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Theater eins von Jonigk, Thomas (eBook)

  • Verlag: Droschl, M
eBook (ePUB)
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Theater eins

Dieser erste Band der gesammelten Theaterstücke Thomas Jonigks enthält die Stücke 'Von blutroten Sonnen, die am Himmelszelt sinken', 'Du sollst mir Enkel schenken', 'Rottweiler', 'Täter' und das Libretto 'Heliogabal', geschrieben in den 90er Jahren, uraufgeführt zwischen 1994 und 2003. Mit ihnen und ihrem Autor etablierte sich neben Werner Schwab und Elfriede Jelinek eine dritte, durch ihren unverwechselbaren Sprachstil erkennbare Stimme auf den deutschsprachigen Bühnen. Jonigks Thema in den ersten Stücken ist die Familie als Tatort: sei es der sexuelle und emotionale Missbrauch an den Kindern (in Täter), sei es der Anpassungsdruck auf den schwulen Sohn (Du sollst mir Enkel schenken), sei es das Weiterleben faschistischer Rollenbilder (Rottweiler) - und das alles in einer Sprache von grotesker Komik, bei der einem allerdings öfter das Lachen im Hals steckenbleibt. Jonigks Bühnenwerk, schreibt Ute Nyssen in ihrem fundierten Nachwort, 'reflektiert die Tendenzen des derzeitigen Theaters - beispielsweise dessen extreme Angst vor starken Gefühlen oder gar Pathos, die Neigung zur Randgruppenperspektive -, ohne diesen Tendenzen einfach nachzugeben. Zumindest den moralischen Anspruch, der selbstverständlich von Emotionen untrennbar ist, auf der Bühne aber vorwiegend an die Darstellung von Einzelschicksalen gekoppelt war (von den Klassikern bis zu Koltès), diesen Anspruch versucht Jonigks Theater aus dem Fundus der großen dramatischen Tradition zu retten und dem heutigen Theater entgegenzusetzen. Mit der Genehmigung zum Lachen macht er das etwas leichter.'

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783854208891
    Verlag: Droschl, M
    Größe: 1950 kBytes
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Theater eins

Von blutroten Sonnen, die am Himmelszelt sinken

PERSONEN

Frau (Frau des Mannes)

Mann (Mann der Frau)

Kind (Kind seiner Eltern)

Renzi (Kindermädchen des Kindes)

Teufel (mit Pferdefuß und Dreizack)

Bühne. Ein Wohnzimmer, das aber keinesfalls naturalistisch dargestellt sein darf. Das Interieur muss genauso unverhältnismäßig wie die gesprochenen Worte sein, d. h. übergroße Sitzmöbel, in denen die Schauspieler und Schauspielerinnen versinken. Ebenso wie in den Worten fühlen sie sich darin aufgehoben. Tische, Schränke usw. sollen wiederum in gängiger Größe daneben stehen.

Wichtig: Die Rückwand der Bühne muss frei sein, um Dias bzw. Diaserien dorthin projizieren zu können. Es ist auch möglich, die Dias durch entsprechende Filmszenen zu ersetzen. In dem Fall sollte der Teufel in der Schlussszene von der Leinwand aus sprechen und auf der Bühne stumm sein.

Zunächst muss die Bühne eine Weile menschenleer sein, dann sieht man, wie eine FRAU um die 40 auf die Bühne stürzt. Sie blickt sichtlich zerfasert um sich.

FRAU (als verkünde sie eine Erkenntnis) Leib und Seele hält sich durch das Essen zusammen. (Zögert) Oder Trinken. (Geht weiter, verwirrt) Nein. Das war anders. (Geht schnell ab)

Die Bühne ist erneut leer. Nach frühestens 30 Sekunden kehrt die Frau zurück. Jetzt wirkt sie entschlossener und wendet sich mit ihren gleich folgenden Worten an das Publikum, dem aber während ihrer Rede bewusst werden muss, dass es als Gegenüber nicht erkannt wird.

FRAU Ich bin eine Frau, fraglich, nein freilich, eine Frau. Ich wurde geboren, als meine Geschwister noch nicht auf der Welt waren, meine Mutter jedoch ja. So lernte ich damals bereits bereitwillig, dass es Menschen gibt, die mir immer einen Schritt voraus sind. Meine Mutter behauptet pausenlos, ich sei faul, wie fraglich, ich behaupte im Gegenteil, ich bin übermäßig fleißig, freilich fleißig, ich bin über die Maßen fleißig. Es gelingt mir zum Beispiel nicht, etwas, was ich heute besorgen kann, morgen zu besorgen. Deshalb kann ich nie morgen besorgen, was ich bereits heute besorge. Das erstens. Zweitens. (Geht ab)

Nach einigen Sekunden kehrt sie zurück und setzt ihre Rede fort.

FRAU (verträumt) Wenn ich an die Tage der Kindheit zurück denke, ist mir, als hätte es nur glückliche gegeben, glückliche. Ich lockte lockig und langte nach Verlangen, aber weil es allen rückhaltlos gefiel, wenn ich auf den Rücken fiel, öffnete ich meinen Unterleib und verordnete mir Orgasmen. Fortgepflanzt komme ich vorzüglich voran, und ich lobe den Tag nicht vor dem Abend. Ein Abend des Tages wie ein anderer Abend des Tages. Während ich mich auf den einen freute, litt ich schon den anderen. Des einen Freud ist des anderen Leid. Ich litt die Freuden anderer und freute mich am Leid anderer. All die Freude um mich freute mich nicht, nicht dass ich mich nicht freute, ich freute mich nicht. Man freite mich, da freute ich mich.

Sie verlässt den Raum, um mit (überdimensionierten?) Essensutensilien für das Mittagessen zurückzukehren. Während sie den Tisch für zwei Personen deckt, beginnt sie einen Schlager vor sich hinzusingen. Währenddessen betritt ihr MANN die Bühne und beobachtet sie mit verschränkten Armen. Er ist älter als seine Frau. Gleichgültig wie er aussieht, muss er das Bewusstsein ausstrahlen, sich gut aussehend zu finden. Ein Dia wird eingeblendet, auf dem der Mann in identischer Pose zu sehen ist.

FRAU (singend) Ich spürte das Leben in meinem Bauch
und deine Liebe, ja, die spürte ich auch.
Es gab zwei Dinge, die mir wichtig sind:
du und unser ungebornes Kind.

MANN Ich kannte mal eine Frau, die sang auch so gerne. Bis sie eines Tages zu Tode gestochen aufgefunden wurde. (Setzt sich)

FRAU War sie tot? Ich kannte mal eine, die war nicht tot, aber jetzt ist sie es.

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