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An der Ostbahn von Juresa, Birgit (eBook)

  • Erschienen: 02.08.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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An der Ostbahn

An-der-Ostbahn ist ein totes Nest: Eine Bundesstraße mitten durch eine Siedlung, lang gezogene Nebenstraßen, abgeschottete Eigenheime. Innerhalb der Häuser jedoch geht es beim Ehepaar Fichtel, dem untergetauchten Onkel Ludwig, der ehemaligen Hausdame Colette und dem konfliktscheuen Beamten von Schönhausen um nicht weniger als alles: um die obsessive Verteidigung und Kontrolle ihres einsamen unglücklichen Lebens. Am Ende ihrer jeweiligen Geschichten finden sich die Protagonisten weiter denn je von ihren eigentlichen Sehnsüchten, Wünschen und Träumen entfernt wieder. Von einem außergewöhnlichen Ereignis ins Château Golz getrieben, entwickelt sich dort ein abgründiger Sommernachtstraum.

Birgit Juresa, geboren 1963 in Nürnberg, lebt in Kirchentelllinsfurt bei Tübingen und hat u.a. in Niederösterreich und Wien gelebt. Sie ist Sport- und Gymnastiklehrerin und Industriekauffrau, hat Literarisches und Autobiographisches/Kreatives Schreiben studiert. Gesellschaftliche Themen stehen im Mittelpunkt ihres Schreibens. Veröffentlichungen in diversen Anthologien. "An der Ostbahn" ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Größe: 443kBytes
    Herausgeber: Books on Demand
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 276
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783935093699
    Erschienen: 02.08.2016
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An der Ostbahn

VERBOTENER ORT

Er hätte die Katastrophe, die jetzt hinten sitzt, verhindern müssen. Irgendwie.

Während er den alten Lincoln auf der Bundesstraße in Richtung Osten lenkt, ist es ihm unmöglich, den Blick vom Rückspiegel abzuwenden. Weg von diesem breitbeinig lümmelnden Blondschopf, dessen dreckiger Rucksack achtlos auf dem Rücksitz zwischen ihm und dem Chef liegt. Auf Manfreds Heiligtum: den beigefarbenen Nubukledersitzen. Aber es ist nicht allein die Empfindlichkeit der Sitze, oder dieser vielleicht gerade Volljährige. Es ist vor allem die Tatsache, dass der Chef nicht ahnen kann, wohin diese Fahrt nun führen wird. Nämlich ausgerechnet in den Ort, den er dem Chef um alles in der Welt ersparen muss. Erst recht heute. Manfred ballt die Fäuste um das Lenkrad, weiße Handschuhfäuste. Hätte er den dauergrinsenden Kerl hinten im Fond nicht doch verhindern können? Aber ist er für einen Chauffeur seiner Klasse nicht bereits viel zu weit gegangen?

Derweil schwärmt der Junge jetzt in den höchsten Tönen. In einem solchen Nobeloldtimer sei er ja noch nie gefahren und dass ihm noch dazu ein Chauffeur die Tür aufgehalten habe, das würde ihm ja sowieso keiner glauben, keiner, am allerwenigsten der eigene Vater. Ein Schauer läuft Manfred über den Rücken, allein wie frech der Blonde im Spiegel den Chef angrinst und ihn wohl für einen leger gekleideten erfolgreichen Unternehmer in den Vierzigern hält. Kein Wunder, bei dem wohlwollend gewährenden Lächeln des Chefs. Wie das eines Mannes, der sich seiner Position und Wirkung sehr bewusst ist.

Nichts hätte Manfred in letzter Zeit mehr beruhigt und beglückt, als den Chef so souverän zu sehen. Jetzt aber ist es ihm unerträglich, vor allem, weil nur er, Manfred, weiß, was sich der Chef mit dem Jungen eingehandelt hat.

Dabei hatte alles bei der Abfahrt noch so perfekt ausgesehen: Seine verschwiegen-elegante Lösung mit der weiträumigen Umfahrung über die Nebenstraßen der Nachbarorte, die dort draußen auf dem platten Land Ewigkeiten auseinanderliegen. Keine Gefahr, dass der Chef etwas von seiner Eigenmächtigkeit mitbekommen hätte. Die Route war allein sein Aufgabenbereich, die ihm der Chef blind überließ. Blinder denn jemals zuvor, wenn sie überhaupt noch einen Auswärtstermin hatten.

Obwohl es erst ein halbes Jahr her ist, kommt es Manfred viel länger vor, seit er zuletzt auf der Bundesstraße von der Stadt bis in jenen Ort hinaus gefahren ist, bei den großen Gesellschaften sogar mehrmals am Tag. Jetzt schnürt ihm der Anblick jeder der zunehmend weiter auseinandergezogenen Ortschaften den Hals enger zu.

Gottseidank hat sich der Chef ganz dem Jungen zugewandt. In großer Plauderlust gibt er unter glucksendem Lachen die Geschichte zum Besten, wie er damals durch eine Wette zu diesem Prachtstück von Wagen gekommen ist (es war darum gegangen, wer neben Tom Waites in Jarmuschs Coffee and Cigarettes noch mitgespielt hatte) und wie sie dann den Verlierer, einen gewissen Jacko, zuhause vor seiner Haustür abgesetzt hatten. Fast wehmütig wird Manfred beim Gedanken an seine erste Fahrt mit dem Lincoln, und wie ihn der Anblick der anderen Schmuckstücke in der Einfahrt des nun sehr schweigsamen Jacko beruhigt hatte, nachdem sie ihn verabschiedet hatten, um eine ausgiebige Spitztour über das Land zu machen.

Entgegen seiner Gewohnheit entschließt sich Manfred, den Lastwagen vor ihm nicht zu überholen, obwohl ihn das Dahinschleichen noch nervöser werden lässt. Die Kappe juckt ihn an der Stirn. Aber Manfred wäre nicht einer der stilvollsten Chauffeure, den die Fahrgäste damals dem Chef am liebsten abgeworben hätten, könnte er seine körperlichen Bedürfnisse nicht auch jetzt unterdrücken. Selbst wenn es ihm vorkommt, als hätte er Ameisen in den Händen und Füßen, die er kaum ruhig halten kann. Dagegen war die plötzliche Vernichtung seiner Zuversicht, er könne am Drehort im Osten einen gut aufgeräumten Chef abliefern, mit dem es bald

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