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Allein mit allen Gedankenbuch von Strauß, Botho (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.09.2014
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Allein mit allen

Botho Strauß ist einer der eigensinnigsten und deshalb prägendsten Schriftsteller der deutschen Literatur. Er hat sich dem Gängigen stets widersetzt und ist dabei der genaueste Beobachter unserer Gesellschaft geworden. Sebastian Kleinschmidt, langjähriger Leiter der Literaturzeitschrift 'Sinn und Form', hat ein überraschendes Buch zusammengestellt, das den Geist des Autors, die Art seines Denkens und Fühlens, seine Weltgestimmtheit, ja die Logik seines Herzens umfassend repräsentiert: Freiheit und Geschichte, Mann und Frau, die Menge, das Haus und die Stille. Und besonders die Zuwendung zu Natur und Landschaft eröffnet einen ganz anderen Weg zu einem Werk, das einzig dasteht in der Gegenwart Deutschlands. Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark. Bei Hanser erschienen neben einer vierbändigen Werkausgabe seiner Stücke zuletzt die Prosabände Mikado (2006), Die Unbeholfenen (Bewußtseinsnovelle, 2007), Vom Aufenthalt (2009), Sie/Er (Erzählungen, 2012), Der Aufstand gegen die sekundäre Welt (Aufsätze, 2012), Die Fabeln von der Begegnung (2013), Kongress (Die Kette der Demütigungen, 2013), Allein mit allen (Gedankenbuch, 2014), Herkunft (2014) und Oniritti Höhlenbilder (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 29.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446247925
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 3806 kBytes
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Allein mit allen

I Poetik der Reflexion:
Formen, Figuren, Gesten

Ich nehme an, daß die meisten Menschen ihr Leben nicht unter ein Thema stellen. Was ihnen zur Hauptsache wird, wechselt mit den Jahren, manchmal mit den Wochen. Sie sind, aufs Ganze gesehen, multithematisch.

Das ist die tiefere Verbindung, die dies lasterhafte Schreiben zu ihnen, zum Leben selbst unterhält, das ebenfalls nicht formlos ist, nur weil es weder geschlossene Geschichten noch ein Hauptthema kennt, sondern seine Formen und Figuren in bizarrer Streuung entwirft, wie Eisenspäne sich ordnen im Magnetfeld, und die Späne sind die Bilder und Bewandtnisse, Erinnerungen, Träume, Reflexionen, Idiosynkrasien und Sentimentalitäten!

O dies Alles auf einmal! Totum simul! O dies Drunterunddrüber! Es zu ordnen hieße eine lebendige Ordnung zerstören.

Einsichten sind nur dann eine Freude, wenn sie flüchtig sind, wenn bedeutungslos viele aufeinanderfolgen, eine Schnur von Reflexen im Fluß. Im Grunde unerklärlich, wie man so lange an immer denselben, an einigen besonderen festhalten konnte– als wäre der Verstand ein Verfestiger oder Fotograf und nicht selber das Wasser. Die Kaskade. Nie sollte es um Erkenntnis gehen, sondern stets nur um Schärfung des gedanklichen Gespürs, ja, man sollte den Verstand von seiner tierischen Wurzel: der Witterung ausstreben lassen. Das emsige Bezügeschaffen ist eine Nachahmung des Nestbaus und der ständigen Höhlenbesserung.

Gedanken sind Sternschnuppen, das Hirn nichts als ein Sternschnuppenfangkorb.

Die besten stürzen lautlos an unserer Lebenssphäre vorbei. Zufällig erblickt jemand am Himmel der Nacht, wie das lichte Gedachte vorbeischießt und erlischt.

Manche Werke und Bilder sind aber Brocken, die beständig unseren Planeten umkreisen.

Der Gedanke, der abschweift, abirrt, läßt den Sitz des Magneten, des geheimen Attraktors ahnen. Er bietet daher eine tiefere Orientierung als der, der stur die Linie hält.

Kommen und Gehen, Auf und Ab, Wiege und stetes Schwanken. Dieselben Dinge nähern sich, entfernen sich. Dieselben Dinge sind heute ein Geheimnis, morgen eine öde physische Gegebenheit. Das Erkennen schaukelt wie ein leerer Kahn auf den Uferwellen. Du kannst dich nicht dagegen wehren, dreimal in der Minute vom Nichts berührt und vom Leben zurückgerissen zu werden.

Mit der Schrift ziehen, wohin sie will, in ein fremdes, unbeschriebenes Land. Sie ist der Schatten, der uns vorausfällt.

Ich fülle nur die kleinen Lücken, die meine Lieblingsautoren in ihren Büchern ließen.

Was ich schreibe, hätten auch sie noch schreiben können. Dann und wann haben sie einen verspäteten, posthumen Einfall – dafür gibt es mich.

Jeder nennt es anders, Sudelhefte, Cahiers, Aufzeichnungen, Gedankenbuch. Bei mir ist es Die Streu, auf der ich schlafe, die ich schlafe.

Die einen sind intelligent und reden eine Welt herbei, die sich bereden läßt. Die anderen sind Künstler, machthungrig, potent, blindlings schaffend, radikal, als gäbe es nicht das Nichts. Daneben werden sich einige wenige zu den Schriftfortsetzern zählen, den emsigen Mönchen, die Geschriebenes mit intelligenten Fehlern kopieren, woraus sich möglicherweise, irgendwann, wie bei den Kopierfehlern in der Evolution, eine neue Gattung des Bemerkens entwickelt. So wie das wachsame Lesen bereits die Spezies "Randläufer" hervorbrachte, jenes schillernde Autor-Insekt, das links und rechts der Buchseiten auf dem Weißen krabbelt und dort, was es von den Texten verzehrt und verdaut hat, prompt in schriftlichen Absonderungen hinterläßt. Sein Organismus ist vor allem kommentatorischer Art, und er kann sich nur auf

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