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Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers von Eco, Umberto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.03.2019
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers

Sein erster Roman 'Der Name der Rose' wurde ein Welterfolg. Jetzt, vor seinem achtzigsten Geburtstag, blickt Umberto Eco zurück auf seine Karriere als Theoretiker und Romancier. Warum sind wir zu Tränen gerührt vom Unglück einer Figur? In welchem Sinne 'existieren' Anna Karenina, Gregor Samsa und Leopold Bloom? Auf seiner Reise zu den eigenen kreativen Methoden erzählt Eco, wie er seine Romane geschrieben hat: Am Anfang stehen Szenen und Bilder, dann eine Epoche, ein Ort, eine Stimme. Zugleich Mittelalterforscher, Philosoph und Experte für moderne Literatur, beeindruckt Eco vor allem, wenn er sich den Wurzeln der Geschichte zuwendet. Der 'junge Schriftsteller' ist heute ein Meister, der über die Kunst des Romans und die Kraft der Worte aus langer Erfahrung spricht. Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, zuletzt u.a. Die Geschichte der Hässlichkeit (2007), Der Friedhof in Prag (Roman, 2011), Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013), Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften (2014), Nullnummer (Roman, 2015) und Pape Satàn (Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen, 2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 15.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446264571
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1256 kBytes
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Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers

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Autor, Text und Interpreten

Es kommt gelegentlich vor, dass einer meiner Übersetzer mir folgende Frage stellt: "Ich weiß nicht, wie ich die und die Passage wiedergeben soll, weil sie doppeldeutig ist. Man kann sie auf zweierlei Weise verstehen. Was war Ihre Intention?"

Je nach Lage des Falles habe ich darauf drei mögliche Antworten:

1. Stimmt, ich habe den falschen Ausdruck gewählt. Bitte beseitigen Sie jedes mögliche Missverständnis. In der nächsten italienischen Auflage werde ich dasselbe tun.

2. Ich wollte bewusst ambivalent sein. Wenn Sie genau lesen, werden Sie sehen, dass die Ambivalenz sich auf die Art auswirkt, wie der Text zu lesen ist. Bitte tun Sie Ihr Bestes, die Ambivalenz in Ihrer Übersetzung beizubehalten.

3. Mir ist nicht aufgefallen, dass die Stelle ambivalent ist, und ich habe es, ehrlich gesagt, nicht beabsichtigt. Aber als Leser finde ich diese Ambivalenz jetzt sehr reizvoll und bereichernd für den weiteren Text. Bitte tun Sie Ihr Bestes, diesen Effekt in Ihrer Übersetzung zu erhalten.

Wäre ich nun schon vor Jahren gestorben (ein kontrafaktischer Konditionalis, der viele Chancen hat, vor dem Ende dieses Jahrhunderts wahr zu werden), so könnte mein Übersetzer - wenn er als normaler Leser und Interpret meines Textes handelt - auch von allein zu einem der folgenden Schlüsse gelangen, die faktisch dasselbe wie meine möglichen Antworten sind:

1. Die Ambivalenz ergibt keinerlei Sinn und erschwert dem Leser das Verständnis des Textes. Vermutlich hat der Autor sie gar nicht bemerkt, also ist es besser, sie zu beseitigen. Quandoque bonus dormitat Homerus - "Manchmal hat auch der gute Homer geschlafen."

2. Es ist anzunehmen, dass der Autor bewusst ambivalent sein wollte, daher werde ich gut daran tun, seine Entscheidung zu respektieren.

3. Womöglich ist es dem Autor nicht aufgefallen, dass er sich hier ambivalent ausgedrückt hat. Aber aus der Sicht des Textes ist dieser Unbestimmtheitseffekt reich an Konnotationen und Anspielungen, die für die übergeordnete Textstrategie sehr ergiebig sind.

Was ich damit sagen will, ist, dass diejenigen Autoren, die man die "kreativen" nennt (und ich habe früher erklärt, was dieser unselige Ausdruck bedeuten kann), nie Interpretationen ihres eigenen Werks liefern sollten. Ein Text ist eine faule Maschine, die vom Leser verlangt, einen Teil ihrer Arbeit zu machen - oder, wie ich in der Nachschrift zum 'Namen der Rose' geschrieben habe, ein Text ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen. Wenn jemand einen Text zu deuten hat, ist es irrelevant, den Autor zu fragen. Zugleich aber kann der Leser nicht irgendeine beliebige Interpretation geben, bloß weil ihm gerade der Sinn danach steht, sondern muss sich vergewissern, dass der Text eine bestimmte Deutung nicht nur zulässt, sondern ermutigt.

In meinem Buch Die Grenzen der Interpretation unterscheide ich zwischen der Intention des Autors, der Intention des Lesers und der Intention des Textes.

1962 schrieb ich die Studie Opera aperta (deutsch erschienen unter dem Titel Das offene Kunstwerk 1 ). Darin betone ich die aktive Rolle des Interpreten beim Lesen ästhetisch wertvoller Texte. Damals hatten meine Leser vor allem die "offene" Seite des ganzen Prozesses im Blick und unterschätzten die Tatsache, dass ein Lesen mit offenem Ende, für das ich eintrat, eine Aktivität ist, die von dem gegebenen Werk verlangt (und beim Interpretieren gewünscht) wird. Mit anderen Worten, ich studierte die Dialektik zwischen den Rechten der Texte und den Rechten ihrer Interpreten. Heute habe ich den Eindruck, dass in den letzten Jahrzehnten die Rechte d

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