text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

36,9° Roman von Bossong, Nora (eBook)

  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

36,9°

Anton Stövers Ehe ist zerbrochen, seine Affären sind vorbei, als Wissenschaftler ist er in der Sackgasse. Er will in Rom über Antonio Gramsci, die prägende Gestalt des italienischen Kommunismus, forschen. Dort begegnet er einer jungen Frau, in die er sich obsessiv verliebt. Währenddessen beschäftigt er sich weiter mit der Vergangenheit: Der gebrechliche, fieberkranke Gramsci erholt sich in einem sowjetischen Sanatorium. Er soll Italien vor der Machtübernahme durch Mussolini bewahren, doch stattdessen verliebt er sich in eine russische Genossin. Nora Bossong erzählt mit feinem Sinn für das Absurde vom Konflikt zwischen den großen Gefühlen für einen Menschen und dem Kampf für eine große Sache. Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Berlin, Leipzig und Rom Philosophie und Komparatistik. Im Hanser Verlag erschienen Sommer vor den Mauern (Gedichte, 2011), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Roman, 2012), Schnelle Nummer (Hanser Box, 2014), 36,9 Grad (Roman, 2015) und Rotlicht (2017). Nora Bossong wurde unter anderem mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446249967
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1255 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

36,9°

I EIN PONCHO Der Alte öffnete mir im Bademantel die Tür. Seine Füße steckten in Pantoffeln mit pompösen Quasten, ein scharlachroter Schal lag wie eine Stola um seine Schultern und sein Lächeln war elegant und schüchtern und irr.

"Der Dottore aus Deutschland! Piacere piacere piacere -"

Gebetsartig wiederholte Professor Brevi die Bekundung seiner Freude und schlurfte mit majestätischer Langsamkeit vor mir her einen langen Flur entlang, von dem diverse Zimmer abgingen, alle mit Antiquitäten und Nippes vollgestellt. Die Wohnung machte einen herrschaftlichen Eindruck, von einer Herrschaft allerdings, die mindestens hundert Jahre zurücklag. Ich roch Naphthalin und Lavendel. Hinter einer der Glastüren huschte ein Schatten vorbei, der Alte blieb stehen, "il Dottor Stöver è venuto, cara!", und zu mir gewandt erklärte er: "Meine Haushälterin Gabriella." Er lächelte und errötete leicht. Die Tür öffnete sich und ich sah auf eine winzige, in ein rotes Abendkleid gehüllte alte Dame. Das Kleid mochte ihr einmal gepasst haben, vor zwanzig, dreißig Jahren vielleicht, nun hing es weit und schwer auf ihrem Rosinenkörper.

"Oh, es ist Besuch gekommen?", fragte die Dame in einem sardischen Tonfall und sah Brevi hilfesuchend an. "Aber Pippo, ich habe mir noch gar nicht die Haare gemacht."

Und schon war sie wieder hinter ihrer Glastür verschwunden, wir hörten sie unruhig auf und ab gehen. Der Alte nickte bedächtig, dann entschied er: "Wir müssen weiter!", als brächen wir zu einer Expedition in ein entlegenes Land auf.

An den Wänden des Zimmers hing eine Tapete mit vergilbtem Blumenmuster, Gerümpel war als Mobiliar in den Raum gestellt. Ich hörte zwei erregte Frauenstimmen streiten und etwas schepperte zu Boden. Die Häuser hier waren so gebaut, dass sie das Klackern der Schuhe und das Gezeter der Nachbarn von Wohnung zu Wohnung, von Haus zu Haus leiteten, über Höfe hinweg, wodurch ein grässliches Surren entstand, das einem in der Nacht den Schlaf raubte.

Der Alte blickte sich in dem Zimmer um, prüfend, ob er mir etwas zeigen, ein Möbelstück hervorheben, mit einer Seltenheit prahlen könnte. Doch er fand nichts.

"Ihnen gefällt das Zimmer?", fragte er schließlich.

"Und wie!", beteuerte ich.

Brevi wiegte zufrieden den Kopf. "Also dann. Und zum Istituto Gramsci sind es von hier aus nur ein paar Minuten."

Er schloss die Tür und ließ mich im Halbdunkel allein. Licht fiel spärlich zwischen den Lamellen des Fensterladens in den Raum. Eine Sprungfeder stöhnte, als ich mich aufs Bett setzte. Es stank nach Schimmel und Rost, ich stand wieder auf, tappte über den kalten Boden. Mit den Zehen stieß ich gegen den Schreibtischstuhl und fluchte leise. Der Fensterladen ließ sich mit etwas Gewalt aufstoßen. Unter mir drehte ein Mann auf einer Vespa Kreise, am Bordstein zersplitterte eine Flasche, jemand fluchte. Kurz sehnte ich mich nach Göttingen zurück, nach unserer sanierten Wohnung im Inneren eines Fachwerkhauses. Die geräuschlosen Straßen vermisste ich, den geputzten Stadtkern mit Gänseliesel und Lichtenberg, Reformhäusern und Dekoläden, die Studenten auf den Holzbänken vor dem Thanner's.

Den Palazzo als anheimelnd zu beschreiben wäre übertrieben gewesen. Ein windschief durch die Jahrhunderte geschippertes Gebäude, in dem es überall leckte und bröckelte, und mir wurde klar, dass Errungenschaften wie Fensterisolation und Kaltschaummatratzen vergleichsweise jungen Datums waren.

In meinem Koffer suchte ich nach einem weißen Oberhemd, das die Fahrt unzerknittert überstanden hatte. Als ich es übergezogen hatte, fühlte ich mich ein wenig besser. Geordneter. Vor dem Spiegel, der an der Wand mehr schwankte als hing, band ich mir die Krawatte, betrachtete mein Gesicht, die Krähenfüße an den Augen, die geplatzten Äderchen am Nasenrand und registrierte eine Bewegung in der linken Spiegelecke. Ich zog das Krawatte

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen