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Bei Regen im Saal Roman von Genazino, Wilhelm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.07.2014
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Bei Regen im Saal

Das Leben ist eine schwierige Sache, aber noch schwieriger ist die Liebe. Man hat nicht nur mit den eigenen Ansprüchen zu tun, sondern auch noch mit denen der Frau. Und die will eines Tages nicht mehr zusehen, wie der promovierte Philosoph und Provinzblattredakteur an ihrer Seite sich selbst ins Abseits manövriert. So überrascht es den Mann nicht, dass er sich eines Tages seinen Kram aus Sonjas Wohnung abholen soll und ihre Hochzeitsanzeige findet. Aber auch die Normalität ist keine Rettung, denn ein ordnungsgemäßer Ehemann macht Sonjas Leben zwar ordentlicher, aber auch unendlich langweiliger. Ein Happy End im Abseits - sollte man das für möglich halten? Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 28.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446246805
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 3699 kBytes
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Bei Regen im Saal

1

I ch wollte schnell zum Buffet, ein Glas Wein verlangen und mich dann in eine stille Ecke des Foyers verdrücken. Sogar hier, im Theater, fühlte ich meine Unruhe. Mein derzeit größter Wunsch war: Ich wollte einmal einen einfältigen Tag durchleben. Am liebsten wollte ich damit sofort beginnen. Der Wein kostete fünf Euro, ich reichte der Frau das Geld passend über die Theke. Ich stand in der Nähe einer hohen Glaswand und schaute auf die Straße hinunter. Obwohl ich mir die Hände gewaschen hatte, roch ich an meinen Fingern immer noch den Gummigeruch der Rolltreppenhandläufe. Der Geruch störte mich, aber ich wollte nicht noch einmal in die Toilette. Ich wollte über nichts nachdenken, machte mir aber trotzdem Gedanken, warum mir Gelassenheit manchmal gelang und manchmal nicht. Auf der Straße war kaum Verkehr. Ich war nicht sicher, ob ich nach dem Theater gleich nach Hause gehen würde. Das Theaterstück handelte von einer jungen Frau, die sich einbildete, sie sei eine Antilope geworden und werde demnächst als Antilope in einem Wald leben. Jetzt wollte die Frau ihre Freundin überreden, ebenfalls Antilope zu werden. Dann sollte die Freundin mit ihr in den Wald übersiedeln. Obwohl das Stück anregend und unterhaltsam war, empfand ich ein kleines Unbehagen. Es kam mir so vor, als hätte ich das Stück schon vor Jahren gesehen, was nicht der Fall war. Wahrscheinlich war ich mit vielen solcher Traumstücke vertraut, in denen verzweifelte Menschen das Unmögliche suchen und es nicht finden. Ich schaute immer noch auf die leere Straße hinunter und sagte mir: Man muss dort suchen, wo nichts geschieht. Nicht weit von mir wandelte eine blonde Frau mit einem Sektglas in der Hand. Ich kannte die Frau ein wenig und wunderte mich, sie im Theater anzutreffen. Sie arbeitete in der Bankfiliale, in der ich mein Konto hatte. Die Frau behandelte mich zuvorkommend und freundlich, obgleich sie mir stets unruhig und gehetzt erschien. Wahrscheinlich ähnelte sie mir, und es war mir unangenehm, die Ähnlichkeit zu bemerken. Offenbar war auch sie im Theater, weil sie hier ungestört ihre Zeit verbringen konnte. Vor etwa vierzehn Tagen war in der Bank ein etwa dreißigjähriger Mann vor mir an der Reihe. Die Bankfrau füllte für den Mann ein Auszahlungsformular aus und sagte kurz darauf ein wenig zu laut in den Schalterraum hinein: Ach so, Sie sind Analphabet. Der Mann nickte und sagte nichts. Sie schob ihm das Formular hin, und ich sah, wie der Mann dort, wo er hätte unterschreiben müssen, eine kurze Wellenlinie zog.

Ich hatte noch nie einen Analphabeten gesehen. Als er die Filiale verließ, ging ich eine Weile hinter ihm her. Von Zeit zu Zeit sagte ich mir: Schau, so sieht ein Analphabet aus. Ich brauchte eine Weile, bis ich mir eingestand, dass der Mann genauso aussah wie alle anderen auch. Der Wein war nicht besonders gut. Durch die Lichtreflexe der hohen Glaswände konnte ich weite Teile des Foyers überblicken. Die Frau aus der Bank hatte ich aus dem Blick verloren. Wenn ich ihr direkt begegnet wäre, wäre ich vermutlich versucht gewesen, mit ihr über das Theaterstück zu reden. So aber konnte ich unbehelligt mit mir selber herumempfindeln, ob ich schon nach dem Ende der Pause nach Hause gehen sollte oder nicht. Ich fand es nicht in Ordnung, dass ich vielleicht nicht mehr fähig war, ein Theaterstück bis zum Ende anzuschauen. Es war möglich, dass ich eine gewisse Unlust vor dem Wochenende empfand. Morgen war Freitag, und das bedeutete, dass ich früh zum Bahnhof eilte, um nach Karlsruhe zu fahren. Dort betrieb meine Tante Elli ein Schreibwarengeschäft. Tante Elli war die einzige Schwester meiner toten Mutter. Vor etwa einem halben Jahr hatte sie mich angerufen und gefragt, ob ich nicht an Wochenenden

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