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Ashland & Vine Roman von Burnside, John (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.09.2017
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Ashland & Vine

John Burnsides großer Roman über Amerikas verdrängte Traumata Mit dem Mord an ihrem Vater, Rechtsanwalt und Gegner der Rassentrennung, endet jäh die behütete Kindheit der jungen Jean und ihres Bruders Jeremy. In der Lebensgeschichte der beiden Geschwister spiegeln sich die politischen Entwicklungen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Amerika tief gespalten haben: von der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära über die erstarkende Bürgerrechtsbewegung zur Black Panther Party, Vietnam und dem Kalten Krieg. Als der Traum von einer gerechten Welt in immer weitere Ferne rückt, zieht sich Jean in die Einsamkeit zurück. Bis eines Tages eine junge, alkoholkranke Frau vor ihrer Tür steht und ihre Hilfe braucht. In seinem neuen Roman erzählt John Burnside die Geschichte einer Familie aus den amerikanischen Südstaaten: berührend und poetisch eindringlich. John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus und im Penguin Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 25.09.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641212643
    Verlag: Knaus
    Originaltitel: Ashland & Vine
    Größe: 2322 kBytes
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Ashland & Vine

Backe Kuchen, hacke Holz

D er Tag, an dem ich Jean Culver kennenlernte, war auch der Tag, an dem ich mit dem Trinken aufhörte.

Lange wollte ich mir einreden, dass dies eher Zufall war. Sicher, Jean Culver hatte das Experiment vorgeschlagen, aber fast beiläufig und ohne Nachdruck. Ich konnte tun, was ich wollte, so viel war stets klar. Sie verurteilte mich nicht, erwartete nicht, dass ich für immer aufhörte, verlangte auch nicht, dass ich mich einer Selbsthilfegruppe anschloss. Ich sollte einfach nur für eine Weile nüchtern bleiben, zeigen, dass ich es konnte. So hat sie mich zu Anfang getäuscht. Sie ließ mich glauben, dass ich längst aufhören wollte. Und wenn nicht wollte, dann doch sollte. Ehrlich gesagt, ich brauchte eine Pause. Ich brauchte etwas Abstand zu Laurits, musste zurück zu etwas, das nicht so klar definiert, auf jeden Fall aber geheim war und die Kraft zur Veränderung besaß, wie jene Orte, an die man sich in alten Popsongs zurückzieht. Vor allem aber musste ich damit aufhören, das Ende eines jeden Tages in so beliebigem wie flüchtigem Vergessen auszulöschen, musste lernen, mit dem zu leben, was mich erwartete - den Erinnerungen, den Zweifeln, den Wiederholungen derselben alten Fragen. Ich musste aus der schieren Eintönigkeit meines immer gleichen Alltags ausbrechen: sich betrinken, nüchtern werden, paranoid werden, sich wieder betrinken. Vielleicht war das längst schlimmer als alles andere. Dieser Überdruss am eigenen Ich. Nicht der Überdruss an mir, nein, sondern ein Überdruss an der eigenen Persönlichkeit als willkürlicher Last, mir auferlegt dank des wunderlichen Einfalls eines übelwollenden Besuchers aus einem uralten Märchen. Oder aus einer Sage, etwa aus den Wäldern Estlands, wohin, wie Laurits stets behauptete, er eigentlich gehöre.

Wie auch immer, an jenem ersten Morgen habe ich nichts dergleichen gedacht. Eigentlich habe ich überhaupt nichts gedacht und nur das Übliche getan. Als ich das Tor zu ihrem Garten öffnete, ahnte ich nicht mal, dass es Jean Culver gab, und nichts wäre mir lieber gewesen, als nach Hause zu gehen, mich in mein schmales, kreideweißes Schlafzimmer zu legen und auf ein Wunder zu warten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits drei Stunden gearbeitet, falls man denn Arbeit nennen will, was ich tat, mich durch die Hitze zu schleppen mit immer denselben elf Fragen für jeden, der an die Tür kam und bereit war, mir einige Minuten seiner Zeit zu opfern. Meist blieben die Türen geschlossen und die Fragen unbeantwortet, was aber nicht weiter ungewöhnlich war, auch nicht in einer eher freundlichen, gutbürgerlichen Gegend wie dieser. Dennoch, nachdem ich meinen Brummschädel über ein Dutzend Auffahrten zu Häusern geschleppt hatte, die leer waren oder doch so aussahen, war ich kurz davor aufzugeben und mir den Rest des Tages freizunehmen. Ich weiß nicht, was mich veranlasste, es ein letztes Mal zu versuchen, ehe ich zu dem zurückkehrte, was als mein Zuhause durchging. Vielleicht dachte ich daran, was Laurits sagen würde, wenn ich wieder einmal, wie so oft, mit leeren Händen zurückkäme; vielleicht war es auch schlicht Neugier: Jean Culvers Haus stand schließlich nicht einmal auf meiner Liste, was seltsam war, da Laurits es mit diesen Dingen sonst sehr genau nahm.

Laurits: Er war der Grund, warum ich mich hier draußen aufhielt; glühend, verschwitzt, verkatert, mit einer Zunge wie Schleifpapier und Krämpfen in den Beinen. Laurits - nichts weiter, kein Vorname, nur Laurits, was, wie er behauptete, Estnisch sei. Mein Freund, mein Mitbewohner und angeblich auch mein Mitarbeiter - nur, wie er dieses Projekt für eine Gemeinschaftsarbeit halten konnte, blieb mir schleierhaft, da ich die Einzige war, die durch die Hitze stolperte, der Türen vor der Nase geschlossen wurden, Zielscheibe für Spott und Mitleid oder auch beides. Ich wusste nicht, was ich tat, oder warum ich es tat, denn als ich ihn bat, es mir zu erklären, antwortete er, ich br

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