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'Von Inseln weiß ich ...' Geschichten von den Färöern

  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
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'Von Inseln weiß ich ...'

Rund 50 000 Menschen bevölkern die achtzehn schroffen, baumlosen Inseln, die zwischen Island, Schottland und Norwegen im Nordatlantik liegen. Jahrhundertelang blühte hier eine mündliche Tradition mit Balladen, Sagen und Märchen. Daraus ist eine selbstbewusste, erzähl- und experimentierfreudige Literatur auf Färöisch entstanden, die sich von ihren kleinen Inseln aus die großen Themen der Menschheit zu eigen macht. Die vorliegende Anthologie versammelt die besten Geschichten der färöischen Literatur, von ihren Klassikern wie William Heinesen bis zur jüngsten Generation, vertreten u. a. durch Marjun Kjelnæs und Elias Askham. Für deutsche Leser wird so erstmals eine bislang kaum übersetzte Literatur in ihrer ganzen Vielfalt zugänglich.

Verena Stössinger, geboren 1951 in Luzern, studierte Nordistik, Germanistik und Soziologie und war Assistentin an der Abteilung für Nordische Philologie der Universität Basel. Seit 1998 hat sie Lehraufträge für Neuere Skandinavistik an der Uni Basel, daneben ist sie als Kulturjournalistin tätig. Sie lebt in Binningen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293301009
    Verlag: Unionsverlag
    Größe: 2144 kBytes
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'Von Inseln weiß ich ...'

Anstelle eines Prologs

William Heinesen
Nasse Heimat

W ie ich schon oft, vielleicht aber noch nicht oft und überzeugend genug behauptet habe, weil es immer noch Menschen zu geben scheint, die sich skeptisch dazu verhalten, liegt der absolute Mittelpunkt der Welt auf den Färöern und heißt Tórshavn.

In dieser uralten Stadt am Meer waren von meinem Elternhaus aus nicht nur Sonne und Mond, das Siebengestirn und die Milchstraße zu sehen, sondern auch die wüsten und leeren Wasser, wo der Geist Gottes in der Finsternis über der Tiefe schwebte. Weiterhin konnte man den grünen Hang Høgareyn erkennen, wo Adam in einer Wildnis aus Engelwurz und Kerbel saß und den Tieren Namen gab, und dahinter waren die Konturen der hoch gelegenen Steinwüste Kirkjubøreyn auszumachen, wo Kain und Abel ihre Opferstätten hatten, später die Arche Noah strandete und Moses die Gesetzestafeln holte. In neuerer Zeit hatte man Gelegenheit, Bruchstücke dieser zerschlagenen Tafeln aus der Nähe zu betrachten; übrigens liegen sie immer noch dort, falls sich jemand dafür interessieren sollte, neben versteinerten Überresten von Tieren der Arche und roter Asche von den Dankopferfeuern, und zwischen riesigen, moosbedeckten Steinhaufen wachsen noch immer einige Farne und Wacholderbüsche, die aus dem seinerzeit dichtgemachten Garten Eden stammen.

Das also war die biblische Geschichte, und von der Art gab es noch vieles andere. Der Südwind, der vom offenen Meer her kam, brachte Düfte aus fernen Gegenden mit, von den Hebriden, Azoren und dem Sargassomeer, aus den Tropen und von Feuerland, und in klaren Morgenstunden konnte man fern am Horizont die vagen Umrisse von Magellans und Marco Polos verruchten Segeln ahnen.

Zwischen den alten Häusern, auf dem kleinen, jetzt verschwundenen Sandstrand an der Mündung des Flusses, ließen sich nicht nur Muschelschalen, Keulenschwämme und Korken finden, sondern auch große glänzende Samenkapseln, die der Golfstrom angespült hatte, sowie ein mit grünen Algen verzierter Weidenkorb vom untergegangenen Schiff Sindbads des Seefahrers. Hier stand auch lange Zeit eine riesige verrostete Eisenboje, in die man hineinkriechen konnte wie in eine Negerhütte. Sie war jedoch nicht aus dem schwarzen Afrika herbeigetrieben, sondern eher aus dem gelben China, denn wenn man auf das Eisen schlug, sagte es Hongkong. Dieser Klang fremder Zungen aus weiter Ferne kam uns damals jedoch gar nicht so fremd vor, denn er erinnerte an Gong, den Namen der alten Hauptstraße von Tórshavn, der solcherart auf onomatopoetischem Wege in das weltumspannende Mysterium einbezogen wurde.

Diese Straße existiert nicht mehr - oder nur wie ein Generalbasston, wenn das Kammerorchester der Erinnerung in der Tiefe spielt. So rauchgeschwärzt und gewürzt mit seltsamen Düften ist nie eine andere Straße gewesen. Jedes Haus hatte eine Rauchstube mit irdenem Boden und offener Feuerstelle, über der rußige, dampfende Kochtöpfe hingen. Zwischen den baufälligen Häusern gab es hier und da enge, kleine Läden: ein Kolonialwarengeschäft, in dem 1905 die ersten Kokosnüsse und Bananen der Welt ausgestellt wurden, einen Brotladen (mindestens zweihundert Jahre alt und sehr unterirdisch), ein Modegeschäft (das kleinste und düsterste der Welt, mit einem alten Rundbogenfenster aus einer Kirche geschmückt), eine Buchbinderwerkstatt (15.-16. Jahrhundert, siehe Gotfred von Ghemen) und eine Bier- und Branntweinhandlung, aus der man bisweilen betrunkene, grölende Gestalten, angetan mit dunklen Kapuzen und Schuhen aus Lederlappen, auf Leitern hinüber zur Festung Skansi (15. Jahrhundert) schaffte, wo der Anblick der schrecklichen Kanonen sie wieder zu Sinn und Verstand bringen sollte.

Generell herrschte in dieser Gong genannten Straße ein Leben und Treiben wie auf alten Bildern von Brueghel. Hier waren zwischen Hühnern und Enten, Ziegen und Schafen

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