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Wunderbare Jahre Als wir noch die Welt bereisten von Berg, Sibylle (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
10,99 €
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Wunderbare Jahre

1. Januar 2016. Sibylle Berg ist in Tel Aviv, Familienbesuch, und draußen gehen die Böller los. Moment mal, Böller zu Neujahr in Israel? Schreiende Menschen kommen die Straße gelaufen. Sie ducken sich, flüchten in Hauseingänge. Was sich unter dem Balkon abspielt, ist kein Fest. Es ist ein Anschlag. Die Autorin ist viel auf Reisen gewesen, jetzt ist der Spaß vorbei. Wollen wir wirklich in einer Welt herumfahren, wo der Strand zur Kampfzone wird, der Konzertsaal zum Bunker, wo neben dem Café die Bomben fliegen? Sibylle Berg erzählt, wie die Welt war, als wir noch Fernweh hatten: schön, abenteuerlich, romantisch. Und sagt, wie sie heute, im 21. Jahrhundert, ist: zum Weglaufen. Aber wohin? Sibylle Berg, geboren in Weimar, lebt heute als Dramatikerin und Autorin in Zürich und Tel Aviv. Bisher veröffentlichte sie 15 Romane, 17 Theaterstücke und unzählige Essays. Ihre Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt. Bei Hanser erschienen Der Mann schläft (Roman, 2009), Vielen Dank für das Leben (Roman, 2012), Wie halte ich das nur alles aus? (Fragen Sie Frau Sibylle, 2013), Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand (Roman, 2014) und zuletzt Wunderbare Jahre (Als wir noch die Welt bereisten, 2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 26.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446254084
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 16409 kBytes
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Wunderbare Jahre

Krieg. Zum Glück: weit weg

Kosovo (aber irgendwie auch Mazedonien),
15. April 1999

Am ersten Tag sagt die Dame am Flughafen: Ach, Sie fahren da runter, ich mag die Berichte nicht mehr sehen. Da blickt ja keiner durch. Na ja, Krieg ist schon schlimm. Gott sei Dank ist er weit weg. Nach zwei Stunden Flug bin ich in Thessaloniki, nach einer Autofahrt über die Grenze in Skopje. Mazedonien, das kleine Land, gerät außer sich, mit jedem Tag mehr, und eigentlich ist doch gar nichts los. Der Krieg ist hier nicht. Der Krieg ist in Jugoslawien, sichere zehn Minuten entfernt.

Panzer rollen durch die Straßen, das Militär marschiert an der Grenze, nachts hört man Schüsse, Flugzeuge, bei günstigem Wind auch Detonationen. In der Nacht. In den leeren Einkaufspassagen der Hauptstadt laufen Mädchen mit Rollerblades, niemand sagt ein Wort, und irgendetwas stimmt nicht.

Am zweiten Tag steigen die Journalisten in Autos, die sind wie schwere Waffen, sie tragen Kampfanzüge, die Frauen laufen mit harten Schritten, laufen schnell, fahren schnell, vielleicht ist etwas passiert in der Dunkelheit. An der Grenze. In den letzten Stunden ist das Auffanglager Blace zum Schlachthof geworden. Mit Masken gegen den Geruch von Mensch und Angst stehen Soldaten und Polizisten maschinengewehrbewaffnet um das Lager, das so groß ist wie zwei Fußballfelder. Es ist anders als im Fernsehen, das Lager. Man riecht es, man hört es und schaut ihnen in die Augen, den 40.000 Menschen hinter Barrieren, die drängen zur Freiheit, zu den Bussen, wo die Journalisten beobachten, filmen, fotografieren, in Mikrofone reden, in Telefone.

Eine amerikanische Journalistin, gleich einer gut frisierten Wurst, nähert sich der Absperrung. Sie gibt einen rührenden Text per Handy an ihre Redaktion, hält inne, sagt: Es riecht zu streng. Und dreht ab. Die hinter dem Gitter kamen in Güterwagen oder zu Fuß, sie kamen verwirrt, und als sie wussten, dass sie auf mazedonischem Boden waren, hoben sie die Arme in den Himmel. Doch schon wieder Gewehre, schon wieder Soldaten. Sie prügeln ein auf Menschen, die aus dem Lager wollen, in einen Bus, wo vielleicht der Mann sitzt, die Schwester, das Kind. Die mazedonischen Soldaten schauen zu, wie Menschen fast zerdrückt werden, Frauen in Ohnmacht fallen, hören, wie Kinder schreien. Viele haben hohes Fieber, es ist verdammt kalt.

Wir brauchen hier keine Albaner, sagt ein Soldat. Die Flüchtlinge tun mir leid, aber sollen sie doch in Länder, denen es besser geht. All das Geld, das unsere Regierung für die ausgibt, könnten wir gut brauchen. Es hat an die 30 Prozent Arbeitslose in Mazedonien, sagt der junge Soldat. Egal wo Flüchtlinge sind, woher sie kommen, wohin sie flüchten, sie werden überall beschissen behandelt. Er sieht angewidert auf das Schlammloch und rückt seine Maske zurecht. Als eine alte Frau über die Absperrung klettert, stößt er sie zurück. Schlägt noch mal nach. Egal, dass es seine Mutter sein könnte, bei der er vermutlich noch wohnt. Es ist Krieg, da ist der Feind. Der Feind ist, was man selber nicht ist, und nun liegt der am Boden und weint.

Der Boden ist schlammig und kalt, und in einem hektischen Moment, als das Gitter geöffnet wird, um einen mit Lebensmitteln beladenen Traktor passieren zu lassen, gelangen wir ins Lager, das für Fremde gesperrt ist, weil es wirklich keinen guten Eindruck macht. In den Boden sind hastig weggeworfene Dinge gedrückt, überflüssige Dinge, die Erinnerungen waren, oder Spielzeug, oder Leben. Unter Plastikplanen liegen die Alten und schlafen. Schlafen und hoffen vielleicht, dass alles wieder gut ist, wenn sie erwachen. Manche hocken im Dreck und reden, versuchen ein Lachen. Andere haben aufgegeben. Sich von sich entfernt, zu irgendeinem Ort, wo sie allein sind. Der Rest kämpft. Einen sinnlosen Kampf. Sie drängen sich gegen die Gitter, schreien, doch wer will das hören. Die Menschen hier sind müde, sind krank. Sie sehen aus wie wir. Hübsche Mädc

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