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Ada Roman von Berkel, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Ada

Wirtschaftswunder, Mauerbau, die 68er-Bewegung - und eine vielschichtige junge Frau, die aus dem Schweigen der Elterngeneration heraustritt.
In der noch jungen Bundesrepublik ist die dunkle Vergangenheit für Ada ein Buch, aus dem die Erwachsenen das entscheidende Kapitel herausgerissen haben. Mitten im Wirtschaftswunder sucht sie nach den Teilen, die sich zu einer Identität zusammensetzen lassen und stößt auf eine Leere aus Schweigen und Vergessen. Ada will kein Wunder, sie wünscht sich eine Familie, sie will endlich ihren Vater - aber dann kommt alles anders.
Vor dem Hintergrund umwälzender historischer Ereignisse erzählt Christian Berkel von der Schuld und der Liebe, von der Sprachlosigkeit und der Sehnsucht, vom Suchen und Ankommen - und beweist sich einmal mehr als mitreißender Erzähler.

Christian Berkel, 1957 in West-Berlin geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an zahlreichen europäischen Filmproduktionen sowie an Hollywood-Blockbustern beteiligt und wurde u.a. mit dem Bambi, der Goldenen Kamera und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Sein Debütroman »Der Apfelbaum« wurde von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 12.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843723374
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2682 kBytes
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Ada

Falscher Abgang

Zum ersten Mal sah ich meinen Bruder auf der Bühne wieder. Er stand oben, ich saß unten. Shakespeare, Maß für Maß. Der Titel passte. Der Tag auch, aber das wusste ich noch nicht, als ich die Besetzung im Programmheft las. Es war der 9. November 1989.

Bei seinem Auftritt erschrak ich über seine gelb gefärbten Haare. Tat er es jetzt unserer Mutter gleich? War er Schauspieler geworden, um hinter unzähligen Masken zu verschwinden? So wie sie sich unter ihren Perücken in immer neuen Farben versteckt hatte? Fünf Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Fünf Jahre. Eine lange Zeit. Er war älter geworden. Ich vermutlich auch, aber das ist eine Wirklichkeit, die wir lieber in den Gesichtern der anderen erkennen. Jedenfalls stand er jetzt auf dem Kopf und strampelte mit seinen Beinen durch die Luft. Das Publikum klatschte und johlte, fest entschlossen, sich zu amüsieren.

Ich war gerade vierundvierzig geworden, und entgegen der Familientradition ging ich nicht oft ins Theater. Der ganze Kulturklimbim interessierte mich nur mäßig. Ich starrte geistesabwesend auf die Bühne.

Ganz vorne am Bühnenrand saß ein dicker, kleiner Schauspieler, sein schmales Gesicht und die Halbglatze erinnerten mich an meinen Vater. Er machte gerade tagespolitische Witze. Jetzt erhob er sich, ging ein paar Schritte Richtung Bühnengasse, blieb kurz stehen, machte eine unerwartete, bedeutungsvolle Pause, um sich wieder ans Publikum zu wenden. Später erfuhr ich, dass man so etwas unter Schauspielern einen falschen Abgang nannte, ein Trick, um dem darauffolgenden Satz zu größerer Wirkung zu verhelfen.

»Meine Damen und Herren ... liebe Zuschauer ... die Grenzen sind offen.« Niemand reagierte.

Er starrte uns ungläubig an, und trippelte an die Rampe.

»Das war kein Witz, liebe Zuschauer ... meine Damen ... meine Herren ... die Mauer ... die Mauer ist gefallen ... es wurde gerade im Fernsehen verkündet.«

»Im Fernsehen, ist ja zum Piiiiiepen«, hätte meine Mutter jetzt gerufen, wenn sie neben mir säße, aber da saß sie nicht. Für einen Moment glaubte ich, sie zu vermissen. An dem Tag, an dem ich zum zweiten Mal heiratete, hatte es geknallt. Meine erste Hochzeit hatte in den Siebzigern stattgefunden, ein Irrtum, kurz und schmerzlos, nicht mehr als eine Wolke am fernen Horizont. Und dann war eine billige Uhr von Tchibo der Startschuss für ein nicht enden wollendes Zerwürfnis von zunehmend alttestamentarischer Wucht gewesen. Fünf Jahre war das her, und seit achtundzwanzig Jahren durchzog eine Mauer diese Stadt. Als ich sie mit neun Jahren zum ersten Mal schwankend betreten hatte, nach dreiwöchiger Schiffsfahrt auf der Juan de Garay aus Buenos Aires nicht mehr an festen Boden gewöhnt, war sie noch ungeteilt gewesen, aber schon zerrissen. Keine Heimat. War es auch das, worüber wir seit fünf Jahren schwiegen? Zögerlich tröpfelte Applaus in die Stille. Die Menschen schienen es zu begreifen. Die Mauer war gefallen.

Nach der Vorstellung suchte ich klopfenden Herzens den Bühneneingang. Ich fühlte mich an den Personal- und Lieferanteneingang verschiedener Hotels erinnert, in denen ich quer über den Globus verteilt gearbeitet hatte, bevor ich bei meiner jetzigen Tätigkeit gelandet war. Ich passierte die Schranke, überquerte einen Parkplatz und konnte gerade noch zur Seite springen, um nicht von einem vorbeijagenden weißen Mercedes überfahren zu werden. Noch völlig außer mir gelangte ich über ein paar Stufen zu einer Tür, hinter der sich die verglaste Pförtnerloge befand. Zwischen ein paar verdrucksten Gestalten wartete ich geduldig auf meinen Bruder. Ich war die Ältere, ich musste den ersten Schritt machen, das war ich mir und unserer Geschichte schuldig.

»Der is' schon längst raus. So lange wie Se hier stehen, müssten Se ihm eigentlich begegnet sein. 'n weißer Mercedes, 'n 124er. Fährt immer wie 'ne gesengte Sau.«

Wie mein Vater, dachte ich. Wahrscheinlich hatte ich ihn nicht erkannt,

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