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Accabadora von Murgia, Michela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2014
  • Verlag: Wagenbach
eBook (ePUB)
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Accabadora

Eine Geschichte über Mutter und Tochter, wie sie noch nie erzählt worden ist. Ein Roman, in dem das archaische und das moderne Italien aufeinandertreffen. Wie Mutter und Tochter leben Bonaria Urrai und die sechsjährige Maria zusammen. Die Bewohner des sardischen Dorfes sehen den beiden verwundert nach und tuscheln, wenn sie die Straße hinunterlaufen. Dabei ist alles ganz einfach: Die alte Schneiderin hat das Mädchen zu sich genommen und zieht es groß, dafür wird Maria sich später um sie kümmern. Als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe war Maria daran gewöhnt, "die Letzte" und eine zu viel zu sein. Nun hat sie ein eigenes Zimmer in dem großen reinlichen Haus Bonarias, wo alle Türen offen stehen und sie jeden Raum betreten darf. Doch ein Geheimnis umweht die stets schwarz gekleidete, wortkarge Frau, die mitunter nachts, wenn Maria schlafen soll, Besuch erhält und dann das Haus verlässt. Es scheint, als würde Bonaria in zwei Welten leben. Das Mädchen spürt, dass sie nicht danach fragen darf. Erst sehr spät entdeckt sie die ganze Wahrheit. Michela Murgia erzählt in einer schnörkellosen, poetischen Sprache aus einer scheinbar fernen, doch kaum vergangenen Welt. Von zwei Generationen, zwei Frauenleben, von einem alten, lange verschwiegenen Beruf. Dieser Roman ist sinnlich, radikal und verblüffend gegenwärtig.

Michela Murgia, geboren 1972 in Cabras (Oristano), studierte Theologie und unterrichtete Religion. 2006 arbeitete sie einige Zeit in einem Callcenter. Nach mehreren Jahren in Mailand lebt sie nun wieder in Sardinien. 2010 erhielt sie den Premio Campiello für ihren Roman Accabadora, der im gleichen Jahr bei Wagenbach auf Deutsch erschien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 22.08.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803141682
    Verlag: Wagenbach
    Originaltitel: Accabadora
    Größe: 1217kBytes
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Accabadora

1

Fillus de anima , Kinder des Herzens.

So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. In dieser zweiten Geburt wurde Maria Listru zum späten Segen für Bonaria Urrai.

Als die Alte unter dem Zitronenbaum mit ihrer Mutter Anna Teresa Listru sprach, war Maria sechs Jahre alt, ein ungewolltes Kind nach drei erwünschten. Ihre Schwestern waren schon junge Frauen, so saß sie allein auf dem Boden und buk eine Torte aus Schlamm mit lebenden Ameisen darin, mit der Achtsamkeit einer kleinen Dame. Die Ameisen im Teig ruderten mit den roten Beinen und starben langsam unter den Verzierungen aus Wildblumen und Zuckersand. In der sengenden Julisonne wuchs die Torte unter ihren Händen. Sie war so schön, wie es manchmal nur ungenießbare Dinge sein können. Als das Mädchen den Kopf hob, sah sie neben sich Tzia Bonaria Urrai im Gegenlicht stehen, sie lächelte, die Hände auf dem mageren Bauch, zufrieden mit dem, was Anna Teresa Listru ihr gegeben hatte. Was genau es war, das sie ihr gegeben hatte, verstand Maria erst einige Zeit später.

Am selben Tag noch ging sie mit Tzia Bonaria fort, in einer Hand die Torte aus Schlamm, in der anderen eine Tasche mit frischen Eiern und Petersilie, den armseligen Dankesgaben der Mutter.

Maria lächelte, obwohl sie tief im Inneren wusste, dass eigentlich Grund zum Weinen bestanden hätte, aber es gelang ihr nicht, diesen Grund zu fassen. Je weiter sie sich vom Elternhaus entfernte, desto blasser wurde die Erinnerung an das Gesicht der Mutter, beinahe so, als hätte sie es schon vor langer Zeit vergessen, in dem magischen Augenblick, in dem sie als kleines Mädchen zum ersten Mal alleine über die Zutaten ihrer Schlammtorte entschieden hatte. Noch Jahre später erinnerte sie sich dagegen an den glühenden Himmel und die Füße von Tzia Bonaria, die in Sandalen steckten und in einem stummen Tanz abwechselnd unter dem schwarzen Rocksaum hervorkamen und sich wieder versteckten, so schnell, dass die Beine kaum nachzukommen schienen.

Bei Tzia Bonaria bekam sie ein eigenes Bett ganz für sich allein und ein Zimmer voller Heiligenfiguren, die ihr bedrohlich vorkamen. In dem Moment verstand Maria, dass das Paradies kein Ort für Kinder war. Zwei Nächte lang lag sie reglos und starrte ins Dunkel, sie erwartete, dass eine der Figuren blutige Tränen weinen oder ein Heiligenschein aufleuchten würde. In der dritten Nacht erlag sie ihrer Angst vor der Jesusfigur mit dem ausgestreckten Zeigefinger, die furchteinflößend aussah mit ihren drei Rosenkränzen auf der blutverschmierten Brust. Sie konnte nicht mehr an sich halten und schrie.

Keine Minute später öffnete Tzia Bonaria die Tür und fand Maria an der Wand stehend, im Arm ein grobes Wollkissen, das sie zum Kuscheltier erkoren hatte. Dann fiel ihr Blick auf die Jesusfigur, die plötzlich näher am Bett zu stehen schien als vorher. Sie nahm die Statue unter den Arm und trug sie wortlos aus dem Zimmer. Am Tag darauf verschwanden von der Anrichte auch das Weihwasserbecken mit dem Bild der heiligen Rita und das Lamm aus Gips, das zottelig aussah wie ein streunender Hund und wild wie ein Löwe. Erst einige Zeit später begann Maria wieder, das Ave Maria zu beten, und auch nur ganz leise, damit die Madonna sie nicht höre und ernst nehme in der Stunde unseres Todes Amen.

Wie alt Tzia Bonaria damals war, lässt sich schwer sagen, denn sie schien seit Jahren nicht mehr zu altern, so als habe sie irgendwann beschlossen, auf einen Schlag alt zu sein und dann darauf zu warten, dass die verspätete Zeit sie einhole. Maria dagegen war zu spä

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