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Eine Experten-Revue in 89 Nummern Mit einem Dialog zwischen der Natur und einem Unzufriedenen: Vom Dämon der Arbeitsteilung von Enzensberger, Hans Magnus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Eine Experten-Revue in 89 Nummern

Die Natur hat den Menschen ziemlich stiefmütterlich behandelt. Andere Tiere sind kräftiger, können besser schwimmen und fliegen, vermehren sich weniger umständlich, brauchen nicht so lange, bis sie erwachsen sind. Wie kommt es dann, dass dieses schwache Wesen sich zum Herrscher über die Erde aufgeschwungen hat? Die Antwort hat, wenn man dem Autor glaubt, mit der Teilung der Arbeit zu tun. Jeder von uns, behauptet er, kann zwar durch diesen Trick etwas ganz besonders gut, aber keiner kann alles.

Wenn aber jeder Mensch das Zeug zum Experten hat, fragt sich nur: Was ist seine Spezialität, worin ist er der Beste? Um das herauszufinden, muss man schon sehr genau hinsehen. Egal, ob wir es mit einem leidenschaftlichen Busfahrer zu tun haben, einem Kometenjäger, einem Spezialisten für Mausefallen oder Plastiktüten, einem Hochstapler oder Zahlentheoretiker - dem Dämon der Arbeitsteilung verdanken wir unseren vorläufigen Sieg auf diesem Planeten, unsere Verrücktheiten und unsere Niederlagen.

In neunundachtzig gewöhnlichen und spektakulären Varianten entfaltet Enzensberger diesen Einfall der Natur, der unsere Defekte kompensiert und unser Überleben ermöglicht. Seine Beispiele reichen von der Antike bis in die Gegenwart, von der Erfindung der Spirale und des Alphabets bis zur Kunst, Kanaldeckel zu verschönern.



Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Als Lyriker, Essayist, Biograph, Herausgeber und Übersetzer ist er einer der einflussreichsten und weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 380
    Erscheinungsdatum: 13.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518761137
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 18946 kBytes
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Eine Experten-Revue in 89 Nummern

11Der Dämon der Arbeitsteilung

Ein Dialog zwischen der Natur und einem Unzufriedenen (im Ton der »Operette morali« von Giacomo Leopardi)

Der Unzufriedene_Du hast uns Menschen, ganz wie es deine Art ist, sehr stiefmütterlich behandelt.

Die Natur_Worüber beklagst du dich? Ich merke, daß auch du nicht aus der Art schlägst. Du ärgerst dich, du murrst, und am liebsten würdest du mich beschimpfen.

Der Unzufriedene_Weil du eine Rabenmutter bist. Warum hast du uns keine Flügel, keine Schnäbel, keine Flossen gegeben? Wir können uns nicht wehren wie die Löwen, weil wir keine Tatzen und keine Klauen haben. Und was ist, wenn es schneit und regnet?

Die Natur_Ich kann dir einen Mantel leihen, und damit du nicht naß wirst, habe ich sogar einen Schirm für dich mitgebracht.

Der Unzufriedene_Den Menschen einen Pelz oder wenigstens ein Fell mitzugeben hast du wohl vergessen. Deshalb müssen wir uns mit diesen lächerlichen Kleidern bedecken. Immerzu diese lästigen Hüte, Handschuhe, Schals, Mützen, Stiefel__...! Jeden Abend und jeden Morgen gibt es ein Hemd oder eine Jacke auf- und wieder zuzuknöpfen.

Die Natur_Dazu bist du wohl zu faul, mein Freund? Komm, wir machen einen Spaziergang. Das wird dir guttun.

Der Unzufriedene_Du möchtest also, daß ich mich anstrenge. Aber der Mensch kommt nur stolpernd voran. Warum haben wir nur zwei Beine? Kannst du mir das erklären? Jeder Hase hat es leichter. Alle möglichen Tiere sind schneller als wir, und sie haben weniger Sorgen.

12Die Natur_Aha! Was für Sorgen?

Der Unzufriedene_Ich werde jeden Tag älter. Das weißt du doch. Außerdem habe ich Kinder. Jede Maus macht sich nach ein paar Tagen selbständig. Wir dagegen brauchen Windeln, Babysitter, Lehrer und Schulen. Das ist sehr langweilig.

Die Natur_Wenn das so ist, wie du sagst, wie kommt es dann, daß eure Art es so weit gebracht hat? Wenn mich nicht alles täuscht, seid ihr doch zu den Herren dieses Planeten aufgestiegen.

Der Unzufriedene_Aha! »Die Krone der Schöpfung«! Daß ich nicht lache über diesen Spruch. Als wüßtest du nicht, daß zahllose andere Kreaturen ein zäheres Leben haben als wir. Und zwar sind es gerade die unscheinbarsten, die allen Katastrophen trotzen; die Fliegen, die Flöhe und die Ameisen.

Die Natur_Weißt du, was der heilige Augustinus von Hippo gesagt hat?

Der Unzufriedene_Woher soll ich das wissen?

Die Natur_»Gott hat die Fliegen erfunden, um die Menschen für ihre Überheblichkeit zu bestrafen.«

Der Unzufriedene_Laß mich bloß zufrieden mit den Kirchenvätern! Die können uns den Buckel herunterrutschen. Halte dich lieber an die Mücken, von denen du was verstehst. Je winziger, desto bessere Aussichten haben sie. Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche - alles das, was unsereinen erschreckt, kann keinem Floh etwas anhaben. Hundert Millionen Jahre mehr oder weniger, was schert das die Eintagsfliege! Und die Mikroben erst! Die waren ja schon immer da.__

Die Natur_Ohne diese Zwerge im Bauch wärst du schon lange verhungert.

Der Unzufriedene_Das stimmt. Aber, liebe Mutter, du schuldest mir immer noch eine Erklärung.

Die Natur_Wofür?

Der Unzufriedene_Wie kommt es, daß wir uns auf diesem 13Planeten zum Herrscher über andere Lebewesen aufgeschwungen haben, obwohl wir so schwach und hinfällig sind?

Die Natur_Das kann ich dir sagen.

Der Unzufriedene_Wahrscheinlich meinst du den Geist, der uns beseelt. Oder ist es die Vernunft? Die Religion? Die Wissenschaften und die Künste?

Die Natur_Ach was! Es liegt nur am Dämon der Arbeitsteilung.

Der Un

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