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Erschütterungen Literatur und Globalisierung von Niemann, Norbert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.06.2017
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Erschütterungen

Digitalisierung, Globalisierung und die alles dominierende Marktideologie haben ein Netz von Abhängigkeiten geschaffen, das so unüberschaubar geworden ist, dass der Mensch an die Grenzen seines Fassungsvermögens stößt. Ohne feste Bezugspunkte findet sich der Einzelne wieder in einer von Rissen und Abgründen dominierten Welt. Dieses Gefühl der Verwirrung, des Abgehängtseins, droht umzuschlagen in Primitivismus, der je nach Ausgangslage animistische, nationalistische, rassistische oder religiös fundamentalistische Züge aufweist - mit entsprechenden Konsequenzen für das Realitätsbild, die Daseinsentwürfe und das soziale Miteinander der Menschen. Nicht so in der Literatur. Was uns zu schaffen macht, ist vor allem, dass wir das Gefühl, das uns zu überwältigen droht, nicht fassen, nicht artikulieren können. Was ist es genau, das diese Haltlosigkeit hervorruft? Was weckt in uns das Gefühl der Isolation? Die Literatur aber ist nach wie vor in der Lage, zum Kern der Dinge vorzudringen, indem sie eine Sprache für sie (er)findet. Indem der Schriftsteller Norbert Niemann die Literaturen der Welt betrachtet, eröffnet er auch uns die Möglichkeit, die Welt, wie sie sich uns darbietet, etwas besser zu fassen zu bekommen.

Norbert Niemann, 1961 in Niederbayern geboren, studierte Literatur, Musikwissenschaft und Geschichte. Für seinen ersten Roman "Wie man's nimmt" (1998) erhielt er den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. 2001 erschien sein zweiter Roman, "Schule der Gewalt", sowie 2008 der für den deutschen Buchpreis nominierte Roman "Willkommen, neue Träume". Seit 1997 lebt er als freier Schriftsteller in Chieming am Chiemsee. Zuletzt erschien 2014 der Roman "Die Einzigen" im Berlin Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 202
    Erscheinungsdatum: 02.06.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827079428
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 423 kBytes
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Erschütterungen

Einleitung

"Denn einen Text lesen ist niemals nur eine gelehrsame Übung zur Auffindung von Signifikaten, noch weniger eine höchst textuelle Übung zur Erforschung eines Signifikanten, wohl aber eine produktive Anwendung der literarischen Maschine, eine Montage von Wunschmaschinen, schizoide Übung, die die revolutionäre Kraft des Textes zur Entfaltung bringt."

(Gilles Deleuze/Felix Guattari: Anti-Ödipus , 1972)

Die Entwicklungen in der Literatur der letzten Jahre sind so spannend wie seit Langem nicht mehr. Nirgends ist das Zusammenleben der Menschen von den Folgen der Globalisierung und der Digitalisierung verschont geblieben, überall auf der Welt erzählen Schriftsteller von diesen Folgen, dem Leben in einer veränderten sozialen Wirklichkeit.

Als ich begann, die Prosa der internationalen Kolleginnen und Kollegen mit einer gewissen systematischen Beharrlichkeit zu lesen, stellte ich schnell fest, dass die Realitäten, die aus den weltumspannenden Umbrüchen seit 1990 erwachsen sind, viele von uns offenbar vor literarisch neu zu bewältigende Aufgaben stellen. Denn so unterschiedlich die regionalen und historischen Bedingungen an den jeweiligen Schauplätzen sind, spiegeln die Geschichten darüber doch alle die gesellschaftlichen Auswirkungen auf das individuelle Los der Menschen durch jene Machtverschiebungen wider, die von den neuen Technologien, der Dominanz der Märkte und der damit einhergehenden Trennung von Herrschaft und Politik in Gang gesetzt wurden.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen, so meinte ich ebenfalls bald beobachten zu können, haben sich aber auch erzählerische Formen gewandelt. Vielleicht mussten sie sich notwendig wandeln, um die Eigenheiten einer neuen Epoche der Machtausübung, in der Regierungen von den Interessen weltumspannender Wirtschaftskonzerne beherrscht werden, darstellen zu können. Gleichzeitig entdeckte ich überall Berührungspunkte zwischen den Erzählweisen, unabhängig aus welcher Weltregion, welchem politischen System die literarischen Werke stammten. Womöglich, dachte ich, sind mit der massiven Ausweitung transnationaler Marktstrukturen unter dem Primat des Ökonomischen nicht nur die nationalstaatlich geprägten Gesellschaftsformen, sondern auch die an Nationen oder Sprachräume rückgebundenen literarischen Topographien im Begriff, in eine Art Weltsprachraum überzugehen. Und ich fragte mich immer öfter: Gibt es so etwas wie eine neue internationale Ästhetik?

Dabei hätte ich von diesen Vorgängen in der Literatur beinahe nichts mitbekommen. In der deutschsprachigen Öffentlichkeit blieben sie in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren jedenfalls so gut wie unreflektiert. Und wo doch der eine oder andere Roman Beachtung fand, der sich mit der gewandelten Realität auseinandersetzte, wurde er aus der literarischen Produktion eines Landes herausgepflückt und als singuläres Produkt in den buchhändlerischen Warenzyklus eingespeist, wo ihn bald das unerbittlich weiterrasende Saisongeschäft wieder ins Vergessen stieß.

Es waren zwei Impulse, die einander befeuernd meine Suche nach einer Literatur über die globalisierte Welt ausgelöst haben. Zum einen fühlte ich mich im Laufe der Jahre vom Großteil der im Literaturbetrieb gefeierten deutschsprachigen Bücher nur selten noch angesprochen und mit Blick auf die Kriterien, aufgrund derer sie gepriesen wurden, auch geistig immer weniger in der hiesigen literarischen Öffentlichkeit beheimatet. Gleichzeitig tauchten Werke, die mich etwas angingen, meist nur kurz an den Rändern der medialen Aufmerksamkeit auf und wurden dort überdies unter Gesichtspunkten betrachtet, die ich mit Sinn und Form dieser Werke kaum in Einklang bringen konnte. Dies hat wohl in erster Linie mit einem seit einiger Zeit fast flächendeckenden Literaturbegriff zu tun, der etwa der Herkunft oder Skandalträchtigkeit von Autoren und anderen verkaufsfördernden außerliterarischen Aspekten mehr Bedeutung beimisst

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