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Aus Franzensbad Das Gemeindekind von Ebner-Eschenbach, Marie von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.04.2014
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Aus Franzensbad Das Gemeindekind

Das vielfältige Werk der Marie von Ebner-Eschenbach mit seiner feinen Psychologie und seiner klar formulierten Gesellschaftskritik verdient eine aktuelle Lesart. Gerade die Geschichte von Pavel, dem 'Gemeindekind', der von der Gemeinschaft ausgestoßen wird, dem aber gegen alle Widerstände ein sozialer Aufstieg gelingt, ist von bestürzender Modernität. Auch das unkonventionelle Debüt der Autorin - die 1858 anonym erschienene Briefnovelle 'Aus Franzensbad' - demontiert erfrischend scharf und voller Sprachwitz den damaligen Zeitgeist. Beide Werke zeigen ihren wachen Blick für die brennenden Fragen der Zeit und ihre kritische Haltung zu den Konventionen ihres eigenen Standes. Evelyn Polt-Heinzl geboren 1960, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie. Daniela Strigl geboren 1964 in Wien, Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte, Theaterwissenschaft. Essayistin, Literaturkritikerin, Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien. Zuletzt erschienen: 'Wahrscheinlich bin ich verrückt ... Marlen Haushofer - die Biographie' (2009). Ulrike Tanzer geboren 1967 in Steyr, Studium der Germanistik und Anglistik. Professorin für Neuere Deutsche Literatur, Universität Salzburg. Forschungsschwerpunkte: Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Briefedition, Literaturdidaktik. Zuletzt erschienen: 'Walter Kappacher - Person und Werk' (Mithg., 2013).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 351
    Erscheinungsdatum: 22.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701744596
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 1262 kBytes
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Aus Franzensbad Das Gemeindekind

"Nach Franzensbad also, mein lieber Doktor?"

"Nach Franzensbad, meine Gnädigste."

"Es ist zum Verzweifeln. Nach Franzensbad! Ein Ort ohne Gegend ..."

"Bitte ..."

"Oder doch wenigstens keiner schönen; – ohne Umgebungen ..."

"Bitte sehr! ..."

"Oder doch wenigstens keine interessanten."

"Entschuldigen Sie; Franzensbad liegt eine Viertelstunde weit von Eger – der Stadt, in welcher Wallenstein ..."

"Ermordet wurde! – Abgedroschen, Doktor."

"Aber geschichtlich."

"Um so schlimmer, ich mag die Geschichte nicht, am wenigsten die alte – sie hat mir in meiner Kindheit Kopfzerbrechens genug gemacht."

"Bedenken Sie! Wallenstein ... dreimal Herzog, Generalissimus " in optima forma " der kaiserlichen Armee unter ..."

"Ferdinand dem – Ersten."

"Dem Zweiten – mit Ihrer Erlaubnis."

"Doktor, Sie sind ein Pedant, lassen Sie den Wallenstein in Ruhe und fahren Sie fort in Ihrer Aufzählung von Franzensbads unterhaltenden Umgebungen."

"Unterhaltend? ... ja ..."

"Sie stocken? – Sind die Herrlichkeiten schon zu Ende? Soll ich eine langweilige Reise unternehmen, um den Fleck kennen zu lernen, an welchem ein berühmter Mord begangen wurde? – Ist das die einzige Merkwürdigkeit in der Nähe Ihres Badeortes? Man muß gestehen, sie ist erheiternd! Sehr geeignet für Leute, die sich zerstreuen sollen ..."

In diesem Tone zankte sie fort, bis endlich der Arzt sich erhob, nachdem er versprochen, seiner Patientin alle Bücher zu senden, welche jemals über den Badeort geschrieben worden, den dieselbe besuchen sollte, und welche sie besser als sein schlechtes Gedächtnis über dasjenige unterrichten würden, was sie an Franzensbad zumeist interessierte: die Mittel, die es biete, sich die Zeit zu vertreiben.

Eine halbe Stunde später durchforschte die Dame eifrig die Titel einer eben erhaltenen Sendung Bücher. Es waren invalide Veteranen des Buchhandels, Adoptivkinder des Antiquars: keine Miniaturausgaben, in goldgepreßtem Einbande, kein Velin-Papier mit zierlich typographischer Ausstattung. Das war alles einfach bis zur Ärmlichkeit, ältlich und etwas verschossen, trocken und bedächtig, wie das Aussehen der Herrn Verfasser aus der Zopfzeit selbst.

Auf den grauen Umschlägen standen, so steif wie ein Bataillon Linien-Infanterie, von der Autoren eigener Hand hergesetzt, einige widmende Zeilen an ärztliche Autoritäten, welche das Geschenk in altersgrauer Zeit erhalten – vielleicht gelesen – und in einer schwachen Stunde undankbarerweise veräußert hatten.

Das erste Buch, welches unserer Patientin in die Augen fiel, trug den imponierenden Titel: "Chemisch-medizinische Beschreibung des Franzensbades, von Dr. Reuß, Bergrat" – schaudernd legte sie es beiseite.

Das zweite: "Die Mineralquellen zu Franzensbad, von Dr. Osann, geheimem Medizinalrat".

Das dritte: "Über die Wirkungen und Anwendungen der Heil-Quellen zu Franzensbad, von Dr. Niclas Benedict Conrath, Rat und Brunnenarzt" –

"An was denkt der Doktor?" rief die Dame ungeduldig aus, "mir traut er zu, diese gelehrten Pillen zu verschlucken, und wohl auch zu verdauen? –

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