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Balkan Blues Roman von Mujcic, Elvira (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.08.2019
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Balkan Blues

Oma ist tot - keiner hätte gedacht, dass sie tatsächlich noch mal stirbt -, und sie wünscht sich in der Heimat, in Bosnien, nach muslimischem Brauch begraben zu werden. So macht sich die 32-jährige Enkelin Lania zusammen mit ihren beiden Brüdern, die wie sie in Italien aufgewachsen sind, auf den Weg, der Großmutter den letzten Wunsch zu erfüllen. Ein melancholischer Roadtrip voller grotesker Hindernisse beginnt: mit dem Zug, Bus, per Anhalter und zu Fuß gelangen sie schließlich nach Srebrenica. Es ist eine Reise ins verwundete Herz Europas, auf der Suche nach der eigenen Identität, voll von schwarzem Humor und starken Gefühlen. Elvira Muj?i?, 1980 im heutigen Serbien geboren, hat in Bosnien und Kroatien gelebt, bis sie mit zwölf Jahren als Flüchtling nach Italien kam. Sie schreibt auf Italienisch, übersetzt aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen und ist Autorin mehrerer Romane und Theaterstücke. Elvira Muj?i? lebt in Rom.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 12.08.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641222130
    Verlag: btb
    Serie: btb 71664
    Originaltitel: Dieci prugne ai fascisti
    Größe: 2685 kBytes
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Balkan Blues

Wie es anfing

"Hallo?"

"Ich bin's ..."

"Du klingst komisch, was ist los?"

"Nana ist tot ..."

"Red keinen Blödsinn!"

"Den Tod nennst du einen Blödsinn!"

"Aber ... wie ist es denn passiert?"

"Wie soll's schon passiert sein. Sie ist siebenundachtzig."

"Mir wird schlecht ..."

"Scherz! Sie ist nicht tot. Ich wollte dich nur fragen, ob du mir das Geld für die Zugfahrkarte leihst ..."

"Mir ist fast das Herz stehengeblieben!"

"Ich mach doch seit Jahren immer denselben Scherz!"

"Was soll das denn für ein Scherz sein! Du weißt doch, was für eine schreckliche Zeit ich durchmache, bei allem, was mir passiert ist, und du kommst mir mit so was ..."

"Was ist denn passiert?"

"Ich hab mich doch getrennt, außerdem hatte ich ein Gerstenkorn und musste zum Augenarzt ..."

"Ah ja, stimmt, du und deine umgekehrte Geschichte ..."

"Wieso umgekehrt?"

"Was, wieso? Denk doch nach - sie hat so angefangen, wie sie aufhören musste, und sie war vorbei, als sie hätte anfangen müssen."

"Meinst du?"

"Was weiß ich. Außerdem ist es egal, jetzt ist es sowieso vorbei. Was ist jetzt? Gibst du mir das Geld für den Zug?"

"Ich kauf einen Fahrschein und schicke ihn dir ... und übrigens gibt es Leute, die mit siebenundachtzig noch Gleitschirm fliegen."

"Ja, ja, das tun sie alle!"

Vielleicht hatte mein Bruder recht. Nein, er hatte ganz bestimmt recht: Es war eine umgekehrte Beziehung. Als ich einen neuen Mitbewohner bekam, den ich intensiv hasste, was er mit gleicher Leidenschaft erwiderte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass eines Tages eine Liebesgeschichte daraus würde. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass ein verstopftes Klo der Zündfunke einer Liebe werden könnte. Aber so sind umgekehrte Geschichten eben, sie fangen da an, wo man es am wenigsten erwartet.

Es konnte nicht funktionieren, und Vorzeichen hatte es zuhauf gegeben: Ich war für wilde Streiks, und er dagegen. Er wählte gemäßigt, ich extrem. Ich rauchte zwanzig Zigaretten am Tag, er keine einzige. Aber wir hatten uns eingeredet, wir könnten einander entgegenkommen, uns irgendwo auf halbem Weg treffen. Aber es half alles nichts, obwohl er mir mit zehn Zigaretten täglich durchaus entgegengekommen war.

Wir haben Häuser, Viertel, Städte, ganze Länder zwischen uns gebracht. Wir haben uns so weit voneinander entfernt, bis wir uns nicht mehr sehen konnten.

Dann war wieder jeder nur er selber, und ich wusste nichts mehr anzufangen mit meiner Vorstellung von Paarbeziehung, die schön sein mochte, sicher auch gut verpackt, aber vollkommen für die Katz. Ich war in meiner Utopie gefangen und fand keinen Bach, nicht mal ein Rinnsal, auf dem ich ihr hätte entkommen können, hinunter ins Tal flutschen, wo ich mich sortiert und irgendwann wieder aufgerappelt hätte. Er hatte es geschafft, er war von einem Moment zum anderen nicht mehr da, einfach so, ohne Vorwarnung. So musste man es machen, einfach verschwinden.

Ich habe gewartet und ziemlich oft die Nacht zum Tag gemacht. Ich verbrachte viel Zeit mit Leuten, die so drauf waren wie ich, die abendelang die Lage analysierten und nicht fassen konnten, dass es aus war. Leute, die mit orthodoxen Priestern telefonierten und sich Psalmen vorlesen ließen, als wären es Horoskope oder Tarotkarten.

Irgendwann war es dann so weit: Das ursprünglich klare Bild hatte seine scharfen Konturen eingebüßt. Geblieben war mir die Empfindung einer Sehnsucht, während die eigentliche Sehnsucht sich verflüchtigt hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich gelernt hatte, damit zu leben.

Den Sommer mit der Familie verbringen zu müssen, das heißt: keinen Plan im Leben haben. Ich war das blasse Abbild einer unzufriedenen Sechzehnjährigen, die mit der Mutter Ferien macht. Nur war ich leider doppelt so alt. Ein ganzer Monat mit lauter Leuten, die man nolens volens liebt. Die einzigen Mensche

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