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Eugenik und andere Übel von Chesterton, Gilbert K. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Eugenik und andere Übel

Die Debatten um die Reproduktionsmedizin und die Erblichkeit der Intelligenz werfen Fragen auf nach der Kontinuität eugenischer Praktiken, d. h. der Optimierung menschlicher Eigenschaften durch die Steuerung des Fortpflanzungsverhaltens. Dieses Programm ist eng verknüpft mit dem "Dritten Reich", Zwangssterilisationen und der Vernichtung "unwerten Lebens". Doch schon vor Beginn der Naziherrschaft warnten Autoren wie Aldous Huxley und Gilbert Keith Chesterton hellsichtig vor den Gefahren der Eugenik. Chestertons Essay 'Eugenik und andere Übel' zeigt grundlegende Probleme eugenischen Denkens auf und liegt nun erstmals auf deutsch vor. Thomas Lemke erläutert den historischen Kontext und zeigt, daß Chestertons Mahnungen nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Gilbert Keith Chesterton wurde am 29. Mai 1874 in London geboren. Er begann eine Ausbildung als Illustrator an der Slade School of Art und besuchte Literaturvorlesungen am Londoner King's College. Als Kolumnist und Literaturkritiker schrieb er für verschiedene liberale Zeitungen. Von 1900 an erschienen von ihm über hundert Bücher, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke, die durch ihre stilistische Brillanz schnell eine große Bekanntheit erlangten. In besonderem Maße setzte sich Chesterton, der 1922 zum Katholizismus konvertierte, in seinen Büchern und Aufsätzen mit seiner Beziehung zum Christentum auseinander, meistens allerdings - wie in der bekannten Gestalt des Priester-Detektivs Pater Brown - auf humoristische Weise. Er starb am 14. Juni 1936 in Beaconsfield.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 10.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518736371
    Verlag: Suhrkamp
    Serie: Edition Unseld 41
    Größe: 1306 kBytes
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Eugenik und andere Übel

73 I Was ist Eugenik?

Aufzuschreien, bevor man geschlagen wird, ist die vernünftigste Sache der Welt. Es hilft nichts, aufzuschreien, nachdem man geschlagen wurde; besonders, wenn es ein tödlicher Schlag ist. Zwar heißt es, daß das Volk zu vorschneller Empörung neigt; doch wie weise Historiker wissen, wurden die meisten Diktaturen nur deshalb möglich, weil die Leute zu spät aufwachten. Oft kommt es entscheidend darauf an, sich einer Tyrannei zu widersetzen, bevor sie da ist. Es ist keine Lösung, mit vager Zuversicht zu versichern, daß die Sache lediglich in der Luft liegt. Ein Axthieb läßt sich nur parieren, solange die Axt noch in der Luft ist.

Es gibt gegenwärtig eine Bewegung, eine Denkschule, die genauso zielstrebig und organisiert ist wie irgendeine jener Gruppierungen, anhand von deren Namen man den Lauf der englischen Geschichte skizzieren könnte. Sie ist eine ebenso handfeste Sache wie die Oxford-Bewegung oder die Puritaner im Langen Parlament oder die Jansenisten oder die Jesuiten. Es ist eine Sache, die sich benennen läßt, die sich diskutieren läßt und die sich immer noch vernichten läßt. Man nennt sie aus Bequemlichkeitsgründen "Eugenik"; und daß man sie vernichten sollte, will ich auf den folgenden Seiten beweisen. Mir ist bekannt, daß verschiedene Leute Verschiedenes unter dem Begriff verstehen; das liegt jedoch allein daran, daß das Böse stets Vorteil aus Vagheiten zieht. Mir ist bekannt, daß angesehene Leute Idealismus und Barmherzigkeit dieser Sache preisen und mit silberzüngiger Rhetorik von reinerer Mutterschaft und glücklicheren Kindern sprechen. Das liegt jedoch allein daran, daß man dem Bösen immer gerne schmeichelt und so auch die Erinnyen "die Wohlmeinenden" genannt hat. Mir ist bekannt, daß diese Sache viele Anhän 74 ger hat, deren Absichten ganz und gar unschuldig und human sind; und die ernsthaft darüber erstaunt wären, daß ich sie so charakterisiere, wie ich es hier tue. Doch liegt das allein daran, daß das Böse stets durch die Entschiedenheit edelmütiger Gimpel siegt; und es hat zu allen Zeiten eine verheerende Allianz von außerordentlicher Naivität und außerordentlichen Missetaten gegeben. Von denen, die getäuscht worden sind, werde ich selbstverständlich so sprechen, wie man es von derartigen Werkzeugen immer tut; und sie an dem Guten messen, das sie zu tun glauben, nicht an dem Bösen, das sie tun. Doch die Eugenik an sich ist für jeden etwas Wirkliches, der genug Verstand hat, zu begreifen, daß Ideen etwas Wirkliches sind; und die Eugenik an sich ist, ob sie in kleinem oder großem Maßstab, demnächst oder später, aus wohlmeinenden Motiven oder aus böswilligen, an tausend Menschen oder an dreien erprobt wird, die Eugenik an sich ist etwas, über das sich ebensowenig verhandeln läßt wie über einen Giftanschlag.

Es ist nicht besonders schwer, ihren Kern zu erfassen, obgleich sich manche ihrer Befürworter ziemlich vage über sie äußern. Die Bewegung beruht auf zwei Dingen: einer grundlegenden Moral, der alle Eugeniker anhängen, und einem Plan zu deren gesellschaftlicher Umsetzung, in dem sie erheblich differieren. Was die grundlegende Moral angeht: Es ist offensichtlich, daß die ethische Verantwortung des Menschen davon abhängt, daß er die Konsequenzen seines Tuns kennt. Wenn ich (hypothetisch, wie Dr. Johnson in jenem Leuchtturm der Prophetie) für einen Säugling verantwortlich wäre, und der Säugling wäre krank, weil er die Seife verschluckt hat, würde ich gegebenenfalls einen Arzt rufen. Womöglich riefe ich ihn von erheblich ernsteren Fällen weg,

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