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Schlangentanz Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters von Marnham, Patrick (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.05.2016
  • Verlag: Berenberg Verlag GmbH
eBook (ePUB)
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Schlangentanz

Kann man zu den Ursprüngen der Bombe von Hiroshima reisen? Patrick Marnham, weit gereister BBC-Korrespondent, Biograf und Schriftsteller, kennt den Weg, und Joseph Conrad, Aby Warburg und Robert Oppenheimer sind seine Begleiter. Die Reise führt zunächst von Brüssel mit seinem Justizpalast, erbaut aus den Einkünften der kongolesischen Horrorkolonie, in den heutigen Kongo, woher das Uran für die Bombe kam. Weiter geht es nach New Mexico, einem magischen Stück USA, mit einer ausgelöschten Indianer-Kultur und dem Vermächtnis von Robert Oppenheimer und Aby Warburg, zwei 'verrückten Genies' die sich der zerstörerischen Kraft der Wissenschaft im 20. Jahrhundert auf ganz verschiedenen Wegen näherten. Die Reise endet in Fukushima, wo 2011 die in Hiroshima und Nagasaki entfesselten Kräfte zeigten, was sie auch heute noch anrichten können. Patrick Marnham, geboren 1943 in Jerusalem, aufgewachsen in England, ist Biograf und vielfach ausgezeichneter Reiseschriftsteller. Als BBC-Korrespondent lebte er in Afrika, dem Mittleren Osten und Zentralamerika. Er veröffentlichte Biografien über Diego Rivera, Georges Simenon, Jean Moulin und Mary Wesley. Er lebt in Oxfordshire.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 376
    Erscheinungsdatum: 16.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783937834979
    Verlag: Berenberg Verlag GmbH
    Größe: 2230 kBytes
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Schlangentanz

KAPITEL ZWEI

Der Justizpalast

Im November 1889 ging Józef Teodor Korzeniowski, ein polnischer Händler und Seemann, in London an Land, um nach Arbeit zu suchen. Zwölf Jahre zuvor hatte er sich in einer dunklen Stunde in Marseille in die Brust geschossen. 1 Die Kugel hatte sein Herz verfehlt. Danach hatte er ein Kapitänspatent erworben, fand aber kein Schiff. Er erfuhr jedoch, dass sich Binnenschiffkapitänen eine Perspektive im Kongo-Freistaat eröffnete, einem riesigen Gebiet im Innern Afrikas, das sich König Leopold von Belgien als persönliches Lehnsgut angeeignet hatte. Also galt es, Erkundigungen in Brüssel einzuziehen. Korzeniowski war König Leopold als Mann bekannt, dem es ein Anliegen war zu helfen; er wurde vor allem dafür gerühmt, eine Zivilisierungsmission in Afrika zu finanzieren.

Die afrikanische Unternehmung, die dem polnischen Kapitän eine Chance zu bieten schien, war eines der erstaunlichsten politischen Vorhaben der Epoche, für das es weder Vorbilder noch Nachahmer gab. Es entsprang dem Willen eines einzelnen Mannes, des Monarchen eines wohlhabenden, aber unbedeutenden europäischen Landes, der sich nebenher zum Despoten eines immensen Gebietes in der unerforschten Welt aufgeschwungen hatte. Jeder Tagträumer kann in seinem Lehnstuhl solchen Illusionen nachhängen, doch Leopolds Genialität bestand darin, dass er die führenden internationalen Staatsmänner seiner Zeit dazu brachte, sein privates Reich anzuerkennen. Durch geschickte Manöver brachte er 1885 ein Gebiet von der Größe Westeuropas in seinen Besitz, das er so lange ausplünderte, wie es ihm nur möglich war.

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Bis heute ist die Demokratische Republik Kongo, der ehemalige Kongo-Freistaat, danach Belgisch-Kongo und später Zaire, mit Abstand die größte Nation Zentralafrikas. Leopold kündigte seine territorialen Absichten an, als er im kleinen Kreis erklärte, dass "Belgien auch einen Teil von diesem ausgezeichneten afrikanischen Kuchen" 2 abbekommen müsse. Seine damaligen Konkurrenten waren Großbritannien, das mächtigste Land der Erde, Deutschland, die bedeutendste Nation Europas, die von einem weiteren Genie namens Bismarck regiert wurde, Frankreich als zweite Weltmacht sowie Portugal, die Kolonialmacht, die sich damals bereits in der Kongoregion festgesetzt hatte. Leopold steckte sie alle in die Tasche. Seine Taktik bestand darin, den geplanten Vorstoß in den Kongo als philantropische Unternehmung zu tarnen. Doch selbst ein Genie ist auf Glück angewiesen, und seine Glückssträhne begann, als er den englischen Forscher Henry Morton Stanley in seine Dienste nahm, den die anderen europäischen Regierungen nicht zu würdigen wussten.

Leopold saß bereits neun Jahre auf dem belgischen Thron, als Stanley 1874 von der Insel Sansibar an der Küste Ostafrikas aufbrach, um nach der Quelle des Nils zu suchen. Drei Jahre blieb seine Expedition im Urwald verschwunden. Als sie an der Atlantikküste wieder auftauchte, hatte Leopold auf der von ihm einberufenen Geographischen Konferenz in Brüssel zwei wichtige Weichen gestellt: die Gründung der Internationalen Afrika-Gesellschaft mit König Leopold als Präsident und die Ankündigung der wissenschaftlichen Erforschung des Kongobeckens. Zum Wohle Afrikas und der Menschheit plante man dort auch die Errichtung von "Missions- und Forschungsstationen". Sobald Stanley nach Europa zurückgekehrt war, warb ihn der König an, und gemeinsam überlegten sie, wie sie den Kongo unterwerfen und ausbeuten konnten.

Bis zum 19. Jahrhundert war Afrika vor europäischen Eindringlingen durch gewaltige, größtenteils natürliche Barrieren geschützt. Wegen der starken Brandung war das Anlegen an vielen Stränden zu riskant, und die großen Flüsse, die den Kontinent entwässerten, versteckten ihre Mündungen hinter Sandbänken. Dazu kamen Stromschnellen, bedrohliche Urwälder mit todbringenden Pflanzen und unbekannten wilden Tieren, das Fieber und nicht zuletzt die

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