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Enzensbergers Panoptikum Zwanzig Zehn-Minuten-Essays von Enzensberger, Hans Magnus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
13,99 €
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Enzensbergers Panoptikum

Ein großes Thema in einem kleinen Text zu fangen: das ist eine Herausforderung, an der sich sportlicher Ehrgeiz entzünden kann. Oder auch ein Gewitter von Geistesblitzen. Michel de Montaigne hat es vor 500 Jahren vorgemacht: "Kein Buch zu schreiben, wo eine Seite hinreicht, und kein Kapitel, wo ein Wort eben die Dienste tut". Nichts bieten als den reinen Essay! Abhandlungen, Fußnoten und Kommentare, kurz: die ganze gelehrte (und oft genug dumme) Gründlichkeit in der Ich-Form überlisten. Mit zwanzig Mini-Essays gibt Hans Magnus Enzensberger dieser kleinen schwierigen Form einen besonderen Dreh hin zur Mythoskopie des Alltäglichen": Okkultes wie Geld und Unwahrscheinliches wie "Sechs Millionen Experten": nichts weniger als "Unlösbare Probleme" und "Normale Wunder" erledigen sich hier im Fünf-Seiten-Takt. Wovon die Rede ist oder doch sein sollte, darüber verfügt dieses Panoptikum der lebenden Wachsfiguren und normalen Sensationen souverän. Die Einladung aber geht an alle: "Treten Sie ein, Sie werden es nicht bereuen." Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Als Lyriker, Essayist, Biograph, Herausgeber und Übersetzer ist er einer der einflussreichsten und weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 100
    Erscheinungsdatum: 17.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518794609
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1249 kBytes
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Enzensbergers Panoptikum

Mikroökonomie

Was Wirtschaftswissenschaftler unter Wirtschaft verstehen, ist bestenfalls ihnen selber klar; der Rest der Welt hegt gewisse Zweifel an ihren Vorstellungen und fragt sich, ob es sich bei ihrer Beschäftigung überhaupt um eine Wissenschaft handelt. Denn sie verfügen zwar über Institute, Lehrstühle und ein gesichertes Einkommen, aber mit der Art und Weise, wie die meisten Menschen, zum Beispiel Hausfrauen, Rentner oder Kinder wirtschaften, hat ihre Tätigkeit wenig zu tun. Ökonomen befassen sich am liebsten mit großen Aggregaten und operieren mit gewaltigen Mengen von statistischen Daten. Die meisten von ihnen hängen einem seltsamen Zopf von Theorien an, die, aus welchem Grund auch immer, als neoklassisch gelten. Wer ihnen zuhört, sieht sich in eine idyllische Welt mit märchenhaften Zügen versetzt. Staunend vernimmt er, daß der Markt unvermeidlich, trotz mancher Oszillationen, stets einem Gleichgewicht zustrebt. Er ist effizient, er korrigiert und optimiert sich selbst, und alle, die an ihm teilnehmen, verhalten sich durchaus rational. Diese Annahmen werden schlicht vorausgesetzt, obwohl es sich um bloße Hypothesen handelt, die unbewiesen, wenn nicht sogar unbeweisbar sind.

Nach dem vorläufigen Ableben des Kommunismus bot sich die neoklassische Theorie als Ersatz für die verlorengegangene Utopie an. Obwohl sie ziemlich mager daherkam, geizte sie nicht mit Verheißungen, und an Anhängern hat es ihr nicht gefehlt. Unterfüttert wurde sie gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts durch hoch elaborierte mathematische Modelle zum Risikomanagement. Auch vor Aussagen über die Zukunft schreckten die Ökonomen nicht zurück, und die Tatsache, daß sie sich mit ihren Prognosen gewöhnlich blamierten, hat nie dazu geführt, daß sie ihre umfassende Kompetenz bezweifelt hätten.

Das bedeutet aber nicht, daß die Zunft frei wäre von erbitterten Flügel- und Fraktionskämpfen, wie sie auch in anderen Disziplinen gang und gäbe sind. Keynesianer und Monetaristen kämpfen seit Jahrzehnten um die Deutungshoheit. Ein Charttechniker möchte um keinen Preis mit dem Fundamentalanalytiker oder mit dem Zyklusforscher verwechselt werden. Neuerdings gibt es sogar Ökonomen, denen aufgefallen ist, daß in der klassischen Theorie die meisten Leute nur als abstrakte Größen vorkommen. Sie schrumpfen in dieser Logik auf ihre jeweilige Rolle zusammen; sie sind entweder Lohnempfänger oder Verbraucher oder Versicherungsnehmer oder Anleger oder Aktionäre oder Unternehmer oder Sparer, und in jeder dieser Rollen kennen sie nur ein einziges Interesse: Sie wollen ihren ökonomischen Vorteil maximieren, und sonst gar nichts.

Da waren manche Klassiker aus der Vergangenheit schon viel weiter. Die Vorstellung, daß ökonomische Entscheidungen auf rational choice beruhen, lag ihnen völlig fern. In seiner Bienenfabel aus dem Jahr 1714 behauptet Mandeville, daß es gerade die privaten Laster sind, etwa der Betrug, der Luxus und der Hochmut, die den öffentlichen Reichtum ermöglichen. Und Adam Smith folgte ihm, weniger polemisch, mit seinem berühmten Bild von der "unsichtbaren Hand", die das unvernünftige Vorgehen des Einzelnen ausgleichen und zum allgemeinen Besten wenden sollte.

Davon hat die herrschende neoklassische Lehrmeinung nichts wissen wollen. Sie ist aber seit einiger Zeit durch eine neue Tendenz unter Druck geraten. Die Verhaltensökonomie hat hier eine gähnende Lücke erkannt. Sie möchte erforschen, warum sich die Leute nicht so benehmen, wie es die meisten Ökonomen annehmen. Von dem Dogma des vernünftigen homo oeconomicus hat sie sich zwar verabschiedet, nicht aber von dem Ehrgeiz, möglichst propere Mo

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