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33 Augenblicke des Glücks Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter von Schulze, Ingo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2010
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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33 Augenblicke des Glücks

Die einzelnen Episoden dieses im besten Sinne elektischen Bandes erzählen von einer Stadt, die Generationen von Schriftstellern, Künstlern, Musikern - und Lesern - fasziniert hat. Einer Stadt, wo aus jedem Kanaldeckel die Geschichte hervorzuquellen und jede Mauer von einer frischen Patina überzogen scheint. Doch trotz dieser alles überlagernden Pracht des Vergänglichen, das nie vergeht - oder gerade ihretwegen - eignet sich 'Piter' vorzüglich als Projektionsfläche für Schulzes literarische Phantasien. Als Fremder hat er genau hingesehen und oftmals ein kleines Detail aus dem Alltag aufgegriffen, das sich in seiner geradezu überbordenden dichterischen Vorstellungskraft zu einer komischen, grotesken, manchmal auch tragischen Geschichte auswächst. Ein ausgeklügeltes Vexierspiel, das mit erzählerischer Verve die große Tradition der Petersburger Literatur aufgreift und zugleich eine ganz eigene, ganz unverwechselbare Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur präsentiert. Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Von 1983 bis 1988 studierte er Klassische Philologie in Jena und arbeitete anschließend als Dramaturg am Landestheater in Altenburg. Im Herbst 1989 verließ Ingo Schulze das Theater, um als politischer Journalist zu arbeiten. 1993 lebte er für ein halbes Jahr in St. Petersburg, wo er half, ein Anzeigenblatt redaktionell aufzubauen. Für sein Debüt '33 Augenblicke des Glücks' erhielt Ingo Schulze 1995 u. a. den Förderpreis des Alfred-Döblin-Wettbewerbs sowie den aspekte-Literaturpreis. Der New Yorker druckte 1997 drei Erzählungen aus dem Band ab - eine Ehre, die unter den deutschsprachigen Autoren zuletzt Max Frisch zukam - und ließ ihn im April 1998 als einen der 'Five Best European Young Novelists' von Richard Avedon porträtieren. Für seinen zweiten Erzählband 'Simple Storys' erhielt er 1998 den Berliner Literaturpreis. 2001 wurde Ingo Schulze, zu gleichen Teilen mit Thomas Hürlimann und Dieter Wellershoff, der Joseph-Breitenbach-Preis verliehen. In dem Briefroman 'Neue Leben', in dem er ästhetisch neue Wege geht, erwartet den Leser ein breit angelegtes Panorama des Jahres 1989 und seiner Folgen. 'Neue Leben' wurde in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 gewählt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergab im Juni 2006 an Ingo Schulze das Massimo-Stipendium 2007, das für einen einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom steht. Im März 2007 erhielt Schulze für seinen Erzählungsband 'Handy' den Preis der Leipziger Buchmesse. Mit 'Adam und Evelyn' stand er 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ingo Schulze ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 270
    Erscheinungsdatum: 01.07.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827072207
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 956 kBytes
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33 Augenblicke des Glücks

"SERJOSCHA, komm heim! Serjoscha, hörst du, komm heim!" Valentina Sergejewna kniff die Augen zusammen. Noch eine Stunde, und sie sähe nicht einmal mehr die Hand vor der Nase. "Serjoscha!" Valentina klatschte in die Hände. Zwei Hennen äugten im Profil zu ihr herüber und pickten dann wieder.

"So geht das nicht weiter!" platzte Valentina heraus und setzte sich an den Küchentisch. "Seit Wochen höre ich kein Wort von ihm, kein Guten Morgen, kein Gute Nacht, er sieht mich nicht an, trinkt nur die Wasserleitung leer und legt sich schlafen, fällt völlig vom Fleisch, der Junge!"

"Besser, als wenn er nachts den Keller leer frißt", erwiderte Pawel, strich dick Butter aufs Brot und schob es mit dem Daumen an ihren Teller.

