabben

Teppichmuscheln Wellhornschnecken, die sie

in einem Korb auf ihrem Rücken in viele Dörfer der

Umgebung trägt und dort - in Saint-Éniguet,

La Ville Gicquel, Le Tertre, Notre-Dame-du-Guildo

oder Le Bouillon - verkauft

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen