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Auf den Schultern von Riesen Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis von Eco, Umberto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2019
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Auf den Schultern von Riesen

Lgner, die die Wahrheit sagen, der Klimawandel als apokalyptischer Weltenbrand, die Literatur und das Unsichtbare - kaum jemand kombinierte seine Beobachtungen zu Gesellschaft, Politik und Kultur zu so berraschenden Einsichten wie Umberto Eco. Mit pointierten Analysen zu Literatur und Sprache, zu Kunst, Philosophie und Medien vereint 'Auf den Schultern von Riesen' die Quintessenz von Umberto Ecos Gedankenwelt. In zw"lf Vortr"gen, die er bis kurz vor seinem Tod in Mailand gehalten hat, scheinen noch einmal alle groáen Themen auf, die im Zentrum seines Schaffens standen - messerscharf beobachtet, spielerisch pr"sentiert und von ungebrochener Relevanz. Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er z"hlte zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, zuletzt u.a. Die Geschichte der H"sslichkeit (2007), Der Friedhof in Prag (Roman, 2011), Die Geschichte der legend"ren L"nder und St"dte (2013), Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften (2014), Nullnummer (Roman, 2015) und Pape Satàn (Chroniken einer flssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen, 2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 13.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446263581
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Sulle spalle dei giganti
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Auf den Schultern von Riesen

Über Schönheit

Im Jahr 1954 habe ich meinen Doktor mit einer Arbeit über das Problem des Schönen gemacht, wenn auch beschränkt auf die wenigen einschlägigen Seiten bei Thomas von Aquin. 1962 habe ich das Projekt eines Bildbandes zur Geschichte der Schönheit angestoßen, das der Verlag dann später, obwohl bereits ein Viertel oder zumindest ein Fünftel der Arbeit getan war, aus banalen wirtschaftlichen Gründen aufgab. Vor einigen Jahren habe ich das Projekt für eine CD-ROM wieder aufgegriffen, dann auch für ein Buch, aus dem einfachen Grund, dass ich Sachen nur ungern halbfertig liegen lasse. Wenn ich also bedenke, dass ich mir in den letzten fünfzig Jahren wiederholt Gedanken über den Begriff der Schönheit gemacht habe, fällt mir auf, dass ich diesbezüglich heute wie damals problemlos wiederholen könnte, was Augustinus auf die Frage "Was ist Zeit?" antwortete: "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, aber wenn ich es einem erklären will, der mich danach fragt, weiß ich es nicht."

Getröstet habe ich mich über meine Unsicherheiten hinsichtlich der Definition von Schönheit, als ich 1973 in einem dem Kunstbegriff gewidmeten schmalen Band der Enciclopedia filosofica ISEDI las, wie Dino Formaggio Kunst definierte: "Kunst ist alles, was die Menschen Kunst genannt haben." Entsprechend würde ich sagen: "Schön ist alles, was die Menschen schön genannt haben."

Ein relativistischer Ansatz, gewiss - was man als schön empfindet, hängt vom Zeitgeschmack und von den Kulturen ab. Auch handelt es sich nicht um eine moderne Häresie. Denn schon in einem berühmten Passus des Vorsokratikers Xenophanes von Kolophon heißt es (nach Clemens von Alexandria, Stromateis V, 109): "Aber wenn Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten wie Menschen / und mit den Händen zu malen und Werke zu schaffen vermöchten, / malten sie wohl auch Bilder der Götter und machten die Körper / so, wie ein jeder von ihnen selbst ist am Körper gestaltet: / Pferde malten sie ähnlich den Pferden und Rinder den Rindern." 1 Wie Voltaire sagte: Das Schöne an der Kröte ist ihre Krötenhaftigkeit.

Schönheit ist nie etwas Absolutes und Unveränderliches gewesen, sondern erhielt je nach Epoche und Land unterschiedliche Gesichter, und dies nicht nur in Hinblick auf die physische Schönheit (des Mannes, der Frau, der Landschaft), sondern auch auf die Schönheit Gottes, der Heiligen, der Ideen ...

Man braucht nur die folgenden Zeilen von Guido Guinizelli zu zitieren und sie einer mehr oder minder zeitgenössischen gotischen Skulptur wie der wunderschönen Uta von Naumburg zur Seite zu stellen:

Vedut'ho la lucente stella diana,

ch'appare anzi che 'l giorno rend'albore,

[...]

viso de neve colorato in grana,

occhi lucenti, gai e pien' d'amore;

non credo che nel mondo sia cristiana

sì piena di biltate e di valore.

[Die Venus sah am Morgenhimmel prangen

ich kaum dass von der Nacht sie ausgeruht,

...

das Antlitz weiß wie Schnee, mit roten Wangen,

die Augen, liebreich strahlend, frohgemut;

und keine Frau, dünkt mich, wie sie umfangen

von solcher Schönheit, solchem Edelmut.]

Und dann überzugehen zu diesem Bild aus dem 19. Jahrhundert von Redon und einem Zitat aus Léa (1832) von Barbey d'Aurevilly: "Aber ja doch! Doch! Meine Léa, du bist schön, du bist das schönste aller Geschöpfe! Ich würde dich nicht hergeben, dich, deine gequälten Augen, deine Blässe, deinen kranken Körper, ich würde dich nicht gegen die Schönheit der himmlischen Engel eintauschen wollen."

Naumburger Dom
Detail der Statue der Uta von Ballenstedt, 13. Jahrhundert

Odilon Redon (1840-1916)
L'apparition
Privatsammlung

Pablo Picasso
Portrait de Dora Maar , 1937
Paris, M

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