text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Wenn es einen Himmel gibt... Trauerreden von Müller, Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2012
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Wenn es einen Himmel gibt...

Walter Müller erzählt die Lebensgeschichten von 23 Menschen, die in Salzburg und Umgebung gelebt haben und dort verstorben sind. Als Trauerredner hat er in den letzten Jahren fast 200 Reden gehalten - bei der Verabschiedung von Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, aus der Kirche ausgetreten sind. Gläubig waren so gut wie alle, nur haben sie sich statt des Pfarrers einen Abschiedsredner am Grab, in der Trauerhalle gewünscht. Berührend, spannend, durchaus auch heiter blättern sich die Schicksale vor unserem Auge auf. Jeder Mensch ist einzigartig, ein eigener Kosmos, egal ob es sich um den langjährigen Busfahrer der Linie 'M', die 'Kordi von der Eisenbahn' oder den legendären Ober vom Café Bazar handelt. Und jeder Mensch hinterlässt seine ganz persönliche, unvergleichliche Geschichte. 'Man sollte mehr nachfragen, zu Lebzeiten...', so Müller. Ein Buch, das tröstet und den Leser anregt, auch über seine eigenen Lieben und deren Leben nachzudenken. Ein Buch über den Tod, aber besonders auch über das Leben! Walter Müller geb. 1950 in Salzburg. Journalist, Dramaturg, Musikkritiker, Trauerredner; seit 1979 freiberuflicher Schriftsteller. Zahlreiche Literaturpreise, darunter: Ingeborg-Bachmann-Förderpreis, Rauriser Förderungspreis, Georg-Trakl-Stipendium. Er veröffentlichte Prosa, zuletzt der Roman 'Kleine Schritte' und mehr als zwei Dutzend Theaterstücke, außerdem zahlreiche Essays, Drehbücher, Hörspiele. Im Otto Müller Verlag erschienen: Kleine Schritte, Roman (2010)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 30.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701361946
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 543 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Wenn es einen Himmel gibt...

Hast Du was zu verzollen, Heinz Kerschbaumer?

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Geschichtenerzählen hilft gegen die Traurigkeit.

Wenn es einen Himmel gibt, und es wird einen Himmel geben, wo auch immer sich der befinden mag, dann muss vor dem Eingang in diesen Himmel ein Fluss fließen, nicht breiter und nicht heftiger als die Saalach zum Beispiel. Und ein hölzerner Steg müsste von hier nach drüben, von der Erde in dieses Paradies führen.

Aus dem Zoll- und Grenzhäuschen an diesem Fluss könnte jetzt einer treten und mit sanfter Stimme fragen: Hast Du was zu verzollen, Heinz Kerschbaumer?

Und er?

Nichts als diesen Körper. Der hat mich tausende Kilometer begleitet, die Saalach rauf und runter, an brennheißen und an klirrend kalten Tagen, von Kleßheim bis Wolfschwang, Marzoll, Wartberg. Aber in den letzten Jahren hat er mich ziemlich im Stich gelassen.

Der Körper ist da drüben nicht wichtig, würde der freundliche Zollbeamte sagen. Den lässt Du zurück, der hat seine Schuldigkeit getan. Was also bringst Du sonst mit?

Nichts. Ich hab alles zurückgelassen. Trophäen, und ich hab etliche gehabt, immerhin bin ich ein Jäger gewesen und kein schlechter! Medaillen, Pokale vom Asphalt- und Eisstockschießen in Siezenheim, oder vom Kegeln, einen Sack voller Jazz-Kassetten, Louis Armstrong und so. Karten vom Kartenspielen. Readers-Digest-Hefte, alle persönlich gelesen, Dutzende. Soll ich sie holen, soll ich das alles holen? Dann brauch ich aber noch mindestens ein Jahr Leben!

Musst Du nicht, würde der Zollbeamte - und er könnte einen weißen Bart tragen wie der Petrus - jetzt sagen. Das ist nicht von Bedeutung da drüben, jenseits der Grenze.

Also, was bringst Du mit?

Mein Leben. Wunderschöne Jahre, ein paar sehr schwere Jahre. Glück und Enttäuschung, Lachen und Weinen. Seligkeit und Schmerzen. Zwei große Lieben in meinem Herzen. Das kann nicht jeder behaupten. Das kann einem auch keiner wegnehmen, nicht einmal der Zoll! Tausend Erinnerungen!

Also, sagt der Zöllner an der Grenze zu dieser Gegend, die ein bisschen anders aussieht als das bayrische Grenzgebiet, die Pidinger-Au oder die Haus-moninger-Gegend. Am besten, sagt er, Du fängst von vorne an. Geboren?

Geboren wird der Heinz in einem kleinen Paradies. Spital am Phyrn. Traunviertel, das Dorf im Gebirge. Unfassbar schön, vor allem für ein Kind. Die Berge rundum, viel Wald, eine Idylle. Und die Eltern, einfache Leute, der Vater Holzarbeiter, in der Forstwirtschaft tätig, die Mutter Schneiderin. Kein großer Luxus. Aber man kommt gut über die Runden. Ein "kleines Sachl" gehört dazu, eine winzige Landwirtschaft für den Eigenbedarf, zum Anbauen und Ernten, und eine eigene Kuh. Das ist viel in den Zeiten der Not.

Das Licht der Welt erblickt der Heinz am 5. März 1935, sieben Jahre später, da ist schon Kriegszeit, wird der Nachzügler, der Sepp geboren. Der Vater wird in den Krieg hineingezogen, die Mutter ist eine starke Frau und hält alles beisammen. Es ist klar, dass man sich in Zeiten der Not und der Gefahr besonders um die ganz Kleinen sorgen muss, und der Heinz ist ja schon ein richtiger Schulbub. Das Leben, hat er manchmal das Gefühl, dreht sich mehr um den Seppi als um ihn, weil der Ältere ja immer der Klügere sein soll, und er muss auch kräftig zupacken. Die Kuh melken zum Beispiel, bevor er sich in der Früh auf den Schulweg machen kann.

Aber das geht alles irgendwann vorbei, und der Heinz kann sich um seine eigene Zukunft kümmern. Der Vater ist in der Forstwirtschaft tätig, also wird auch der Sohn in der Forstschule in Gmunden angemeldet. Jetzt ist es so, dass er damals, nach dem Krieg, ein schmächtiges Bürscherl ist und um ein Haar gar nicht aufgenommen wird.

Förster? War das wirklich Dein Lebenstraum, Kerschbaumer?, fragt der Zollbeamte vor dem Grenz häuschen beim Steg über diesen sanften Fluss hinüber ins grenzenlose Paradies.

Fast, antwortet

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen