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Alle sterben, auch die Löffelstöre Roman von Aehnlich, Kathrin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2016
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Alle sterben, auch die Löffelstöre

Paul ist tot - und seine beste Freundin Skarlet muss lernen, damit fertig zu werden. Immer wieder fallen ihr Episoden ein, die sie mit Paul erlebt hat: wie sie sich schon damals in Kindertagen gegen die verhasste Tante Edeltraut verbündeten, das Studium in Leipzig, der Fall der Mauer. Nun hält Skarlet einen Brief von Paul in Händen, der sie bittet, seine Grabrede zu halten ... Die Geschichte einer besonderen lebenslangen Freundschaft, wundervoll zart und traurig zugleich.

Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren und studierte erst an der Ingenieursschule für Bauwesen und dann am Literaturinstitut Leipzig. Sie schrieb Hörspiele, Erzählungen und ein Kinderbuch. Nach dem Fall der Mauer arbeitete sie als Journalistin, zunächst für die unabhängige Wochenzeitung "Die andere Zeitung". Seit 1992 ist sie feste freie Mitarbeiterin in der Feature-Redaktion von MDR Figaro. Sie lebt in Markkleeberg und hat eine Tochter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 13.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492975780
    Verlag: Piper
    Größe: 712kBytes
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Alle sterben, auch die Löffelstöre

2

Der fremde Junge mit den abstehenden Ohren stand im kalten Neonlicht der Garderobe, er stand mitten im Raum, und seine Hausschuhe schienen auf dem grünen Linoleum festzukleben. Zieh deine Hose aus, sagte Tante Edeltraut, und der fremde Junge preßte die Hände gegen die Seitennähte seiner Cordhose. Alle Kinder ziehen hier ihre Hose aus, sagte Tante Edeltraut. Noch war ihre Stimme freundlich, aber schon schwang darin das leichte Zittern mit, das Gefahr signalisierte. Der Junge kannte diese Gefahr nicht, es war sein erster Tag im Kindergarten. Hausschuhe, Strumpfhose, Pullover, Schürze, sagte Tante Edeltraut. Die Kleiderordnung war vorgegeben. Die Jungen trugen Jungenschürzen, die an einen übergroßen Latz erinnerten und die auf dem Rücken über Kreuz geknöpft wurden, die Mädchen Mädchenschürzen, bunte Kittel, an denen auch Rüschen erlaubt waren. Die Strumpfhosen hatten sie gemeinsam, gerippte Baumwolle, vorn eine Naht und hinten zwei. Es gab Kinder, die das nie lernten. Die Strumpfhosen beulten sich an den Knien und am Hintern, und der dünne Matthias Seibt, der zu denen gehörte, die es nie lernten, trug die Beulen nach dem Mittagsschlaf immer an Kniekehlen und Bauch.

Wir wollen doch hier keine neuen Moden einführen, sagte Tante Edeltraut. Sie fixierte den fremden Jungen mit einem Blick, bei dem jedes andere Kind aus der Gruppe den Kopf gesenkt hätte. Doch der fremde Junge hielt dem Blick stand.

Zieh deine Hose aus!

Nein! sagte der fremde Junge und sah Tante Edeltraut in die Augen. Er sagte es deutlich und laut. Seine Stimme verriet weder Angst noch Provokation. Es war ein Nein, das über jeden Zweifel erhaben war.

Ach, du kannst sprechen, sagte Tante Edeltraut, und ihre Stimme klang überraschend nach Rückzug. Dann sag doch einmal den anderen Kindern, wie du heißt? Sie dehnte genüßlich das Fragezeichen.

Jean-Paul Langanke.

Wie??, bitte?? Tante Edeltrauts Bataillone hatten sich im Hinterhalt neu formiert.

Jean-Paul Langanke.

Ah, Schangbol, sagte Tante Edeltraut. Schangbol! Sie sagte es wie ein verbotenes Wort, wie etwas, das, wenn man es zu lange im Mund behielt, Fäulnis verursachte. Und gleich würde sich Matthias Seibt, der durch geflissentliches Petzen davon abzulenken versuchte, daß er weder Schleifen binden noch Strumpfhosen anziehen konnte, melden und sagen, Tante Edeltraut hat ein schlechtes Wort gesagt.

Schangbol, Schangbol, Schangbol, Schangbol. Tante Edeltraut genoß den Schauder des Abscheulichen und klatschte vor Begeisterung in die Hände, und alle Kinder klatschten mit. Lauter und immer lauter. Bis auf Skarlet. Und bevor sie mit ansehen mußte, wie sich der fremde Junge, der ihr überhaupt nicht mehr fremd war, abwandte, weil ihm die Tränen kamen, erbarmte sich das Unterbewußtsein und erlöste sie von diesem Traum.

Die Träume von Tante Edeltraut waren die zweitschlimmsten aller Träume. Es gab kaum eine Nacht, in der sie nicht träumte, doch die meisten Träume verloren sich, sobald sie versuchte, sich daran zu erinnern, lösten sich auf wie ein Stück Würfelzucker im heißen Tee, und zurückblieb nur noch ein Geschmack, süß oder bitter, je nachdem. Doch es gab Ausnahmen. Eine davon war Tante Edeltraut. Tante Edeltraut lief auch noch nach dem Aufwachen deutlich sichtbar in ihren Gesundheitsschuhen durch Skarlets Gedanken. Der wippende Gang, die hochgesteckten Haare, der weiße, bis zum Hals zugeknöpfte Kittel ließen nicht den Hauch einer Verwechslung aufkommen. Guten Morgen, Kinder. Guten Morgen, Tante Edeltraut. Wenn Tante Edeltraut die Stimme hob, dann machten selbst die Kasperpuppen auf dem Spielzeugregal ernste Gesichter.

Aber vielleicht waren es auch ein Knall auf der Straße gewesen, das Pfeifen, die unzähligen kleinen Detonationen, die den Traum unterbrochen hatten und Skarlet im Bett hochschrecken ließen. Für einen Moment war sie irritiert, versuchte, die Geräusche im Traum unterzubringen, aber dann wurde ihr alles klar, viel zu

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