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Blasse Helden Roman von Isarin, Arthur (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2018
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Blasse Helden

Mit seinem Debüt 'Blasse Helden' gelingt Norris von Schirach alias Arthur Isarin ein 'kühnes literarisches Abenteuer' (Viktor Jerofejew) Ausgerechnet in den Trümmern der Sowjetunion hofft der romantische junge Deutsche Anton jene Leichtigkeit zu finden, die er im Westen vermisst. Jenseits von Moral und Ideologie betritt er Anfang der 1990er Jahre Moskau wie durch eine Tapetentür, um hier auf dem ausgebrannten Stern ein radikal freies Leben zu führen, interessiert nur an Geld, Frauen und der großen russischen Kultur. Sein lustvoller Gleitflug endet jäh, als Putin ein Jahrzehnt später die Szene betritt. Anton muss sich entscheiden. Der Name Arthur Isarin ist das Pseudonym von Norris von Schirach. Er wurde 1963 in München geboren und arbeitete nach dem Studium in London, New York und Almaty sowie, von 1993 bis 2003, in Moskau. Dort erlebte er die Jelzin-Jahre, die geprägt waren durch Privatisierungen und dem damit einhergehenden Erstarken der Oligarchen sowie dem Abrutschen großer Teile der Bevölkerung unter die Armutsgrenze. Norris von Schirach hat einen Sohn und lebt heute abwechselnd in Australien und Rumänien (Bukarest). 'Blasse Helden' ist sein erster Roman, den er unter dem Namen Arthur Isarin veröffentlichte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 12.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641221720
    Verlag: Knaus
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Blasse Helden

I

TANZBÄR

Wann immer der Generaldirektor Igor Pawlowitsch in das Bürogebäude kam, gab sich die Rohstoffabteilung hochmotiviert. Er allein entschied über monatliche Menge und Preis, die eines der größten Stahlwerke an sie lieferte. Anton bemerkte zu seinem Missfallen, wie auch er im Umgang mit dem Sibirier eine devote Haltung annahm.

Alles lief nach der bewährten Routine ab. Zu Beginn war das Konferenzzimmer noch voll von Antons Mitarbeitern, die sich bereithielten, Igor Pawlowitschs Fragen zu beantworten. Anton folgte wortlos dem Abgleich logistischer Details. Noch eine halbe Stunde, dann wäre seine Mitarbeit gefragt. Es war sein neunter Monat in Moskau.

Er hatte die Stadt wie durch eine Tapetentür betreten, und man stellte ihm eine kleine Wohnung aus den dreißiger Jahren in der für hiesige Verhältnisse engen Brjussow-Gasse zwischen Twerskaja und Tschaikowski-Konservatorium zur Verfügung. Das hohe graue Haus in bester Lage stammte vom Architekten des Lenin-Mausoleums, was als Erklärung für die düsteren Räume galt. Unter Stalin war das Gebäude verdienten Künstlern vorbehalten gewesen, woran der Straße zugewandte Reliefs in der Hauswand erinnerten. Die Wohnung im dritten Stock hatte zwei Zimmer, die in etwa gleich hoch wie breit waren. Aus den Fenstern blickte man auf Pappeln und auf ein Wohnhaus aus den zwanziger Jahren. Im Sommer wartete er manchmal auf dem klobigen Steinbalkon, bis die Klingel des Konservatoriums läutete, um dann erst in einen der Säle hinüberzugehen. Bis zum Büro in Kitai Gorod, einem der ältesten Viertel Moskaus, waren es zehn Minuten mit dem Wagen. Es unterschied sich völlig von seinem letzten Arbeitsplatz in Manhattan, wo er als Controller für eine Versicherungsgesellschaft gearbeitet hatte. Dort saß er im 28. Stockwerk über der Wall Street, hier im ersten Stock eines kleinen Bürohauses, das eben erst errichtet zwischen heruntergekommenen Mietshäusern stand.

Den November '89 hatte er mit Freunden auf der Berliner Mauer verbracht, und als diese schließlich fiel, wünschte er sich nur noch, so weit wie möglich in den Osten einzutauchen.

Zurück in New York, begann er Russisch-Unterricht zu nehmen, knüpfte Kontakte zu Emigranten und aß an den Wochenenden Borschtsch in Brighton Beach. Einer seiner Onkel, ein Anwalt aus Köln, machte ihn auf einen Mandanten aus Moskau aufmerksam, und während seines nächsten Besuchs in Deutschland traf er sich zum ersten Mal mit Paul Ehrenthal.

Der etwas linkische Kaufmann mit baltisch-deutschen Wurzeln und einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung lebte seit Anfang der siebziger Jahre als Handelsvertreter in Moskau. Die Sowjetunion duldete seit ihren Anfängen einige wenige privatwirtschaftliche Organisationen, um unverzichtbare Importe abzuwickeln. Als die Wirtschaftsreformen Ende der achtziger Jahre Wirkung zeigten, hatten solche kommerziellen Strukturen aufgrund von Kapitalausstattung, Organisationsgrad und Netzwerk einen Vorsprung gegenüber den neu auftretenden Konkurrenten. Mitunter verzettelten sie sich jedoch in einem übermütigen Aktionismus, der in allerlei unsinnige Investitionen mündete. Auch Ehrenthal versuchte auf die für seine Verhältnisse meist zu schnellen Züge aufzuspringen. Tatsächlich erzielte er zunächst im Rohstoffbereich einige Anfangserfolge, wurde in letzter Zeit aber von smarten jungen Russen aus den lukrativeren Geschäftsfeldern verdrängt. Sie hatten bei dem trägen und zaudernden Ehrenthal leichtes Spiel.

Der ehrbare hanseatische Kaufmann, wie er sich selbst gerne nannte, der mental immer ein erbsenzählender Handelsvertreter blieb, war längst vom neuen Russland überfordert und flüchtete sich in nostalgische Schwärmerei für die Sowjetunion der siebziger Jahre. Stetes Lamentieren und der Hang zum Belehren verrieten seine Bereitschaft, sich mit den Krümeln zufriedenzugeben, die die echten Oligarchen übrig ließen.

Ehrenthal war auf der Suche nach einem vertrauenswü

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