text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Als die Hoffnung uns gehörte Die Korff-Saga von Wallner, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2019
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
18,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 01.02.2019 per Download lieferbar

Online verfügbar

Als die Hoffnung uns gehörte

New York, 1923: Gemeinsam mit seiner Verlobten Scarlett plant der junge Philipp Korff eine Europareise, um die kluge Amerikanerin seiner Familie vorzustellen. In Wirklichkeit hat die Reise einen dramatischen Grund: Scarlett ist schwer krank und hofft auf Rat bei europäischen Ärzten. Trotzdem genießt sie den Rausch von Big Apple – verbotene Flüsterkneipen, den neuen Jazz, die Broadway-Shows –, sie will dem Tod ein Schnippchen schlagen. In der alten Welt geht es nur scheinbar ruhiger zu. Katrin, langjährige Hausdame der Familie, ist inzwischen Maxim Korffs Geliebte. Sie ahnt jedoch nicht, welch dunkle Seiten der alte Patriarchat gerade auszuleben beginnt. In dieser ausufernden Zeit, die nicht erkennt, dass die Saat für den nächsten Weltkrieg bereits in ihr sprießt, kämpfen die jungen Liebenden um ihr Lebensglück, während Maxim dem Teufel, der Europa bald beherrschen soll, mit den Weg bereitet. Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- undOpernregisseur und inszenierte unter anderem in Düsseldorf, Frankfurt, Bochum, Wien, Hamburg und Lübeck. Wallner erhielt die Kainz-Medaille der Stadt Wien für die Regie von 'Krieg'. Seit 2000 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Bestseller 'April in Paris' wurde in über 20 Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 01.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492991643
    Verlag: Piper
    Serie: Die Korffs .2
Weiterlesen weniger lesen

Als die Hoffnung uns gehörte

1

Flüsterkneipe

Seit drei Jahren hatten Frauen in den USA das Wahlrecht, und was taten sie an diesem historischen Wendepunkt? Sie ließen sich von ihrem Friseur in kleine Jungs verwandeln. Sie kullerten mit den Augen und sahen niedlich unter ihrem Pony hervor. Scarlett Wilson war fest entschlossen, sich keinen Bubikopf schneiden zu lassen. Allerdings hatte sie heute Nacht eine winzige Konzession an die neueste Mode gemacht : Sie trug eine raffinierte Haube aus azurblauen Straußenfedern. Wie ein Helm aus blauen Träumen schloss er sich um ihren Kopf. Scarlett Wilson war die schöne, selbstbewusste, eigenwillige Tochter von Harry Wilson, dem New Yorker Geschäftspartner des Korff-Industriekonzerns. Scarlett hatte schweres blondes Haar, ein willensstarkes Kinn und leuchtende Augen, die von ihren Verehrern gern als veilchenfarben bezeichnet wurden.

Scarlett wollte feiern. Heute Nacht wollte sie um jeden Preis etwas erleben. Die Frage war, wie viel sie noch erleben würde. Denn nachts sah Scarlett die Dämonen an ihrem Bett sitzen; ruhig und geduldig warteten sie, bis sie sich ihnen endgültig ausliefern würde. Scarlett kannte den Dämon der Todesangst und jenen der Resignation. Aber der gefährlichste von allen war der draufgängerische Dämon der Verleugnung.

Angetrieben von der verzweifelten Hoffnung, dass alles nicht wahr sein sollte, stürzte sich Scarlett in das tosende Treiben von New York. Wer sich mit dieser Stadt verbündete, der genoss auch ihren Schutz. Man hatte in New York City einfach keine Zeit, um schwach und krank zu sein. Täglich gab es Neues zu entdecken. Ständig eröffneten neue Galerien und Theater, überall wurde himmelhochjauchzend gebaut. Manhattan war der gigantische Versuch, ein Babylon des 20. Jahrhunderts zu errichten. Neue Drinks kamen heraus, die Scarlett probieren musste, neue Tänze, die sie lernen wollte, neue Moden - neu, neu, neu, schrie es Tag für Tag von Yonkers bis zum Battery Park, von Washington Heights bis nach Brooklyn.

Die Nächte in den Tanzpalästen und Flüsterkneipen waren ungesund für Scarlett, aber einsperren ließ sie sich nicht. Hätte ihr Vater gewusst, wohin sie heute Nacht mit Philipp Korff ausgegangen war, dass sie trank und in wilden Verrenkungen über das Parkett sprang, ihr Daddy wäre sehr aufgebracht gewesen. Morgen würde Scarlett es büßen, da war sie sicher, morgen würde sie sich in einen erbärmlichen Schatten ihrer selbst verwandeln. Wen kümmerte das? An einem nicht mehr allzu fernen Morgen würde sie tot sein - ein Wort, ein Gedanke, der unmöglich gedacht werden konnte, denn er bedeutete das schwarze, unwiderrufliche Nichts.

Scarlett hob die Teetasse, um mit Philipp anzustoßen. Sie wollte leben, heute Nacht ging es um nichts anderes. Sie wollte niemals bereuen müssen, ihr bisschen Leben nicht genossen zu haben.

"Wer schreibt das?", fragte sie über den Tisch hinweg.

"Sigmund Freud schreibt das." Philipp Korff legte die New York Times beiseite und goss Scarlett aus der Teekanne nach.

Sie führte den Zeigefinger an die Lippe. "Ist das der Doktor, der gesagt hat : Hinter jeder starken Frau versteckt sich ein tyrannischer Vater? "

"Hat er das wirklich gesagt?" Philipp lächelte das korffsche Lächeln. Es wurde behauptet, dass er stark nach seinem Vater kam. Niemand konnte lächeln wie Maxim Korff. Seit dem vorigen Jahr, seit Sommer 1923, hatte Philipp Korff von Maxim die Geschäfte in Amerika übertragen bekommen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie war es für die Korffs leichter geworden, international zu expandieren. Österreich, dieses gigantische Kaiserreich, war zu einem Zwergstaat geschrumpft, einer bedeutungslosen Republik am Rande der Alpen.

"Wenn Freud recht hat", sagte Scarlett nachdenklich, "müsste ich eigentlich eine schwache Frau sein. Mein Daddy ist nämlich der sanftmütigste Vater, den man sich wünschen kann."

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen