text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Blaue Blumen Roman von Saavedra, Carola (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2015
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)

9,99 €1

9,49 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Blaue Blumen

Eine Frau schreibt Briefe an einen Mann, der sie verlassen hat, aber der Mann, der sie erhält und liest, der von ihnen berührt und ergriffen wird, so sehr, dass er nicht mehr zur Arbeit geht, ist gar nicht der richtige Adressat. Er selbst lebt in Trennung von seiner Frau und seinem Kind, ist ebenfalls verlassen worden und so wechselt sich seine eigene Geschichte ab mit den Briefen, die offenbar irrtümlich bei ihm landen und auf die er zu warten beginnt. Welche Wirkung werden diese Briefe über Liebe und Lust, Abhängigkeit und Verrat, über Nähe und Gewalt am Ende haben? Und wer ist ihr wahrer Adressat? Ein kluger, intensiver und leidenschaftlicher Roman über Gefühle und Sprache, über die Liebe und ihre Macht, über Trennungen und Neuanfänge. Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman 'Landschaft mit Dromedar'. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Mit 'Toda Terça'? (2007) gewann sie den APCA-Preis in der Kategorie 'Bester Roman'. Die Zeitschrift 'Granta' zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens. 'Blaue Blumen' erschien zuerst 2008.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 223
    Erscheinungsdatum: 11.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406675683
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Originaltitel: Flores azuis
    Größe: 2711 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Blaue Blumen

19. Januar

Liebster,

eine Trennung, sagt man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, mit dem ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage. Ich glaube, wenn ich deinen Namen rufe wie eine Zauberformel, bewirke ich, dass du dich umdrehst und mich ansiehst, und ohne dass du es begreifst, verläuft dann zwischen uns ein Pfad, spannt sich eine Brücke.

Wie aber ruft man einen Menschen, der fortgegangen ist? Einen Menschen, der weit weg ist? Die Distanz zwingt uns zu einem ernsten Ton, einem weniger intimen. Wie aber kann ich einem Menschen gegenüber distanziert sein, der mir gerade noch ganz nah, der eben noch an meiner Seite war, vor Kurzem noch neben mir lag, in meinem Bett, wo man jeden Tag, jede Nacht etwas so Intimes wie die Decken und Laken miteinander geteilt hat, bis der Tag angebrochen ist und nur die Laken zurückgeblieben sind, kalt und nackt, befleckt und von Nacht durchtränkt? Wie steht man auf aus dem gemeinsamen Bett und geht zur Förmlichkeit über?

Ich stelle mir vor, du bist jetzt in deiner Wohnung, sitzt auf deinem Sofa, in deinem Lieblingssessel oder auf irgendeinem Stuhl, der achtlos an den Tisch in der Küche oder den Esszimmertisch gestellt worden ist. Dort sitzt du wahrscheinlich mit einem Glas Wasser oder einer Tasse Kaffee. Du hältst diesen Brief in der Hand und wunderst dich, fragst dich, vielleicht verärgert, wozu das jetzt, du hast dich doch längst getrennt, bist gegangen, warum so weitermachen, warum solltest du noch mal gehen, wieder und wieder, das könntest du dich fragen. Die Antwort ist, ich weiß es nicht, aber vielleicht, um etwas zu retten, etwas, das nicht zu retten ist, warum sonst? Vielleicht ein Versuch, dich davon abzuhalten, dass du aufstehst, das Fenster schließt, auf einen Schalter drückst oder gar ans Telefon gehst; das Telefon, das klingelt; der Wind, der wütet; jemand, der dir von einem anderen Balkon aus zuwinkt, wieder das aufdringlich klingelnde Telefon, aber du bleibst sitzen, fremd und stumm, diesen Brief in den Händen, in deinen Händen, die ich so sehr fürchte und die ich mir jetzt herbeiwünsche, liebevoll und sanftmütig, nur das Weiche oder Raue dieser Seiten und das Kräuseln der nicht zu erkennenden Fasern, die immer wieder neu entstehen und sich dann zersetzen, eine ständige Bewegung. Aber vielleicht lässt sich wirklich nichts mehr retten.

Vielleicht ist alles unrettbar verloren, alles, nicht nur die Vergangenheit und das, was an Erinnerungen verloren geht, sondern auch die Gegenwart, das Jetzt, das so lebendig scheint, so konkret. Selbst wenn ich wollte, selbst wenn ich mich anstrengen würde, selbst wenn du es tätest. Das ist doch traurig, findest du nicht? Ich versuche, mir den Ausdruck auf deinem Gesicht vorzustellen; mir dein Gesicht vorzustellen, deinen Mund, deinen Blick in diesem Moment, in genau diesem Augenblick, der nichts weiter ist als ein Raum, der uns trennt, die Distanz zwischen deinen und meinen Händen, zwischen meinen Fingern, die über die Tasten dieses Geräts huschen, und deinen, die über die Textur des Papiers streichen. Du in deinem Sessel, auf einem Stuhl oder dem Sofa; die Wohnung, die ich so gut kenne, die Buchstaben, die Wörter, die ich wähle, die Verknüpfung der Wörter; die Verknüpfung, die immer wieder eine andere ist, die von der Zeit gelöst wird, vom steten Älterwerden. Wie lässt sich die Entfernung überwinden, die uns trennt? Diese Kluft zwischen dem, was ich schreibe, und dem, was du liest, diesem Augenblick, der nie kommt, den es nie gibt.

Ich denke an den Ausdruck auf deinem Gesicht, jetzt und früher, wenn ich dich ab und zu etwas gefragt habe, auch irgendwelchen Unsinn, zum

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen