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Aus schierer Wut In D. H. Lawrence' Schatten von Dyer, Geoff (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.11.2016
  • Verlag: DUMONT Buchverlag
eBook (ePUB)
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Aus schierer Wut

Ehrfurcht ist die Mutter aller Schreibblockaden. Das bekommt auch Geoff Dyer zu spüren, als er sein nächstes Buch angeht: eine Studie über sein Vorbild D. H. Lawrence, den Schöpfer der Lady Chatterley Aus schierer Wut But Beautiful Zona Another Great Day at Sea Sex in Venedig, Tod in Varanasi Aus schierer Wut

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 17.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832189341
    Verlag: DUMONT Buchverlag
    Originaltitel: 'Out of Sheer Rage'
    Größe: 1346 kBytes
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Aus schierer Wut

Die Glocken auf der Piazza Santa Maria in Trastevere schlugen Viertel vor eins - die längste Folge von Glockenschlägen: zwölfmal lang, dreimal kurz. Im Café White Peacock schlug eine Uhr zur Mittagsstunde. Ich stand auf und ging zum Lawrence-Museum hinüber. Im Schaufenster des Geschenkeshops waren kaum Lawrence-Devotionalien zu sehen: hauptsächlich Teddybären und Weihnachtsgeschenke. Das Haus Nummer 8a in der Victoria Street war restauriert und saniert worden, um "den Lebensstil der Arbeiterklasse in viktorianischen Zeiten und Lawrence' eigene frühe Kindheit" widerzuspiegeln.

Die Wohnstube war bedrückend, düster, weit entfernt von den hellen, skandinavischen Interieurs von Ikea. Ein viereckiger kleiner Wandteppich in einem Rahmen ließ die Worte "Home Sweet Home" wie einen Fluch erscheinen. Der Raum wurde von der Feuerstelle nebst Kamingitter dominiert, die beide schwarz gestrichen waren, in der Farbe von Kohlen. Alles an der Einrichtung suggerierte, dass Eigenheime den Look von Minen anstrebten - was sie in gewisser Weise auch taten. Statt der Erde, die von oben auf die Stollen drückte, spürte man hier das große Gewicht des düsteren Himmels auf sich. Die Stadt war ein dünnes Flöz, begraben zwischen Erde und Himmel. Selbst die Bezeichnungen für diese Art von Architektur sind beklemmend: Kochnische, Speisekammer, Sitzerker ... Die Enge, die man in solchen Häusern empfindet, hat nichts mit Gemütlichkeit zu tun. Gegen alles muss man sich zur Wehr setzen (vielleicht steckt das hinter dem Ausspruch "Mein Heim ist meine Burg"): Schmutz, das Wetter, Schulden, das Draußen. Diese Art zu denken setzt sich bis heute fort. Verlässt man das Lawrence-Museum und folgt dem blau markierten Weg um Eastwood herum, sieht man an den Türen vieler Häuser Schilder, auf denen Dinge stehen wie "Vorsicht vor dem Hund! Betreten auf eigene Gefahr!" oder "Bettler und Hausierer unerwünscht". Unter diesen Warnschildern liegt zum Wohle eines jeden, der vertraut genug ist, um sie ignorieren zu können, für gewöhnlich eine Matte, auf der steht: "Willkommen".

Im oberen Stockwerk befand sich ein Schlafzimmer, das aussah, als wäre jemand darin gestorben, vor einem Jahrhundert oder vorgestern, je nachdem, was länger her war. Schmutzig weiße, todesfarbene Nachthemden lagen ausgebreitet auf dem Bett, das aussah, als wäre es eigens entworfen, um darin zu sterben; zu sterben oder zu gebären, im Idealfall beides gleichzeitig. In einem Raum wie diesem erscheint Ruhe wie eine Unterart von Trauer. Museumsinstallationen umgibt immer ein Hauch von Tod. Häuser müssen leben; man kann sie nicht einbalsamieren. Dieses hier war eines natürlichen Todes gestorben, und dann, als es nicht mehr genutzt wurde, als es zerfallen war, hatte man es wiederzubeleben versucht, es aber nur in seinem toten Zustand konservieren können.

Ich eilte nach oben, erfüllt von dem vertrauten Drang, den Teil des Besuchs rasch hinter mich zu bringen, mit dem ich mich eigentlich hätte aufhalten sollen, den Teil, der mich überhaupt hierhergeführt hatte. In einem weiteren Raum des Obergeschosses war die Decke mit hellen Plastikblättern übersät, die - wie ich vermutete - die Nähe zum Sherwood Forest symbolisieren sollten. In der Zimmermitte hatte man der Reisetruhe des Schriftstellers mit den eingravierten Initialen D. H. L. einen Ehrenplatz eingeräumt. Die Reisetruhe war zu einer standortspezifischen Skulptur geworden. Man ging um sie herum. Das Einzige, was man mit einer Truhe wie dieser nicht hätte tun wollen, war reisen. Ich interessierte mich für Gepäck und hatte erwogen, dem Thema einen Teil meiner Studie zu widmen: seiner Entstehung und Entwicklung, der individuellen Matrix von Anforderungen, Funktionen und Beschränkungen (durch Gewicht und Größe), die einem jeden Gepäckstück zugrunde liegt. Für Lawrence war das kein Problem gewesen; damals hatte es Legionen von Gepäckträgern gegeben, die solche Truhen

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