"Los!"

Valentina griff nach der Teekanne und füllte beide Tassen. Das krause Haar ihrer Achselhöhlen drängte unter den kurzen Ärmeln der Schürze hervor.

"Wäre er dein Enkel, würdest du was tun!" sagte Valentina. Sie begannen zu essen.

"Ach was, jeder Fresser ist zu viel!"

"Faschist", flüsterte Valentina.

Pawel schlug mit der Hand aus und traf sie am Kinn. Ein Gurkenstück flog auf Valentinas Schoß. Noch bevor sie zu weinen begann, war Pawel aufgestanden, drückte ihr die flache Hand gegen die Stirn und spuckte auf ihren halboffenen Mund. Er zögerte noch einen Moment. Valentinas Gesicht zog sich zusammen ... An ihrer Oberlippe klebte Butter. Dann ging er hinaus.

Lange saß Pawel auf dem Holzklotz neben dem Schuppen. Die Zigaretten lagen in der Küche, seine Latschen noch unterm Tisch. Vor der Abendsonne färbten sich die Wolken blau. Pawel mußte nachdenken.

"In einer Stunde ist es finster wie im Arsch von Lenin", sagte er zu seinen Fußspitzen.

Der entfernte Lärm von der Chaussee Petersburg-Nowgorod gehörte schon zur Stille. Nur wenn es hupte, war die Straße wieder da. Ohne vom Holzklotz zu rutschen, klaubte Pawel kleine Steine in die linke Hand und richtete sich wieder auf. Zwei Hennen pickten zwischen den Zaunlatten und reckten ihren Steiß empor.

"Feuer!" rief Pawel und schoß das erste Steinchen.

"Wuih!" Es knallte gegen den hellblauen Zaun, dessen Spitzen er weiß gepinselt hatte.

"Zwei Strich tiefer, drei rechts, Feuer!" Das Steinchen pfiff durch die Latten und verschwand lautlos im Feld dahinter.

"Feuer!" befahl Pawel.

"Zu tief, Feuer! Dauerfeuer!" Er zielte nicht mehr.

"Wuih, wuih, wuih, wuih, ureeeeeeh." Die Hennen rannten, gackerten, flatterten den Zaun entlang, fanden aber keine Lücke, plusterten sich auf wie bei Unwetter - und wurden im nächsten Moment wieder klein und schmal, machten in der Ecke kehrt und wackelten zurück.

"Halt's Maul!" Noch zwei Schuß, und Pawels linke Hand gab nichts mehr her. Die Hennen stoben auseinander.

"Mistviecher! Gegner vernichtet!"

Pawel hatte Hunger und Lust, irgend etwas zu töten. Aber selbst fünf Hennen legten nicht genug, und bald war Winter. Im Gemüsegarten von Valentina Sergejewna riß er einen Kohlrabi aus, brach die Blätter ab, wusch den Rest in der Regentonne und hieb ihn mit dem Spaten entzwei. Abwechselnd nagte er an den Hälften.

"Pfuuh!" Pawel spuckte aus und setzte sich wieder auf den Klotz. Hatte er etwas abgebissen, kaute er darauf herum, bis der Saft heraus war, streckte die Zunge mit dem holzigen Rest vor und wischte mit dem Handrücken über seine Lippen.

"Ein fetter Arsch, ein saftiger Arsch, ein weißer Arsch", ermunterte er sich und preßte die Schenkel zusammen. Ohne Eile hob er den rechten Unterarm quer über den linken und zerdrückte eine Mücke. "Was turnst du da auch herum", rügte Pawel. Langsam wurde ihm besser. Er rieb sich zwischen den Beinen. Der Kohlrabi klebte. Mit den Handrücken drückte er gegen seine Leisten und grätschte die Beine.

"Kommando zurück!" Wieder rieb er, wartete und schob mit den Händen seine Knie auseinander - sein Glied stieß gegen den gespannten Stoff der Hose. Pawel

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