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Der Kojote im Vulkan Märchen und Mythen von den Kanarischen Inseln von Braem, Harald (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.07.2015
  • Verlag: Zech Verlag
eBook (ePUB)
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Der Kojote im Vulkan

Uralte mystische Verzauberung liegt über den Kanarischen Inseln. Ihre paradiesische Schönheit hat schon die Menschen in der Antike bewegt, seither ranken sich viele Märchen, Mythen und Sagen um den Archipel. Zwanzig der schönsten Erzählungen hat Harald Braem in diesem Band zusammengetragen: mit viel Sach- und Landeskunde und einem Augenzwinkern. Illustriert von Karin Tauer. Harald Braem (Berlin, 1944), emerit. Professor für Design und Kommunikation in Wiesbaden, war bis 2013 Direktor des Kult-Ur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung. Er ist Autor zahlreicher Bücher und langjähriger Kanarenkenner und verfasste Romane, Erzählungen, Sach- und Kinderbücher sowie Filmbeiträge. Im Zech Verlag sind außerdem von Harald Braem erschienen: Tanausú, König der Guanchen, Auf den Spuren der Ureinwohner, Der Vulkanteufel und Tod im Barranco.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 28.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788494342950
    Verlag: Zech Verlag
    Größe: 1613 kBytes
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Der Kojote im Vulkan

Der Kojote im Vulkan

Es war zur Zeit des Beñesmen, des sommerlichen Erntefestes, das mit der Guatatiboa beginnt, einem ausgedehnten, fröhlichen Schmaus, an dem das ganze Dorf teilnimmt. Die Ernte war eingesammelt, Getreide und Früchte gab es genug für alle und auch den frischen Wein, den glutvollen, guten, der sonnenverwöhnt auf den Lavahängen heranwächst.

Als keiner mehr essen konnte, die Guatatiboa zu Ende war und nur noch reichlich vom gegorenen Traubensaft floss, setzte Tanz und Gesang ein und wurden lautstark die Wettkämpfer angefeuert, die sich im Steineheben, Stabspringen und Ringen zu übertreffen suchten. Der Guanche Taxa, der ansonsten ein recht guter Stabspringer war und mit seiner Sprunglanze leichtfüßig über die Terrassen zu fliegen verstand, sah sich diesmal nicht in der Lage, an der Konkurrenz teilzunehmen, denn er hatte schon über die Maßen vom Wein genossen und fühlte sich nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. So saß er also lieber zwischen den Mädchen und sang ihnen Lieder vor, die ihm allerdings in Anbetracht seines Zustands nicht mehr ganz so klar und deutlich über die Lippen kamen. Die Mädchen kicherten und prusteten hinter der vorgehaltenen Hand.

Da gesellte sich Orotaga, sein Nachbar, hinzu, um ihn aufzuziehen:

"Du scheinst mir ein außergewöhnlicher Held zu sein", lästerte er. "Die Sprungstangen sind dir zu lang, die Hebesteine zu schwer, und zum Ringkampf bist du zu schlapp - was bleibt einem abgestürzten Raben da anderes, als auf dem Boden zu hocken, mit den Flügeln zu schlagen und zu krächzen!"

So durfte man nicht mit dem Taxa reden, denn wenn er auch betrunken war, so hatte er doch seine Ehre. Er rappelte sich also hoch, stand schwankend vor Orotaga und schrie:

"Was glaubst denn du, Ziegenbock von einem Nachbarn, warum ich das tue?"

"Und warum?" wollte Orotaga wissen.

"Um meine Kräfte für eine wirkliche Mutprobe zu schonen, eine, die du dir niemals zutrauen würdest."

"Sag, was du meinst", erwiderte Orotaga, "und ich antworte dir schon jetzt, dass ich dich in allem, was du tun willst, noch um ein beträchtliches Stück überbieten werde!"

"Das sollst du wiederholen, du geschwätziges Großmaul, wenn du erst weißt, was ich vorhabe!" schrie Taxa.

Mittlerweile hatten sich viele Dorfbewohner um sie geschart und hörten neugierig zu.

"Ich will dem Guayote, dem Kojoten im Vulkan, einen Besuch abstatten."

Orotaga und alle, die es mitbekommen hatten, erstarrten vor Schreck. Taxa musste völlig von Sinnen sein, dass er solches vorhatte! Kein Mensch, nicht einmal einer, dem der Verstand abhanden gekommen war, würde freiwillig zum Teide gehen.

"Im Teide ist die Hölle los, und man soll das Böse nicht leichtfertig herausfordern", sagte Orotagas Weib, und eine andere rief: "Noch nie ist einer mit dem Leben davon gekommen, der den Guayote zu Gesicht bekam!"

Orotaga aber war ein störrischer Mann und hatte sich mit seiner Prahlerei bereits viel zu weit vorgewagt. Er würde als Feigling dastehen, wenn er nun einen Rückzieher machte.

"Das wollen wir sehen!" riefen einige vom Wein selige Männer, und ihre Frauen machten warnende Zeichen, indem sie mit Daumen und Zeigefinger die Lippen zusammenpressten.

Also gingen Orotaga und Taxa los. Das halbe Dorf begleitete sie, denn die Leute wollten mitbekommen, ob die lautstarken Kerle ihren Plan wirklich ausführten. Und die beiden zogen tatsächlich zum Teide, während die Sonne lustig vom Himmel brannte. Unterwegs wurde es jedoch kühler, denn je höher man zum Kraterrand aufsteigt, desto kälter weht der Wind. So blieben die Leute zurück, setzten sich unter einen Teabaum, ließen die mitgeführten Weinkrüge kreisen und beobachteten in aller Gemütsruhe den weiteren Aufstieg der beiden Männer, die immer noch ein wenig unsicher schwankten. Klein und kleiner wurden sie, zwei winzige Ameisen am Rande des gewaltigen Vulkans.

Taxa und Orotaga stapften einträchti

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