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Anatomie einer Absicht von Bilic, Ana (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.06.2016
  • Verlag: Hollitzer Wissenschaftsverlag
eBook (PDF)
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Anatomie einer Absicht

Eine Frau will nach über vierzehn Jahren des Zusammenlebens ihren Ehemann töten, so die klare und widerspruchsfreie Absicht. Es gibt dafür keinen konkreten Anlass oder triftigen Grund, vielmehr ist dieses Vorhaben ihre Konsequenz seiner verachtenswerten Logik von Beziehung. Mit wissenschaftlich kühlem Blick schildert die Ich-Erzählerin Gestalt, Lage und Struktur ihrer Absicht, seziert nüchtern den Verlauf ihrer Ehe, erfahrene Verletzungen, Manipulationen, Ignoranz. Es ist die über die Jahre unerträglich gewordene Sinnlosigkeit seines Lebens, die sie nun, da es aus ihrer Sicht jeglichen Wert eingebüßt hat, zur Vollendung bringen, zu einer Tatsache machen will, indem sie ihm giftige Pilze vorsetzt. Im Bewusstsein der Absurdität eines solchen Verhaltens bleibt ihr scheinbar keine andere Wahl. Würde nicht der Zufall letztlich des Lebens Orchester dirigieren ... Ana Bili?, geboren 1962 in Zagreb, arbeitet seit 20 Jahren als freiberufliche Prosa- und Theaterautorin in Wien. In ihrem künstlerischen Lebenslauf setzt sie sich nach einem abgeschlossenen Jura-Studium in Zagreb und Wien mit Themen in den Bereichen Belletristik, Poesie und Theater und in jüngster Zeit auch Film auseinander. Als zweisprachige Autorin verfasst sie Literaturwerke auch auf Kroatisch. U.a. erschien bei dem Verlag Hoffmann und Campe ihr Roman 'Das kleine Stück vom großen Himmel', 2008 gewann sie den exil-literaturpreis.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 148
    Erscheinungsdatum: 23.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990122952
    Verlag: Hollitzer Wissenschaftsverlag
    Größe: 2353 kBytes
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Anatomie einer Absicht

Ich beschloss meinen Mann umzubringen. Ja. Zu liquidieren. Von der Erdoberfläche zu entfernen. Auf eine vernünftige und durchdachte Art und Weise: Ich vergifte ihn mit Pilzen. Ja - ausgerechnet so: mit Pilzen. Nein, ich bin ihm nicht böse und es gibt keinen Grund, ihn zu töten. Aber trotzdem töte ich ihn.

Man sagt: Frauen töten kaltblütig, besonnen. - Das ist wahr. Jemanden mit Pilzen zu vergiften, sieht eigentlich nicht wie ein echter Mord aus - es gibt kein Blut, keinen Affekt und keine dramatischen Lügen. Keine großen Emotionen. Beim Vergiften mit Pilzen geht es um Sauberkeit, Disziplin und Ökonomie. Es sieht so aus, als hätte derjenige nur was Schlechtes gegessen und danach - Pech gehabt.

Ich bereite meinem Mann Schirmpilze zum Abendessen zu. Aber das werden natürlich keine Schirmpilze sein, sondern grüne Knollenblätterpilze, die giftigsten Pilze, die in der Umgebung wachsen. Ein Hobby-Pilzsammler kann sich leicht irren - diese zwei Pilzsorten sehen ähnlich aus. Und ich werde mich irren, ich bin eine Hobby-Pilzsammlerin. Und um meine Ahnungslosigkeit nachher bekräftigen zu können, friere ich noch ein Päckchen davon ein. Damit ich später, falls mich jemand fragen würde, antworten kann: "Och Gott, das darf doch nicht wahr sein! Ich habe geglaubt, dass sie essbar sind! Schauen Sie mal, ich habe sogar welche in den Tiefkühlschrank gelegt! ..." Ja, ich werde mich ganz normal verhalten, ganz natürlich, und arglos wie jede brave Hausfrau den Rest der Pilze einfrieren. Die frischen Pilze bereite ich für meinen Mann genau so zu, wie er sie mag - nur mit etwas Salz bestreut im Backofen gebraten. Er war immer begeistert von im Ofen gebratenen Schirmpilzen. Und ich? Ich werde an seinem letzten Mahl nicht teilnehmen. Ich werde Magenschmerzen haben, denn ich habe einen empfindlichen Magen. "Du sorgst dich zu viel um alles, darum tut dir der Magen so oft weh", sagt er mir immer.

Jedes Mal, wenn ich von einer Wanderung zurück bin, fragt er mich, ob ich ihm seine Pilze mitgebracht hätte. Sogar wenn er weiß, dass ich nur einen kleinen Spaziergang hier in Wien, in den Steinhofgründen, gemacht habe, fragt er mich nach Pilzen. Er macht sich nicht die Mühe, zu behalten, wohin ich gehe und was ich mache - meine Abwesenheit von zuhause verbindet er ausschließlich mit Pilzen. So wie ein Hund einen Denkreflex hat: "Abwesenheit von zuhause - Pilze". Und er ist von seinem "Pilzrausch" so besessen, dass er mich zu jeder Jahreszeit, egal ob es Frühling, Sommer oder Herbst ist, fragt, wo denn seine Pilze seien. Schirmpilze wachsen nur im Sommer, aber er ist in seiner Leidenschaft für diesen Umstand völlig blind.

Er wartet auf mich in unserer Wohnung im vierzehnten Bezirk und fragt mich schon an der Tür: "Hast du was gefunden?" Ich hüte, was mir auf der Zunge liegt - "Nein, aber du bekommst das, was du verdienst" - und sage nur: "Schau! Ich habe Schneeglöckchen gefunden. Unter dem Schnee ..." Er betrachtet die Schneeglöckchen kurz, ohne sie richtig wahrzunehmen, schüttelt den Kopf und murmelt: "Ach, Lidia ..."

Einmal fragte ich ihn, wie er sterben wolle. Er sagte, er wolle leicht und schnell sterben. Natürlich - jeder will leicht und schnell sterben. Jeder möchte gern den eigenen Tod bestellen: schmerzlos, schnell und einfach, bitte am 15. Oktober, denn da wird mein schlechter Tag sein, das habe ich im Horoskop gelesen. Ich möchte auch gern so sterben. Aber ausgerechnet das ist das Ungewisse beim Tod - die Art des Todes. Es bleibt uns nur zu hoffen, günstig zu sterben. Wünschen und hoffen. Und was ist Hoffnung? Hoffnung ist allein Zeichen dafür, dass wir uns mit dem Tod und mit der Reise ins Jenseits nicht abfanden. Hoffnung ist die Satisfaktion für ein verfehltes Leben.

Einmal sagte mein Mann, falls es ihm nicht bestimmt sei, schnell und schmerzfrei zu sterben, solle ich ihm da

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