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Der Blinde und der Elephant Geschichten vom Sehen und Begreifen von Overath, Angelika (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.10.2017
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Der Blinde und der Elephant

Für den persischen Dichter Mevlana gleicht der Fromme, der Gott erkennen möchte, einem Blinden, der einen Elefanten abtastet - je nachdem, wohin er greift, spürt er etwas anderes. Auch die Reportagen, Portraits und Prosastücke von Angelika Overath wagen die Bewegung ins Ungewisse, erkunden das exotische Terrain unserer Wirklichkeit: Sie erzählen von fremden Heimaten, nomadischen Existenzen und flüchtigen Gemeinschaften, entdecken den geheimen Alltag der Derwische, ein Orchester in den vom Terror aufgewühlten Gassen Istanbuls oder einen winzigen verräterischen Farbtupfer in einem Gemälde von Rubens. Sie sind eine Schule des Wahrnehmens und Begreifens mit den Mitteln der Sprache, der Imagination und der Empathie. Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane 'Nahe Tage', 'Flughafenfische', 'Sie dreht sich um' und 'Ein Winter in Istanbul' geschrieben. 'Flughafenfische' wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 16.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641219673
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 928 kBytes
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Der Blinde und der Elephant

Bei den Derwischen in Konya

"This is your captain speaking", sagt eine junge Frauenstimme, und die Maschine fliegt durch die Winternacht von Istanbul nach Konya. Konya, früher Ikonium, gelegen auf einer von Schneebergen umkränzten Hochebene in Mittelanatolien, war ein Ort des Frühchristentums und nach den Schriften des Apostel Paulus der Geburtsort der Heiligen Thekla. Heute ist Konya eine islamische Metropole und die konservativste Stadt der Türkei. Ihr Wahrzeichen ist der Turm über dem Mausoleum des persischen Mystikers und Dichters Dschalal ad-Din ar-Rumi, im Orient bekannt als Mevlana (Meister), im Okzident schlicht als Rumi. Nach dem Topkapi-Palast in Istanbul ist diese Grabstätte der am häufigsten besuchte Ort der Türkei. Am 17. Dezember begehen Muslime - und mit ihnen Christen, Juden, Heiden - hier den Todestag Mevlanas. Unter dem Motto "Birlik vakti" ("It's time to unite", sagen die englischen Plakate) finden zwischen dem 7. und dem 17. Dezember über 150 Veranstaltungen statt, darunter allabendlich das Tanzen von 40 Derwischen im fast 3000 Menschen fassenden Saal des Mevlana-Kulturzentrums.

Kemal Atatürk, der Vater einer modernen, am Westen ausgerichteten Türkei, hatte im Zug der Säkularisierung 1923 die Bruderschaft der tanzenden Derwische verbieten lassen. Die Tekke (Klöster, besser Rückzugsorte) der Sufis wurden in Museen umgewandelt. Seit 1954 dürfen Derwischtänze vor Touristen wieder stattfinden. 2005 wurden sie in die UNESCO -Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen. Aber es gibt neben den offiziell gezeigten Derwischtänzen eine geheime Alltagsrealität islamischer Mystiker.

Ein Taxi ist ein Faradayscher Käfig. Schnell entdeckt sich der Fahrer als einer der 300 Professoren der Selcuk-Universität Konya, die nach dem Putschversuch vom 15. Juli verhaftet worden waren. Immerhin gehöre er jetzt nicht zu den 150, die noch im Gefängnis sitzen. Wir sind, er schaltet einen Gang hoch, eine religiöse Diktatur. Europa kenne Atatürk nicht, der erklärt habe, die Türkei sei kein islamisches Land. Als Türken, sagt er, haben wir den Geschmack der Demokratie erlebt, aber der Feind der Regierung jetzt sei der Laizismus. Vor der Windschutzscheibe wirbelt der Schnee. Der Koran ist kein weltliches Gesetzbuch! In der arabischen Welt interpretiere man ihn anders als in Iran. Der Verkehr staut sich, wir sind im Stadtzentrum. Ob er einen Derwisch kenne? Er schüttelt den Kopf. Hier in Konya gebe es vor allem alevitische Sufis; Mevlana kam aus Balch, heute Afghanistan, er ist vom schiitischen, vom alevitischen Denken beeinflußt. Aber die Regierung wolle den Mystiker zu einem guten sunnitischen Moslem machen! Von der Ferne leuchtet der türkis gekachelte Turm des Mausoleums. Ich bin alt, sagt er, aber ich denke an meinen Sohn. Ich gehe nicht in die Moschee, also geht er auch nicht in die Moschee. Welche Zukunft hat er?

An der Rezeption des Hich-Hotels geht die große Uhr rückwärts, weil Derwische sich im Gegenuhrzeigersinn drehen. Und dann folgen Zifferblätter mit der aktuellen Ortszeit religiöser Zentren: Mekka, Vatikan, Jerusalem, Varanasi, Samarkand, Sarnath. Eines der bekanntesten Gleichnisse von Mevlana sagt, daß Fromme, die Gott erkennen wollen, Blinden gleichen, die einen Elefanten abtasten. Je nachdem, wohin ihre vagen Finger irren, spürt jeder etwas anderes. Die Zimmer des Hotels tragen keine Nummern, sondern türkische Namen, die sich von vorn wie von hinten lesen lassen: NAMAZ (Gebet) - ZAMAN (Zeit); KAYA (Felsen) - AYAK (Fluß); KARO (Karo) - ORAK (Sichel); METOT (Methode) - TOTEM (Totem); ASI (Rebell) - ISA (Jesus).

Mehtap, 44 Jahre, serviert Tee. Sie ist in Duisburg als Tochter türkischer Gastarbeiter geboren, hat sich mit 18 in den Ferien in Konya verliebt und geheiratet. Deutschland ist grün,

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