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Andrea Delfin Eine venezianische Novelle von Heyse, Paul (eBook)

  • Verlag: Null Papier Verlag
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Andrea Delfin

Ein Meisterwerk des Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse in neu bearbeiteter Fassung. Andrea Delfin kommt nach Venedig. Mit sich führt er drei Dolche, jeder trägt die Inschrift: 'Tod allen Inquisitoren' eingraviert. Die Inquisitoren sind im alten Venedig die Vollzugsbeamten der Mächtigen, sie sind Ankläger, Richter und Vollstrecker in einem. Ihre Herrschaft ist berüchtigt. Andrea Delfin will den Tod der Schwester und des Bruders rächen. Der Text ist eine spannende Schilderung der Herrschaftsverhältnisse, unter denen Bespitzelung, Verrat aber auch blankes Denunziantentum und politische Ränke und Meuchelmorde an der Tagesordnung waren. Eine schreckliche Zeit, in der nur Adlige und der Klerus frei waren, alle anderen Menschen mussten damit rechnen jeden Augenblick unter behördlicher Willkür für ewig weggesperrt oder gelyncht zu werden; ein falscher Verdacht, eine getuschelte Bemerkung - ob wahr oder nicht - waren genug. 'Den Schafen aber ist es gleich, Herr Delfin, ob sie geschlachtet oder vom Wolf gefressen werden ...' Null Papier Verlag Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche 'den Namen geben' und ein 'Heysesches Zeitalter' dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 112
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783954189748
    Verlag: Null Papier Verlag
    Größe: 2319 kBytes
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Andrea Delfin

1

I n jener Gasse Venedigs, die den freundlichen Namen Bella Cortesia trägt, stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein einfaches, einstöckiges Bürgerhaus, über dessen niedrigem Portal, von zwei gewundenen hölzernen Säulen und barockem Gesims eingerahmt, ein Madonnenbild in der Nische thronte und ein ewiges Lämpchen bescheiden hinter rotem Glas hervorschimmerte. Trat man in den unteren Flur, so stand man am Fuße einer breiten, steilen Treppe, die ohne Windung zu den oberen Zimmern hinaufführte. Auch hier brannte Tag und Nacht eine Lampe, die an blanken Kettchen von der Decke herabhing, da in das Innere nur Tageslicht eindrang, wenn einmal die Haustür geöffnet wurde. Aber trotz dieser ewigen Dämmerung war die Treppe der Lieblingsaufenthalt von Frau Giovanna Danieli, der Besitzerin des Hauses, die seit dem Tode ihres Mannes mit ihrer einzigen Tochter Marietta das ererbte Häuschen bewohnte und einige überflüssige Zimmer an ruhige Leute vermietete. Sie behauptete, die Tränen, die sie um ihren lieben Mann geweint, hätten ihre Augen zu sehr geschwächt, um das Sonnenlicht noch zu vertragen. Die Nachbarn aber sagten ihr nach, dass sie nur darum von Morgen bis Abend auf dem oberen Treppenabsatz ihr Wesen treibe, um mit jedem, der aus- und einginge, anzubinden und ihn nicht vorüberzulassen, ehe er ihrer Neugier und Gesprächigkeit den Zoll entrichtet habe. Um die Zeit, wo wir sie kennen lernen, konnte dieser Grund sie schwerlich bewegen, den harten Sitz auf der Treppenstufe einem bequemen Sessel vorzuziehen. Es war im August des Jahres 1762. Schon seit einem halben Jahr standen die Zimmer, die sie vermietete, leer, und mit ihren Nachbarn verkehrte sie wenig. Dazu ging es schon auf die Nacht, und ein Besuch um diese Zeit war ganz ungewöhnlich. Dennoch saß die kleine Frau beharrlich auf ihrem Posten und sah nachdenklich in den leeren Flur hinab. Sie hatte ihr Kind zu Bett geschickt und ein paar Kürbisse neben sich gelegt, um sie noch vor Schlafengehen auszukernen. Aber allerlei Gedanken und Betrachtungen waren ihr dazwischen gekommen. Ihre Hände ruhten im Schoß, ihr Kopf lehnte am Geländer, es war nicht das erste Mal, dass sie in dieser Stellung eingeschlafen war.

Sie war auch heute nahe daran, als drei langsame, aber nachdrückliche Schläge an die Haustür sie plötzlich aufschreckten. "Misericordia!", 1 sagte die Frau, indem sie aufstand, aber unbewegliche stehen blieb, "was ist das? Hab' ich geträumt? Kann er es wirklich sein?"

Sie horchte. Die Schläge mit dem Klopfer wiederholten sich. "Nein", sagte sie, "Orso ist es nicht. Das klang anders. Auch die Sbirren 2 sind es nicht. Lass sehen, was der Himmel schickt." - Damit stieg sie schwerfällig hinunter und fragte durch die Tür, wer Einlass begehre.

Eine Stimme antwortete, es stehe ein Fremder draußen, der hier eine Wohnung suche. Das Haus sei ihm gut empfohlen; er hoffe, lange zu bleiben und die Wirtin wohl zufrieden zu stellen. Das alles wurde höflich und in gutem Venezianisch vorgetragen, so dass Frau Giovanna, trotz der späten Zeit, sich nicht bedachte, die Tür zu öffnen. Der Anblick ihres Gastes rechtfertigte ihr Vertrauen. Er trug, soviel sie in der Dämmerung sehen konnte, die anständige schwarze Kleidung des niederen Bürgerstandes, einen ledernen Mantelsack unter dem Arm, den Hut bescheiden in der Hand. Nur sein Gesicht befremdete die Frau. Es war nicht jung, nicht alt, der Bart noch dunkelbraun, die Stirn faltenlos, die Augen feurig, dagegen der Ausdruck des Mundes und die Art zu sprechen müde und überlebt, und das kurz geschorene Haar in seltsamem Gegensatz zu den noch jugendlichen Zügen völlig ergraut.

"Gute Frau", sagte er, "ich habe Euch schon im Schlafe gestört, und sogar vielleicht vergebens. Denn, um es gleich zu sagen, wenn Ihr kein Zimmer habt, das auf einen Kanal hinausgeht, bin ich nicht Euer Mieter. Ich komme von Brescia, mein Arzt hat mir die feuchte Luft Venedigs empfohlen für meine

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