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Anna von Rosen, Franz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.10.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Anna

Anna Steinhofer wird so früh ein Waisenkind, dass sie sich an ihre Eltern nicht mehr erinnern kann. Anna kommt bei Verwandten unter. Doch schließlich wird das freundliche und kluge Mädchen von der Grafenfamilie auf der Westernburg als Pflegekind aufgenommen und wie eine eigene Tochter geliebt. Anna soll mit Griseldis, dem etwa gleichaltrigen Grafenkind, gemeinsam aufwachsen. Doch Griseldis betrachtet das Waisenkind als Eindringling und macht Anna das Leben schwer, wo sie nur kann ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 114
    Erscheinungsdatum: 20.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741292378
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 649kBytes
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Anna

Kapitel 1

Wenn man auf der gemauerten Terrasse der Westernburg steht, sieht man über den waldigen, sanft abfallenden Hang hinunter auf die roten Ziegeldächer und die grün schillernden Kirchtürme der kleinen Stadt. Die Stadt liegt in dem schmalen, wiesenreichen Talgrunde, und durch das Tal rollt die muntere Lahn ihre glitzernden Wellen. Man kann ihrem eiligen Lauf nur auf eine kurze Strecke mit den Augen folgen, denn sie windet sich in unendlichen Krümmungen durch die niedrigen Höhen der hessischen Waldberge. - Vor der Stadt, da wo die alten Tortürme noch stehen geblieben sind, schwingt sich eine steinerne Fahrbrücke über den Fluss. Die Straße, die, aus der Stadt kommend, hinüberführt, teilt sich drüben in zwei Wege. Der eine führt in den Wiesen entlang, stromabwärts. Der andere geht geradeaus und verliert sich ansteigend im Walde. Da drüben ist der Wald am dichtesten, hier und da von kahlen Felsnasen durchbrochen, und die gewölbten Kuppen am höchsten. Auf der vordersten erhebt sich das alte, feste Schloss Runkelstein. Es gehört einem fürstlichen Geschlecht und blickt mit hoheitsvoller Miene auf das Tal und die Stadt und die bescheidenere Westernburg hernieder.

Es ist Sommer. Der Himmel ist blau, die Wellen der Lahn funkeln und blitzen im Sonnenlicht. Es duftet nach Heu und Kiefernadeln, auf denen die Sonne brütet. Aus dem Tal herauf klingt das Lachen und Singen der Mäher, das Wetzen der Sensen, das Knallen der Peitschen, mit denen die Pferde vor dem hochbeladenen Heuwagen angetrieben werden - gerade so, wie es heute - hundert Jahre später - auch noch klingt.

Auf der Terrasse der Westernburg steht eine Linde; sie ist mit zahllosen Blüten besät, und das Volk der Bienen summt in den duftenden Zweigen. Unter der Linde steht ein Tisch, der mit einem weißen Tuch von schimmerndem Gespinst bedeckt ist. Darauf steht eine Schale mit Waldbeeren, ein Krug mit Wein, Gläser und Teller.

Um den Tisch sitzen auf bequemen, rohrgeflochtenen Sesseln fünf Menschen.

Der Älteste und Würdigste unter ihnen ist der Herr des Hauses, der Graf Reinhard Westernburg. Er hat einen grauen Vollbart, ein edles, energisches, freundliches Gesicht mit hellblickenden, blauen Augen. Seine Kleidung ist eine leichte Jägerjoppe, eine stramm sitzende Lederhose und große bequeme Stiefel. Er ist seit zehn Jahren Witwer. Die Stelle der Hausfrau vertritt, seit sie vor fünf Wintern in den Kreis der Erwachsenen eintrat, seine einzige Tochter.

Griseldis sitzt neben ihm und arbeitet an einer feinen Stickerei - ein Stück Seide, das straff über einen Rahmen gespannt ist und das sie mit Blumen aus Goldfäden verziert. Sie ist sehr reich und kostbar gekleidet und hat eine selbstbewusste, befehlende Haltung; gemessene Bewegungen, weiße, zarte Hände, ein wohlgebildetes, sehr fest gezeichnetes Gesicht und kühle, klare, aber auffallend seelenlose Augen. Sie ist geboren um zu herrschen, zu repräsentieren, besonnen zu denken und rücksichtslos zu handeln. Sie steht dem großen Hauswesen mit Geschick und Umsicht vor, sie ist im ganzen Lande bekannt für ihre Schönheit, ihren Geist, ihre schönen Kleider und ihre reiche Mitgift. Sie verbreitet sehr viel Glanz und blendendes Licht. Aber ein Licht, das keine Wärme hat.

Der Jüngling im bunten Waffenrock ist ihr einziger Bruder, nur weniges älter denn sie. Er ist Fähnrich in einem hessischen Dragonerregiment und für ein paar Urlaubstage hier. Ein ritterlicher Knabe mit treuem, redlichem Sinn und einem einfachen, ehrlichen Herzen. Welt und Leben stehen ihm offen, und der Himmel hängt ihm voller Geigen. Er lebt sorgenlos in den Tag hinein, fragt und denkt nicht viel, und kennt das Dasein nur von der sonnigen Seite. Er wird seine Jugend genießen in der bevorzugten Stellung, die seine Geburt ihm sichert, und einst das väterliche Erbe antreten und ebenso frei und ungestört dort walten, wie bis heut' und hoff

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