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Blaubart Eine Erzählung von Frisch, Max (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.12.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Blaubart

"Freispruch mangels Beweis. Wie lebt einer damit? Ich bin vierundfünfzig", heißt es zu Beginn der Erzählung. Dr. med. Felix Schaad stand in Verdacht, mit seiner Krawatte seine ehemalige Frau Rosalinde Zogg erdrosselt zu haben. Für den Staatsanwalt steht das Motiv fest: Eifersucht. Der Staatsanwalt will Schaad für zehn Jahre ins Zuchthaus schicken, doch das Gericht erkennt auf Freispruch. "Was meinen Blaubart betrifft: Schaad weiß nicht, was er unter Schuld versteht, und er ist nicht der einzige, der das heute nicht weiß, glaube ich. Schaad hat ein latentes Schuldgefühl. Vor Gericht wird ihm ein Delikt unterstellt, das er nicht begangen hat. Er weiß, daß er nicht der Täter gewesen ist, aber er kann nicht sagen: Ich bin unschuldig. ... Für mich geht es in diesem etwas schauerlichen Buch zentral um die Frage von Schuld - Unschuld in einem Fall, wo die Schuld nicht belegbar ist durch die Tat. ... Ich habe den Kriminalfall so durchschnittlich wie möglich gewählt, damit er nicht das Interesse abzieht, denn nicht dieser Kriminalfall hat mich interessiert, sondern die Technik der Wahrheitsfindung, das Gericht als Beispiel..." (Aus einem Gespräch zwischen Max Frisch und Günter Kunert) Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb am 4. April 1991 an den Folgen eines Krebsleidens in seiner Wohnung in Zürich. 1930 begann er sein Germanistik-Studium an der Universität Zürich, das er jedoch 1933 nach dem Tod seines Vaters (1932) aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Er arbeitete als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung. Seine erste Buchveröffentlichung Jürg Reinhart . Eine sommerliche Schicksalsfahrt erschien 1934 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. 1950 erscheint Das Tagebuch 1946-1949 als erstes Werk Frischs im neugegründeten Suhrkamp Verlag. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 172
    Erscheinungsdatum: 12.12.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518750568
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1265 kBytes
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Blaubart

- Kennen Sie diese Krawatte, Herr Schaad?

- Sie wurde mir schon einmal gezeigt.

- Das ist die Krawatte, die bei der Erdrosselung verwendet worden ist, wie Sie wissen, vermutlich war das Opfer schon erstickt, aber der Täter glaubte offenbar nicht, daß die Frauenbinde im Mund genügte, und so verwendete er auch noch diese Krawatte.

- Ich bin nicht der Täter.

- Sie haben meine Frage verstanden?

- Ja.

- Ist das Ihre Krawatte oder nicht?

- Mag sein ...

- Ja oder nein?

- Ich fühlte mich in ihrer Wohnung wie zu Hause, das sagte ich schon, vielleicht habe ich einmal die Krawatte ausgezogen, weil es ein heißer Tag war. Das ist denkbar. Ich war in ihrer Wohnung immer nur tagsüber. Das sagte ich schon. Und dann habe ich sie vielleicht vergessen, meine Krawatte, das ist möglich. Ich trage nicht immer eine Krawatte, wenn ich auf die Straße gehe, und so ist meine Krawatte in ihrer Wohnung geblieben.

- Herr Doktor Schaad ...

- Das ist denkbar.

- Die gerichtswissenschaftliche Expertise, die uns vorliegt, läßt keinen Zweifel zu, Herr Doktor Schaad: Es ist Ihre Krawatte.

Freispruch mangels Beweis -

Wie lebt einer damit?

Ich bin vierundfünfzig.

- Sie erinnern sich also nicht, Herr Schaad, und Sie können noch immer nicht sagen, wo Sie gewesen sind an diesem Samstagnachmittag, als Rosalinde Z. in ihrer Wohnung in der Hornstraße erdrosselt worden ist mit Ihrer Krawatte ...

Was hilft, ist Billard. Ich zucke nicht mehr mit dem Stock, sondern stoße genau und sanft, so daß die Kugel wirklich rollt. Die Hand wird sicherer, wenn man jeden Abend spielt, und das Selbstvertrauen nimmt zu, die Gelassenheit, wenn ein kühner Einfall behutsam zu vollstrecken ist. Ich bringe es schon zu Serien von drei bis vier Treffern. Erst wenn ich verfehlt habe, so daß der Partner an der Reihe ist, und wenn ich neben dem grünen Tisch stehe und warten muß, bis mein Partner verfehlt hat, höre ich wieder den Staatsanwalt, während ich mit der blauen Kreide meinen Stock reibe:

- Als Sie von Ihrer damaligen Arztgehilfin gehört haben, daß Rosalinde Z. am Samstag ermordet worden sei, das war also am Montag, als Sie in die Praxis kamen und taten, als wüßten Sie von gar nichts ...

- Am Sonntag erscheinen keine Zeitungen.

- Und deswegen wußten Sie von gar nichts?

- Das ist richtig.

- Und warum, Herr Doktor Schaad, haben Sie denn die Arztgehilfin sofort gefragt, ob Rosalinde Z. erdrosselt worden sei?

- Das war meine erste Vermutung.

- Wieso erdrosselt?

- Dirnen werden meistens erdrosselt.

Billard kann man auch allein spielen. Wenn ich verfehlt habe, so daß der Partner an die Reihe käme, und es ist kein Partner da, schieße ich mit der Hand die drei Kugeln in alle Richtungen, und zwar blindlings und heftig, so daß es knallt: ich ersetze den Partner durch den Zufall. Ich mogle nicht, das hat keinen Sinn, ich anerkenne jede Position, die sich ergibt, wenn die Kugeln endlich stehenbleiben.

- Warum lügen Sie? Alles was Sie sagen, Herr Doktor Schaad, gibt kein Alibi. Warum legen Sie nicht endlich ein Geständnis ab?

Wenn ich weiß, wie meine Kugel laufen soll, und wenn ich den Stock ansetze, so ist meine Hand, die linke, die nicht stößt, sondern den stoßenden Stock zu tragen hat, vollkommen ruhig.

- Und warum, Herr Doktor Schaad, sind Sie nicht zum Begräbnis gegangen? Es gab keinen Notfall, der Sie um diese Zeit verhindert hätte. Auch das stimmt ja nicht! Sie blieben in der Praxis und untersuchten einen leichten Fall von Hepatitis, dazwischen hatten Sie ein längeres Telefonat mit ei

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