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Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften von Eco, Umberto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.03.2014
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften

Wozu braucht man Feinde? Umberto Eco beschäftigt sich in seinen kurzen, pointierten Texten mit den aktuellen Fragen unserer Gegenwart - aber auch mit dem Mythos der einsamen Insel und der imaginären Astronomie, mit Themen aus Kunst, Religion, Mythos, Geographie und Geschichte. Und so gelingt es ihm, aus dem weit Auseinanderliegenden etwas ganz anderes zu machen: Stellungnahmen eines leidenschaftlichen Essayisten, dem es gelingt, den Leser genau von dem zu überzeugen, was ihm selbst am allermeisten am Herzen liegt. Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, zuletzt u.a. Die Geschichte der Hässlichkeit (2007), Der Friedhof in Prag (Roman, 2011), Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013), Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften (2014), Nullnummer (Roman, 2015) und Pape Satàn (Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen, 2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 17.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446245877
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Costruire il Nemico
    Größe: 7725 kBytes
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Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften

Die Fabrikation des Feindes

Vor Jahren bin ich in New York an einen Taxifahrer geraten, bei dem es mir schwerfiel, seinen Namen auf dem Schild am Armaturenbrett zu entziffern, und da erklärte er mir, er sei Pakistaner. Er fragte mich, woher ich käme, und als ich sagte, ich sei Italiener, wollte er wissen, wie viele wir sind, und war erstaunt über unsere geringe Zahl und dass unsere Sprache nicht Englisch ist.

Schließlich fragte er mich, wer unsere Feinde seien. Auf mein "Wie bitte?" erklärte er mir geduldig, er wolle wissen, mit welchen Völkern wir seit Jahrhunderten im Krieg lägen, wegen territorialer Ansprüche, ethnischer Aversionen, ständiger Grenzkonflikte und so weiter. Ich antwortete ihm, dass wir mit niemandem im Krieg lägen. Geduldig setzte er mir auseinander, er wolle wissen, wer unsere historischen Feinde seien, unsere Erbfeinde, also diejenigen, die uns umbrächten und wir sie. Ich wiederholte, dass wir keine Erbfeinde hätten, dass wir den letzten Krieg vor über fünfzig Jahren geführt haben und dass wir dabei am Anfang einen anderen Feind hatten als am Ende.

Er war nicht zufrieden. Wie kann es sein, dass ein Volk keine Feinde hat? Als ich ausstieg, gab ich ihm zwei Dollar Trinkgeld, um ihn für unseren trägen Pazifismus zu entschädigen, danach fiel mir ein, was ich ihm hätte sagen sollen, nämlich dass es nicht stimmt, dass die Italiener keine Feinde haben. Sie haben keine äußeren Feinde, jedenfalls können sie sich nie darüber einigen, welche das sein könnten, weil sie pausenlos gegeneinander Krieg führen: Pisa gegen Lucca, Guelfen gegen Ghibellinen, Norditaliener gegen Süditaliener, Faschisten gegen Partisanen, die Mafia gegen den Staat, die Regierung gegen die Richterschaft – und leider gab es damals noch nicht den Sturz der beiden Regierungen Prodi, sonst hätte ich dem Mann besser erklären können, was es heißt, einen Krieg durch friendly fire zu verlieren.

Bei genauerem Nachdenken über dieses Erlebnis bin ich jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass eines der Missgeschicke unseres Landes in den letzten sechzig Jahren gerade darin bestand, dass wir keine richtigen Feinde hatten. Die Einheit Italiens war dank der Präsenz der Österreicher zustande gekommen, Mussolini hatte sich den Konsens des Volkes sichern können, indem er es aufrief, Rache für den verstümmelten Sieg zu nehmen, für die in Dogali und bei Adua erlittenen Demütigungen, für die ungerechten Sanktionen, die uns die jüdischen "Demoplutokratien" auferlegt hatten. Bedenken wir nur, was mit den Vereinigten Staaten geschehen ist, als das Reich des Bösen verschwunden war und der große sowjetische Feind sich aufgelöst hatte. Sie riskierten den Verlust ihrer Identität, bis ihnen Bin Laden, zum Dank für die Wohltaten, die er für seine Hilfe gegen die Sowjetunion empfangen hatte, mitleidig die Hand reichte und Bush die Gelegenheit bot, sich neue Feinde zu schaffen, um das nationale Identitätsgefühl zu stärken und seine Macht zu festigen.

Einen Feind zu haben ist nicht nur wichtig, um die eigene Identität zu definieren, sondern auch, um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man den eigenen Wert beweisen kann. Deshalb muss man, wenn man keinen Feind hat, sich einen fabrizieren. Erinnern wir uns nur daran, mit welcher Flexibilität sich die Skinheads von Verona jeden zum Feind erkoren, der nicht zu ihrer Gruppe gehörte, solange sie nur selbst als Gruppe erkennbar waren. Daher geht es mir hier nicht so sehr um das quasi naturgegebene Phänomen der Identifizierung eines Feindes, der uns bedroht, sondern um den Prozess der Konstruk

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