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Arztroman von Magnusson, Kristof (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.08.2014
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
eBook (ePUB)
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Arztroman

Anita Cornelius ist Notärztin an einem großen Berliner Krankenhaus und liebt ihren Beruf. Sich auf unerwartete Situationen einzustellen, entspricht ihrem Temperament. Auch wenn es bei ihren Einsätzen nicht immer so aufregend zugeht, wie man sich das vorstellt. Anita ist das recht. Sie kann helfen. Und ab und zu sogar jemandem etwas Gutes tun. Adrian, ihr Exmann, ist Arzt am selben Krankenhaus. Sie haben sich erst vor kurzem in bestem Einvernehmen getrennt, und Lukas, ihr vierzehnjähriger Sohn, lebt bei seinem Vater und dessen neuer Freundin Heidi. Hätte Anita Adrian nicht zufällig bewusstlos auf der Krankenhaustoilette gefunden, zugedröhnt mit einem Narkosemittel, und hätte Heidi nicht dauernd diese flotten Sprüche losgelassen, dass jeder seines Glückes Schmied ist, dass Arme und Kranke oft genug selbst an ihrem Zustand schuld sind, dann könnte sich Anita weiter vormachen: alles ist in bester Ordnung. Ist es aber nicht. Weder privat noch beruflich. Kristof Magnusson erzählt mit großer Kenntnis aus dem Alltag einer Notärztin und gleichzeitig aus dem Alltag ihrer Patienten. Vor allem aber erzählt er witzig und unterhaltend aus dem Leben einer Frau Anfang vierzig, die mehr will als Routine und 'schöner Wohnen'. Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er lebt als Autor und Übersetzer aus dem Isländischen in Berlin. Sein Debütroman 'Zuhause' (2005) wurde mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet, sein Roman 'Das war ich nicht' war ein Bestseller. Die Verfilmung seiner Komödie 'Männerhort' (mit Christoph Maria Herbst, Detlev Buck und Elyas M'Barek) kam im Oktober 2014 in die Kinos. Im Wintersemester 2015/16 wird der Autor die Poetikdozentur der Hochschule RheinMain in Wiesbaden übernehmen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 20.08.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783888979835
    Verlag: Verlag Antje Kunstmann
    Größe: 548 kBytes
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Arztroman

ZEIT

DER WETTERBERICHT nach den Spätnachrichten kündigte einen weiteren heißen Tag in einer Reihe von heißen Tagen an, die Anita Cornelius bereits jetzt wie unendlich erschienen. Seit Wochen konnte sie kaum einschlafen vor Hitze, auch jetzt hatte sie es wieder versucht, dann jedoch lieber den Fernseher eingeschaltet, die Nachrichten gesehen und dabei die letzten Salzcracker gegessen, die der Kollege von der Tagesschicht übrig gelassen hatte.

Es war eine ziemlich normale Nacht am Notarzt-Stützpunkt des Krankenhauses am Urban in Berlin-Kreuzberg. Anita und ihr Assistent Maik hatten bisher drei Alarme gehabt, einmal Brustschmerzen, einmal Blutzucker und einen akuten Bauch, alle bei alten Menschen. So war es eigentlich immer, selbst in dieser Gegend der Stadt, aus der das Fernsehen gern von Messerstechereien und Drogenkriminalität berichtete. Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten , das hatte Anita bereits im Studium gelernt, und Altwerden war eben häufig in diesem Land.

Anita stand auf, um sich aus dem Automaten am Eingang der Rettungsstelle einen Snack zu ziehen. Nachdem sie eine Münze eingeworfen und gewählt hatte, warf sie einen Blick auf das Fach mit den Mars-Riegeln und beobachtete die Metallspirale, die das Mars an das Ende des Regals schob, bis der Riegel in Schieflage geriet, mit der Oberseite nach vorne fiel und gegen die Spirale stieß, die in diesem Moment aufhörte sich zu drehen. Anita sah auf ihren Schokoriegel, zwischen Spirale und Regal über dem Abgrund verkeilt. Super Vertrauensbeweis für ein Krankenhaus, wenn nicht einmal der Snack-Automat funktioniert, dachte Anita und hätte es wohl für ein schlechtes Omen gehalten, wenn sie an solche Dinge glauben würde, doch das tat sie nicht.

Anita dachte an ihren Sohn. Wie oft hatte sie mit Lukas hier gestanden und gehofft, der Automat würde nicht ihr letztes Kleingeld fressen und den gewünschten Riegel dann doch behalten? Als Lukas klein gewesen war, hatte er dem Automaten sogar gut zugeredet, um seine Chancen zu erhöhen. Inzwischen, mit vierzehn Jahren, tat er das natürlich nicht mehr, er kam sie ohnehin nur noch selten auf der Arbeit besuchen, obwohl er jetzt noch näher an der Klinik wohnte als Anita selbst, kaum einhundert Meter entfernt, bei Anitas Ex-Mann und dessen neuer Freundin.

Anita schlug gegen den Automaten. Sie wusste, dass das nichts brachte, tat es aber trotzdem. Sie konnte es doch nicht einfach hinnehmen, dass der Automat ihren Snack nicht hergab, rüttelte an ihm, immer heftiger, da hörte sie ein schrilles Kreischen aus ihrer Hosentasche. Der Funkmeldeempfänger. Sie sah auf die Leuchtanzeige: Alarm: 1600: RTW 1505: NEF E: 46 VU Skalitzer Straße 72 0:32 . Anita schaltete ihn aus und eilte zurück, zog ihre orangefarbene Funktionsjacke an und fuhr sich durch die Haare, bis sie einigermaßen locker auf den Rücken mit der Aufschrift Notärztin fielen. Maik kam aus seinem Zimmer, war auch schon komplett angezogen und tastete seine Frisur nach eventuellen Deformationen durch das Kopfkissen ab, auf dem er vor einer Minute noch gelegen hatte. So schritten sie, beide ihre Haare richtend, auf die Auffahrt der Rettungsstelle, so sagte Maik es zumindest immer: Ein Berliner Feuerwehrmann rennt nicht zum Einsatz, er geht auch nicht, er schreitet .

Sie stiegen in ihr Notarzt-Einsatzfahrzeug und fuhren vom Klinikgelände. Als das NEF auf dem Carl-Herz-Ufer beschleunigte, klapperte ihre Ausrüstung immer lauter in den säuberlich beschrifteten Schubladen. Anita sah in die schwarzen Erdgeschossfenster, in denen es blau aufflackerte, während sie vorbeifuhren, still und schnell. Die Leitstelle hatte inzwischen die Einsatzdaten auf ihr Navi übertragen, ein Verkehrsunfall war also ihr nächster

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