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Goodbye, Moskau Betrachtungen über Russland von Kaminer, Wladimir (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2017
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Goodbye, Moskau

Wladimir Kaminer blickt anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution auf seine alte Heimat und sieht ein Land auf der Suche nach sich selbst. Das kommunistische Experiment ging unter dem Applaus der freien Welt zu Ende, die Menschen aber sind noch da, und sie brauchen eine Perspektive. Der Kapitalismus lockt als neues Erfolgsmodell, doch die Russen suchen unter der harten Sonne des Kapitals vergeblich nach einem schattigen Plätzchen. Überall liegen bereits die Handtücher anderer Länder. Statt Wohlstand, Fortschritt und Freiheit regieren Repression und Angst. Die politische Führung unter Putin beherrscht zwar die alten Techniken des Machterhalts, aber keine zur Gestaltung der Zukunft. Vorbei an Europa hat sie den Weg in die Vergangenheit und die Isolation eingeschlagen. Mehr als genug Stoff also für eine liebevoll verzweifelte Auseinandersetzung mit Russland.

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung "Russendisko" sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 20.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641200756
    Verlag: Goldmann
    Größe: 1265kBytes
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Goodbye, Moskau

Krim

Es geschah schnell und für die Welt überraschend: Plötzlich erschien meine alte Heimat auf den Titelseiten europäischer Zeitungen und zwar in der alten Rolle als Imperium des Bösen. Sie hat einen Teil der Ukraine verschluckt, die Halbinsel Krim, ohne lange daran zu kauen. Der russische Präsident sagte, die Ukraine sei selbst schuld, sie hätte Russland provoziert, mit ihrer Krim direkt vor seiner Nase gewedelt und gedroht, sehr bald in Richtung EU zu verschwinden.

Zwei Monate zuvor hatte der ukrainische Präsident ein Assoziierungsabkommen mit Europa unterschreiben wollen. Der russische Kollege bat ihn höflich und diskret, dies nicht zu tun. Der ukrainische Präsident geriet zwischen zwei Stühle. Er hatte dem Volk das Wahlversprechen gegeben, das Land in Europa zu integrieren. Er konnte auf dieses Abkommen daher nicht verzichten, hatte jedoch Angst, den mächtigen Nachbarn Russland zu verärgern. Er trickste hin und her und unterschrieb nicht. Das aufgebrachte Volk fühlte sich von seinem Präsidenten verraten, versammelte sich auf dem zentralen Platz der Hauptstadt und ging den ganzen Winter hindurch nicht nach Hause. Die Menschen standen trotz Kälte, Drohungen und der Angriffe der Polizei vor dem Parlament. Steine flogen, es wurde mit scharfer Munition in die Menge geschossen, brennende Autoreifen verpesteten die Luft.

"Hau ab, wir wollen dich nicht! Geh zu deinem Freund nach Russland, du Verräter!", skandierten die Bürger auf dem Platz.

Der ukrainische Präsident fühlte sich in seiner Residenz nicht mehr sicher und war mit den Nerven am Ende. Der Job machte ihm keinen Spaß mehr. Er beschloss zu flüchten, packte in Eile, nahm nur das Nötigste mit und brach mit zehn LKW s und zwei Hubschraubern Richtung Russland auf. Die Ukrainer feierten den Sieg der Revolution. Eine Übergangsregierung wurde gebildet, die Neuwahlen anordnete, welche drei Monate später stattfinden sollten. Da nutzte der russische Präsident das Durcheinander beim Nachbarn und nahm die Krim ein. Während die Ukrainer sich mit der Vorbereitung ihrer Neuwahlen beschäftigten, besetzten über Nacht schweigsame höfliche Menschen mit Maschinengewehren und in den Uniformen der russischen Armee, aber ohne Abzeichen, die Halbinsel. Niemand wurde verletzt, es wurde kaum geschossen. In der gleichen Woche wurde ein Referendum auf der Krim angekündigt. Dabei sprachen sich um die 100 % der Bevölkerung dafür aus, zu Russland statt zur Ukraine gehören zu wollen, in manchen Städten waren es sogar 120 %. Der russische Präsident strahlte im Fernsehen Selbstbewusstsein aus und wies jede Kritik an seinem Vorgehen zurück.

"Die Krim war schon immer Teil unseres Landes gewesen", erzählte er. Die Tatsache, dass sie zur Ukraine gehörte, bezeichnete er als "historisches Missverständnis". Er bestritt, irgendwelche Soldaten auf die Krim entsandt zu haben. Die höflichen Uniformierten mit Gewehren seien bloß besorgte Krimbewohner, die sich ihre Uniformen selbst genäht oder in Bekleidungsgeschäften gekauft hätten, meinte er. Gleichzeitig erklärte das russische Fernsehen, dass die Krimbewohner schon immer furchtbar gelitten und sich seit sechzig Jahren geschämt hätten, Ukrainer zu sein, wo sie doch in Wirklichkeit Russen waren und sind.

"Wir wollen russische Werte und russische Rente", sagten unbewaffnete Krimbewohner. Die bewaffneten Zugezogenen schwiegen höflich und nickten solidarisch. Die Russen feierten die Rückeroberung überschwänglich, große Kundgebungen fanden auf dem Roten Platz statt. "Die Krim gehört uns", jubelten die Gemäßigten. "Heute die Krim, morgen der Rest der Welt", setzten die Radikalen einen drauf.

Später gab der Präsident zu, er habe ein wenig gelogen. Es seien schon einige russische Spezialeinheiten als Friedensmissionare auf der Krim.

"Manchmal muss jeder Politiker eine Unwahrheit sagen, das gehört zum politischen Geschäft", erklärte der russische Präsident. "Die Westler sind doch

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