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Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs von Kohout, Pavel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.08.2015
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs

'Dieses Buch ist zur Information all jener bestimmt, die versuchen, den ziemlich komplizierten Lebensweg unserer Generation zu begreifen. Es ist eine Geschichte, deren dramatischer Bogen mit den sowjetischen Panzern in den Prager Straßen 1945 beginnt, als sie die Tschechoslowakei befreiten, und 1968 endet, als sie sie okkupierten. Ich habe den ?Memoiroman? absichtlich in drei Ebenen aufgeteilt. Ein Teil davon ist die Geschichte des politischen Prager Frühlings 1968; darin spiele ich mich selbst. In den beiden anderen tritt ein Mensch als ein Bürger und als ein Tourist auf, der mir nur zu ähnlich ist. Ich versuchte, die Lage seines Denkens in verschiedenen Zeitschichten der Vergangenheit und Gegenwart möglichst authentisch aufzuzeichnen.' (Pavel Kohout) Biografische Anmerkung Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, zählt zu den international bekanntesten Schriftstellern und Dramatikern. Als einer der Wortführer des 'Prager Frühlings' von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über 20 Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der 'Charta 77', daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören 'Die Henkerin' (1978), 'Wo der Hund begraben liegt' (1987) und 'Sternstunde der Mörder' (1995). 2010 erschien seine Autobiografie 'Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel'. Pavel Kohout lebt heute wieder in Prag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 296
    Erscheinungsdatum: 28.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711461358
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1371 kBytes
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Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs

21.Januar 1968
(aus dem Tagebuch des Schriftstellers PK)

Praha

Draußen vor den Fenstern leuchtet in der Wintersonne die Burg, durch das Matthias-Tor strömt der sonntägliche Korso, es ist eine Sünde, zu Hause zu sitzen, ich habe Hunger wie ein Wolf, aber ich kann mich nicht von meiner Lektüre losreißen.

Zweitausend hektographierte Seiten: das Protokoll der Dezember- und Januartagung des ZK der KPC, das ich noch heute zurückgeben muß.

Ich weiß überhaupt nicht, was ich davon denken soll! Es ist unendlich weniger, als nötig war. Aber es ist unendlich mehr, als man von ihnen erwarten konnte.

Waren sie sich überhaupt bewußt, was sie tun? Oder halte ich sie einmal mehr zu etwas fähig, das ihnen überhaupt nicht in den Sinn kam?

Wenn man so liest, einen nach dem andern, und sieht, wie sie nahezu alle von der unerwarteten Situation nach Jahren gezwungen wurden, den tatsächlichen Zustand ihres Geistes zu offenbaren, wird man sich erst in vollem Umfang der katastrophalen Folgen des stalinistischen Parteimodells bewußt.

Nicht wenige von ihnen könnten in diesem Land, wo Sechzehnjährige einen Automotor reparieren und Putzfrauen die Entwicklung im Nahen Osten analysieren, unter normalen Umständen nicht einmal eine Straßenbahn führen.

Der Rest hat in rührendem Einvernehmen mit den andern noch vor vier Monaten, als Vergeltung für den Schriftstellerkongreß, die "Literární noviny" liquidiert und drei aufrichtige, hochgebildete Kommunisten aus der Partei ausgeschlossen.

Mit ihnen, oder besser durch sie - altverdienten Apparatleuten, aber auch unverfälschten Universitätsprofessoren -, hat für volle zwölf Jahre ein Mann regiert, den eine geradezu außerordentliche Durchschnittlichkeit sämtlicher Maßstäbe kennzeichnet, mit denen sich das Phänomen des Menschen auflösen läßt. Alljährlich, nach dem Abschluß des Umzugs am Ersten Mai, hielt er ein Extempore, das der Rundfunk in die entferntesten Weiler übertrug; diese gehören zum goldenen Grundstock aller Tonbandsammler.

Ich selbst habe mir oft zur Ergötzung des Geistes die Euphorie, mit der von der Tribüne her den Massen die berühmte Botschaft zuteil wurde, vorgespielt: - Es wird Fleisch geben, Genossinnen, Fleisch wird es geben!

Ich stöbere meine Papiere durch, um die Notizen über seine Begegnung mit tschechischen und slowakischen Schriftstellern im ZK-Gebäude am 24. 1. 1963 zu finden. Hier sind einige der staatsmännischen Gedanken, die heute fast auf den Tag genau fünf Jahre alt werden!

"Die 'Literární noviny' mischten sich in Bereiche ein, für die ihnen die fachliche Qualifikation fehlt - so in die Ökonomie oder die Politik -, anstatt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Ideologie des Verfalls in der Kunst zu spielen, wie die Partei sie von ihnen erwartete, als sie sie bewilligte."

Seine eigene fachliche Qualifikation als Partei- und Staatschef stellt er sogleich mit weiteren Aussprüchen unter Beweis:

"Wir waren imstande, das Plansoll für das Jahr 1962 zu erfüllen und den Start ins Jahr 1970 zu vollziehen, aber da kam uns der Winter dazwischen."

"Wir haben uns entschlossen, den Zuwachs der Landwirtschaftsproduktion für das laufende Jahr kühn um 6 % zu erhöhen - auch wenn wir das nicht erfüllen sollten!"

"Wir hatten eine Metzgerei für 800 Konsumenten geplant, nur sind es jetzt deren 3500, die stehen Schlange, und dann sieht das aus, als gäbe es kein Fleisch!"

Für jeden, der weiß, daß die Minister vor jeder Entscheidung den zuständigen ZK-Referenten im Sekretariat konsultieren müssen, daß jede Personalveränderung von Novotný höchstpersönlich durchgeführt wird und daß es keinen Bereich gibt, in den sein durchdringender Geist nicht eingreift, klingt der Stoßseufzer geradezu sensationell:

"Ihr könntet sagen: warum habt ihr die unrichtige Dezentralisierung zugelassen, den Verfall der Dienstleistungen, das sinkende Leistungsniveau, warum habt ihr zugelassen

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