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Auf dem Rücken des Tigers von Berthold, Will (eBook)

  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Auf dem Rücken des Tigers

Zwei Brüder, so unterschiedlich wie man es sich nur vorstellen kann: Erik, hat die Firmenleitung des väterlichen Konzerns Schindewolff inne, Christian berichtet als Publizist über weltweite Geschehnisse. Beide stammen sie aus einer Generation, die durch Gleichgültigkeit und politische Verdrängung geprägt ist, und beide leben diese Form des Versagens auf ihre Art. Während Christian sich über den Verlust seiner geliebten Laura und die Schatten des Krieges in den Alkoholismus stürzt, zerbrechen Eriks Selbstwertgefühl und seine Manneskraft fast an der dominanten Aglaia. Allein die junge, aufgeweckte Studentin Jutta kann ihm aus seiner persönlichen Misere heraushelfen. Und an dem Tag, an dem der Konflikt offen ausbricht, sind die Brüder, trotz aller Gaben und Güter, die ihnen zur Verfügung stehen, ohnmächtig und hilflos zugleich. Ein Roman über zwei Einzelschicksale, die stellvertretend stehen für eine ganze Generation, nicht nur in der Bundesrepublik. Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 293
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711726914
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 618 kBytes
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Auf dem Rücken des Tigers

Ich war meistens unterwegs zwischen den Kontinenten, und Wolfgang machte Überstunden, ein Besessener, verfolgt von Hunderten abgesägter Gliedmaßen, von Kunstfehlern, von der Verschrottung des Menschen durch den Krieg, an dem er nicht mehr Anteil gehabt hatte als ich. Sein medizinischer Wiedergutmachungskomplex entsprach dem Wahn, ein Arzt könne mehr sein als eine Verlängerungsschnur des Lebens.

Ich lachte ihn aus.

Er wurde zornig.

Davon abgesehen hingen wir so aneinander, daß für Dritte kein Platz war.

Ich war vorübergehend nach Deutschland zurückgekehrt, um eine Reportage über das Wirtschaftswunder zu schreiben, wofür der Schindewolff-Konzern ein Musterbeispiel war.

Nach einem kurzen Besuch in Frankfurt hatte ich meine Heimatstadt aufgesucht. Ich wollte mich hier ein paar Wochen umsehen, aber es wurden Monate, denn so lange brauchte ich, um Aglaia zu verführen.

Ich war bei den frivolen Schwedinnen ausgekommen und den zärtlichen Französinnen; ich hatte mich von Amerikanerinnen nicht über Gebühr strapazieren lassen und war sogar den Fallstricken einer brasilianischen Mulattin entwischt - um ausgerechnet bei Aglaia hängenzubleiben.

Aglaia war Bamberg, und ich fing Feuer für die eigene Heimatstadt. Es schien mir die gleiche Albernheit zu sein, wie sich in die eigene Frau zu verlieben. Dieser Vergleich war ein Rest Frivolität - schon auf der Flucht. Des Musiklehrers Töchterlein begann mich umzukrempeln wie eine Dekorateurin die Auslagen bei Saisonwechsel.

Manchmal betrachtete ich mich wie einen Fremden, als ich daranging, meine Persönlichkeit, aufgeteilt in kleine Portionen, einer kessen und intelligenten Kleinbürgerin zu schenken.

Doch dann kam die Nacht, und diese machte uns zu Exoten, zu Vorzugsschülern der Liebe, zu Sklaven des Betts. Zu zwei jungen Menschen, die sich das Mark aus dem Rücken hurten, mindestens zweimal in einer Nacht das Bettuch wechseln mußten, erschöpft einschliefen, um am Frühstückstisch den Kaffee kalt werden zu lassen, weil sie die Sehnsucht aufeinander schon wieder ergriffen hatte.

"Liebst du mich?" fragte Aglaia.

"Fraglos ...", erwiderte ich.

"Wie lange hält das bei dir an?" fragte sie weiter.

"Was weiß ich?" antwortete ich. "Es ist mir neu." Das stimmte, und deshalb wurde ich verlegen und flüchtete in den Spott. "Vielleicht ewig."

"Die Hälfte würde mir genügen", versetzte Aglaia.

Sie war eine übereifrige Studentin gewesen, die, bevor wir uns kennengelernt hatten, beinah täglich mit dem ersten Arbeiterzug in die benachbarte Universitätsstadt gefahren war. Aber die Germanistik ruhte zu meinen Gunsten eine Weile.

Und mir erging es mit ihr nicht anders.

Es klingelte zweimal lange.

Der Briefträger. Wieder brachte er mir ein Sortiment Mahnungen: aus New York, aus Paris, aus Mailand. Ich war im Kommen. Ich brannte vor Ehrgeiz, aber Aglaia ließ ihn auf Sparflamme kochen.

Jedenfalls, es klingelte, und wir kannten den Telegrammboten schon mit dem Vornamen.

"Zieh dich an, geiler Fetzen", sagte ich, "der arme Hund baut sonst auf seinem Fahrrad noch einen Verkehrsunfall."

Aglaia kam mit zwei Eilbriefen zurück.

Ich legte sie ungeöffnet zu den anderen.

"Was einem gefällt, will man besitzen, nicht?" sagte sie unvermittelt.

"Was du ererbt von deinen Vätern hast", wurde ich klassisch, "erwirb es, um es zu besitzen."

"Mich hast du nicht von deinen Vätern ererbt", versetzte Aglaia ernsthaft, "aber vielleicht solltest du etwas tun, um den Besitz zu - zu erhalten."

Es war eine hübsche Formulierung einer häßlichen Aufforderung: Ich sollte Aglaia heiraten.

Alles, bloß das nicht - oder erst viel später, denn ich wollte, daß die Telegrammjungen auch weiterhin verhuschte Augen hätten, wenn sie bei uns läuteten. Bei dem Raubbau, den wir trieben, konnte die Goldmine auch nicht ewig halten.

"Ich muß nach Frankfurt", sagte ich.

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