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Alle, die vor uns da waren Roman von Vanderbeke, Birgit (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2019
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 01.02.2019 per Download lieferbar

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Alle, die vor uns da waren

Unsere Zukunft speist sich aus unserer Vergangenheit. Die Erzählerin dieses autobiografischen Romans, mittlerweile selbst Großmutter, spürt den Fäden und Verbindungen zwischen den Generationen nach: Was bewog die eigene Großmutter, Ostende zu verlassen und ihrem 14-jährigen Sohn Gaston, der sich der deutschen Wehrmacht angeschlossen hatte, nach Deutschland zu folgen? Wie hielt sie, die nie wieder nach Belgien zurückkehrte, das Leben in der Fremde aus? Und wie können diese Erinnerungen in Zeiten, die erneut von Flucht und Vertreibung geprägt sind, Trost und Hilfe sein? Im abschließenden Teil ihrer beeindruckenden Roman-Trilogie umkreist Birgit Vanderbeke Fragen, die weit zurückführen und doch aktueller nicht sein könnten. Birgit Vanderbeke,geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 01.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492992503
    Verlag: Piper
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Alle, die vor uns da waren

Es sind vielleicht nicht alle bei dir, denke ich.

Alle vielleicht nicht.

Aber da drüben kennt einfach jeder jeden, und wenn du einen von ihnen bei dir hast, kannst du nie wissen, wen noch, und schon sind es im Grunde alle.

Bei mir fing das mit meiner Oma Maria an, ohne dass ich überhaupt merkte, dass sie bei mir war und mich behütete. Mich hat nie jemand behütet. Der einzige Mensch, der auf mich aufgepasst hat, war immer nur ich selber gewesen.

Deshalb wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass meine Oma Maria mich behüten könnte. Immerhin war sie tot, und wenn schon die Lebenden nicht mit mir sprachen und auf mich aufpassten, wäre ich nicht darauf gekommen, dass die Toten bei mir sein und mich behüten könnten. Alle vielleicht nicht, aber erstaunlich viele dann doch. Aber das merkt man erst mit der Zeit. Wenn überhaupt.

Angefangen hatte es also mit meiner Oma Maria, und dann kam irgendwann später der Heinrich Böll dazu, und dabei hatte vermutlich der Gerhard Zwerenz seine Hände im Spiel, der den Böll schon zu Lebzeiten gekannt hatte, und wenn Sie den Böll und den Zwerenz nicht kennen sollten, wundern Sie sich nicht. Wir vergessen heute sehr schnell. Das hat mit der schwarzen Magie zu tun, die dafür sorgt, dass die Wirklichkeit vor unseren Augen verschwindet und zerrinnt, und mit der Wirklichkeit verschwindet das Erinnern an alle, die vor uns da waren und uns von der Wirklichkeit erzählen könnten.

Meine Oma Maria war meine andere Oma. Sie war die Mutter von meinem Vater. Sie hieß andere Oma, weil sie anders war und weil wir in Dahme bei meiner Oma Frieda in der Bahnhofstraße 16 wohnten und nicht bei ihr in der Wallstraße 5 . Wir hätten bei ihr auch gar nicht wohnen können, weil ihre Wohnung viel zu klein und meine Oma Maria viel zu arm war. Aber ich konnte schon als kleines Kind von der Bahnhofstraße in die Wallstraße laufen und die andere Oma besuchen. Ich habe sie gern besucht.

Min meisje, sagte sie, wenn ich reinkam.

Ihre Haustür war nie abgeschlossen.

Schließlich war sie gestorben und tot. Zu der Zeit, als sie starb, hatte ich in Frankfurt gerade mit dem Studium angefangen, kurz zuvor war ich volljährig geworden und kam natürlich nicht auf die Idee, dass sie bei mir sein und mich behüten könnte. Ich war etwas zerschlagen und zerschunden aus meiner Kindheit rausgekommen, fühlte mich benommen und hatte keine Ahnung, warum manche zerschlagen und zerschunden werden und andere nicht.

Eine Frage der Gerechtigkeit, dachte ich. Für Fragen der Gerechtigkeit ist das Recht zuständig, also studierte ich Jura. Damals war Fritz Bauer schon ein paar Jahre lang tot. Es dauerte nicht sehr lange, bis ich verstand, dass es mit der Gerechtigkeit nichts würde, wenn Fritz Bauer es nicht geschafft hatte, die Nazis vor Gericht zu bringen. Falls Sie auch von Fritz Bauer noch nie gehört haben, wundern Sie sich nicht. Er hatte im Krieg vor den Nazis abhauen müssen. Nach dem Krieg wurde er Staatsanwalt und versuchte, die Nazis vor Gericht zu bringen. Einmal hat er den Israelis einen Obernazi verraten, den er ohne den israelischen Geheimdienst nicht vor Gericht gekriegt hätte, weil die Deutschen und die Amis nicht besonders scharf darauf waren, die Nazis vor Gericht zu stellen, aber dann erwischten die Israelis den Obernazi, und so kam er vor Gericht. Das war dann der Eichmann-Prozess; aber Fritz Bauer kapierte schnell, dass es den Deutschen und den Amis nicht darum ging, die Nazis vor Gericht zu bekommen und zu bestrafen.

Mein Vater war kein Nazi und Massenmörder gewesen, nur Direktor in der pharmazeutischen Industrie, und da war wiederum ein früherer Nazi der oberste Chef. Der hatte so richtig in der Sache mit dringehangen und anschließend dafür gesorgt, dass die Leute, die bei der IG Farben gewesen waren, gute Stellen bei den Farbwerken bekamen. Aber mein Vater h

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