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Belladonna von Drndic, Da?a (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2018
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Belladonna

Ein hochaktueller Roman über den Zustand unserer Welt. Andreas Ban ist ein Psychoanalytiker, der nicht mehr analysiert, und ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Ein echter Intellektueller, dessen Welt seit Jahren mehr und mehr verfällt, die nur noch aus Erinnerungen besteht, an Freunde und Geliebte, aber auch an die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Eine Parabel über die Tücken des Alterns in unserer gnadenlosen modernen Welt und einen wahren Helden unserer Zeit: einen vergessenen, verstoßenen Intellektuellen, der in einer Gesellschaft, die ewige Jugend predigt und kritische Gedanken unterdrückt, zu leben und denken versucht. Daša Drndić, geboren 1946 in Zagreb, war eine der wichtigsten kroatischen Autorinnen. Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ihr Roman Sonnenschein (Hoffmann und Campe 2015) war für den Internationalen Literaturpreis nominiert und wurde mit den renommierten Literaturpreisen Fran Galovic, Kiklop und dem Independent Foreign Fiction Readers' Prize ausgezeichnet. Drndić verstarb am 5. Juni 2018 in Rijeka.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 420
    Erscheinungsdatum: 20.02.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455002768
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 2206 kBytes
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Belladonna

So.

Jetzt ist er allein.

In einer schäbigen Wohnung in einer kleinen Stadt.

Über die Wohnung, auch über die Stadt hat er berichtet, geschrieben, gegrübelt, er wird es nicht mehr tun. Er denkt nicht mehr. Nicht an die kalte, düstere und heruntergekommene Wohnung, so wie auch er geworden ist, düster, heruntergekommen und zunehmend kälter, nicht an die Stadt, die er schon gänzlich abgeschrieben hat, als gäbe es sie nicht, als wäre sie zerstört, in ein apokalyptisches Loch gefallen, und er schwebt jetzt über dem Abgrund (wie Fausta Fink in ihrem roten Kimono), entfernt sich immer weiter, wird klein wie die Stille, bis er verschwindet.

Er könnte irgendwo sein, jetzt ist es egal.

Die Fensterläden öffnet er nicht, nur manchmal, wenn in seinem Kopf Musik erklingt und ihn aufwühlt. Wenn durch seinen Körper eine winzige Freude fährt, ein kleiner blasser Blitz, der aufleuchtet und rasch erlischt. Dann öffnet er die Fenster und schaut hinaus, verfolgt aus dem vierten Stock das Ein- und Ausfahren der Züge. Starrt auf die Hangars. Auf die Container, in die Ratten und Katzen springen, wartet darauf, dass sie durch den Müll tanzen, dann sagt er Ach , und sein Atem stockt. Mit Mühe hebt er die Augenlider, sein Blick überfliegt den Abschaum des Meeres, das drüben vor dem flachen Gebirge sanft schaukelt, dann fällt die Klappe, er igelt sich wieder ein, humpelt hastig und schwerfällig den elf Meter langen schmalen Flur hinunter, will sich wie ein Maulwurf in seinem dunklen Loch verkriechen, in seiner Grabesstille, und jedes Mal spürt er, wie sich die Wände verschieben, aufeinander zubewegen, näher rücken, fast wie ein Tunnel, und wie von Sinnen hüpft er den Gang entlang, raufrunter hopp raufrunter raufrunter hopp, damit ihn die Wände nicht erdrücken, zu einem dünnen Todesstrich zusammenpressen wie dem auf einem EKG -Monitor.

Das Spray , sagt er, wo ist das Spray? , inhaliert einmal, zweimal, dreimal.

Dann wird es besser. Er bekommt Luft.

Das Nachdenken hat er aufgegeben. Er hat schon alles überdacht, sein Leben. In kleine Haufen und Stapel hat er alles sortiert, Tage, Jahre, Geburten und Tode, Lieben, die wenigen, die es gab, Reisen, viele, Bekanntschaften, viele, Familiendramen, seine sinnlosen Unternehmungen und noch sinnloseren Kleinkriege, fast alle verloren, Sprachen, die eigene und fremde, Zeitgeister, all das hat er sorgfältig katalogisiert, und den ganzen Kram, den inzwischen nutzlosen Ballast, hat er verschnürt und in den Winkeln der geräumigen Wohnung verteilt, als stünde wieder ein großer Umzug bevor.

Eine Kaserne , sagt er, ich lebe in einer Kaserne.

Dieser Tage wird er jemanden beauftragen, den ganzen Abfall fortzuschaffen, den Plunder, zu dem sein Leben zusammengeschrumpft ist, er wird jemanden holen, der ihm die Klumpen verpfuschter Tage aus den Augen schafft, damit sie einander nicht mehr anstarren, er und die unzähligen Fetzen, die vor sich hin modern und einen widerwärtigen Mief absondern, der nicht beängstigend, nur irritierend und aufdringlich ist, während sie allmählich zu Staub zerfallen und seine Atmung behindern. Nehmen Sie alles mit, wird er sagen, weg damit. Die Bücher sind sortiert, er hat aufgeräumt, einige hat er weggeworfen, einige verschenkt. Er verschenkt auch seine Kleidung, die Schuhe, an manchen Tagen wie im Fieber. Zu viel Ballast hat sich angesammelt, allerhand Müll. Er verschenkt Mäntel, Jacken, Anzüge, Pullover, Hemden, ach, wie viele Hemden er doch hat, Schuhe, die er nie getragen hat.

So hat es auch seine Mutter vor etwas mehr als dreißig Jahren gemacht, kurz vor dem Ende, hat auf Reisen Teile ihres Lebens zurückgelassen, verschenkt, damals hat er es nicht verstanden. Als sie von einer Akupunktur-Ausbildung in China zurückkam, mit Paketen voller Nadeln, mit riesigen Gummiohren, auf denen die Akupunkturpunkte markiert waren, mit einem fast einen Meter großen Plastikmodel

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